Wer in Kleinsteinach durch die Matzengasse läuft, hat ein Stück jüdische Geschichte in dem kleinen Ort vor Augen. Nur wird das den wenigsten Besuchern bewusst sein: Matzen, das ist ein dünner Brotfladen, den Juden traditionell während des Pessachfestes (Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei) essen. In dem Riedbacher Ortsteil Kleinsteinach lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast 160 Juden, was einem Bevölkerungsanteil von über 40 Prozent entsprach.

Jüdische Bäckerei

In der Matzengasse gab es eine jüdische Bäckerei, in der die Juden aus dem Umkreis ihr Brot kauften. Elke Heusinger, die Zweite Bürgermeisterin Riedbachs (CSU), weiß das. Aber viele andere wissen es nicht.
In Kleinsteinach selbst gibt es zwar ein Bewusstsein über die jüdische Vergangenheit des Ortes, aber keine konkrete Anlaufstelle, die diese Geschichte detailliert erzählen könnte. Das soll sich jetzt ändern. Die Gemeinde Riedbach plant im alten Lehrerhaus in Kleinsteinach eine Dauerausstellung zu dem Thema und will sich dabei nicht auf ein paar Räume beschränken, sondern das ganze Dorf mit einbeziehen. Inklusive des etwa eineinhalb Kilometer außerhalb gelegenen jüdischen Friedhofs mit Taharahaus, in dem einst die Verstorbenen für die Bestattung vorbereitet wurden.

Die Gemeinde hat einen neunköpfigen Arbeitskreis gegründet, um das Museum zu entwickeln. Dazu gehört auch Bürgermeisterin Birgit Bayer (Freie Wählergemeinschaft), die das Projekt energisch vorantreibt. Als der Fränkische Tag wegen eines Ortstermins anfragt, antwortet Bayer aus dem Urlaub und organisiert ein Treffen mit ihrer Stellvertreterin Elke Heusinger und Josef Starkl, dessen Planungsbüro in Seßlach mit der Planung und Umsetzung der Ausstellung beauftragt ist.

Auf der einen Seite möchte Riedbach laut Starkl mit dem Vorhaben etwas für die Bildung tun (Workshops mit Schulen und Seminare) sowie ein Stück Kleinsteinacher Geschichte festhalten. Auf der anderen Seite, so erklärt er weiter, geht es auch darum, den Tourismus zu fördern und die Attraktivität und Identität des Ortes zu verbessern. "Und zwar, indem man mit dem Material arbeitet, das man vor Ort hat, und nicht irgendwas herbeischafft", sagt Starkl. Dafür habe sich die nachweislich seit dem 15. Jahrhundert in Kleinsteinach verankerte jüdische Kultur angeboten.

200.000 Euro veranschlagt

Um das insgesamt rund 200.000 Euro teure Vorhaben (voraussichtliche Förderquote zwischen 60 und 70 Prozent) zu verwirklichen, machen sich die Verantwortlichen viel Mühe. Sie sammeln derzeit Ideen und Material. In der Ausstellung selbst sollen dem Besucher verschiedene Exponate und Dokumente das damalige jüdische Leben in dem Dorf näherbringen.

Wie Elke Heusinger erklärt, gibt es derzeit Überlegungen, Audio oder Videodateien zu erstellen, in denen Zeitzeugen über die Zeit der Juden in Kleinsteinach berichten: So gibt es zum Beispiel Einwohner, deren Eltern noch in jüdischen Geschäften oder Unternehmen gearbeitet haben oder die anderweitig direkt von der damaligen Zeit erzählen können (schon bis zum Ersten Weltkrieg im ersten Viertel des 20. Jahrhundert gab es eine starke Auswanderungstendenz bei der jüdischen Bevölkerung, im Rahmen der Machtergreifung der Nazis verließen weitere Juden den Ort, einige wenige, die geblieben sind, wurden deportiert).

Rundgang durch das Dorf

Außerdem sollen in der Ortschaft selbst Schilder und Schautafeln erklären, wie und wo die jüdische Gemeinschaft einst gewirkt hat: die ehemalige Schule, die (abgerissene) Synagoge sowie ein Fußweg zum jüdischen Friedhof. Auch auf Englisch soll die gesamte Ausstellung gezeigt werden. Heusinger glaubt, dass, wenn das Konzept entsprechend umgesetzt wird, "das Interesse groß ist." Auch bei der internationalen jüdischen Gemeinde: "Es kommen im Jahr zwei bis drei Familien aus Amerika, die nach ihrer Familie forschen", sagt Heusinger.

Um eine umfangreiche Ausstellung im renoviertem ehemaligen Lehrerhaus zu ermöglichen, hoffen die Gemeinde und Josef Starkl auch auf die Mithilfe aus der Bevölkerung. Bürger des Landkreises, die zuhause noch Dokumente oder potenzielle Ausstellungsstücke haben, mögen diese der Gemeinde zur Verfügung stellen, bitten sie. Denn es geht in der Ausstellung auf zwei Ebenen nicht nur um die Geschichte der Kleinsteinacher Juden: Im Obergeschoss soll die Verankerung der jüdischen Kultur in der gesamten Region dargestellt werden.