Maroldsweisach
Landwirtschaft

Pflanzenschutz:Fluch oder Segen?

Zwei Bauern in Maroldsweisach gehen in die Offensive. Anhand eines Feldes wollen sie aufzeigen, dass Feldbau heute nicht ohne Chemie auskommt.
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Werner Wunderlich (rechts) mit dem Chemiker Dr. Konrad Richter am Ort seines "Protestes" bzw. seiner Infotafel am Radweg bei Voccawind. Im Vordergrund "unbehandelter Mais", dahinter behandelter.  Fotos: Helmut Will
Werner Wunderlich (rechts) mit dem Chemiker Dr. Konrad Richter am Ort seines "Protestes" bzw. seiner Infotafel am Radweg bei Voccawind. Im Vordergrund "unbehandelter Mais", dahinter behandelter. Fotos: Helmut Will
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Am Fahrradweg bei Voccawind fällt dem Passanten ein rotumrandetes Schild ins Auge. "Ernte in Gefahr", ist darauf in großen Lettern zu lesen. Dort, wo das Schild steht, ist ziemlich viel "Unkraut" zu sehen, dahinter wächst, relativ stattlich, Mais. Aufgestellt hat dieses Schild der Landwirt Werner Wunderlich aus Maroldsweisach. Wunderlich bewirtschaftet in der Marktgemeinde als Vollerwerbslandwirt einen etwa 500 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb, fünf Prozent der Fläche hat er stillgelegt.

Auf Nachfrage erklärt Wunderlich den Hintergrund: "Ich möchte damit vorbeifahrende Radler oder Spaziergänger informieren, warum Landwirte auf modernen Pflanzenschutz nicht verzichten können. Und hier wird es augenscheinlich."

Die Gegenargumente liefert der Bund Naturschutz (BN). Der BN im Landkreis teilt auf Anfrage mit, dass die als Pestizide bezeichneten giftigen chemisch-synthetischen Stoffe und Stoffkombinationen wegen ihrer Wirkung auf Tiere und auf Pflanzen in ihrer Verwendung stark zu reduzieren seien. Einige dieser Pflanzengifte, wie Glyphosat oder die Neonikotinoide, gehörten gänzlich verboten, heißt es da.
Der 62-jährige Werner Wunderlich sitzt mit seinem Sohn Kai im betrieblichen Büro, jeder hinter einem Bildschirmarbeitsplatz. Aktenschränke sind gefüllt mit Ordnern, Papier überall. Der Landwirtschaftsmeister ist auch auf Facebook präsent, um dort über Pflanzenschutz und sonstige bäuerliche Belange zu informieren.


Zu Unrecht angegriffen

Warum setzt er sich ein, um über Pflanzenschutz in der Landwirtschaft zu informieren? "Weil viel zu wenig bekannt ist, dass es ohne einen sinnvollen und modernen Pflanzenschutz in der Landwirtschaft nicht geht", sagt er. Häufig würden die Landwirte angegriffen. "Wir kommen uns vor wie die Buh-Männer der Nation." Sein Sohn Kai, der mit ihm zusammen den großen landwirtschaftlichen Betrieb führt, ergänzt: "Wir würden keinen Pflanzenschutz anwenden, wenn es nicht nötig wäre, um Erträge zu erzielen. Ohne Erträge kann ein Landwirt nicht bestehen." Was passiert wenn man keine Pflanzenschutzmittel anwendet, "ist an der Stelle zu sehen, wo wir das Hinweisschild aufgestellt haben." Ohne Pflanzenschutz, so ist sich Kai sicher, könnte die Landwirtschaft die Weltbevölkerung nicht ernähren, zu gering wäre der Ertrag.


"Integrierter Pflanzenbau"

Landwirtschaftsdirektor Joachim Dömling, Pflanzenbauberater beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Schweinfurt, sagt zum Thema Pflanzenschutz: "Grundlage für ordnungsgemäße Landwirtschaft ist der sogenannte ,integrierte Pflanzenbau'. Ziel ist dabei, Pflanzenschutzmittel und Düngemitteln so einzusetzen, dass hochwertige Produkte unter hoher Schonung der Umwelt erzeugt werden können. Dazu gehören angepasste Fruchtfolge und resistente Sorten, Einsatz von Prognosemodellen, Monitorings für Krankheiten und Schädlinge mit Beratungsempfehlungen, Schutz des Trinkwassers durch angepasste Düngung, um einiges zu nennen."

Er stellt auch klar: "Auf Düngung kann nicht verzichtet werden, weil die mit den Ernteprodukten abgefahrenen Nährstoffe wieder ersetzt werden müssen, um den Boden nicht auszulaugen und die Ertragsfähigkeit zu erhalten."
Klaus Merkel, Kreisobmann des Bauernverbandes Hofheim bringt die Diskussion um Pflanzenschutz mit einem Satz auf den Punkt, indem er einen Wissenschaftler zitiert: "Moderne Pflanzenschutzmittel haben nicht die Giftigkeit einer Kochsalzlösung."

Kulturpflanzen seien von vielen Schädlingen bedroht und Unkräuter konkurrierten mit Kulturpflanzen um Nährstoffe, Wasser und Licht und Schadorganismen befielen die Pflanzen, sagt Klaus Merkel. Deshalb müsse die Landwirtschaft reagieren und unter Anwendung situationsbezogen Pflanzenschutzmittel anwenden, um auf der zur Verfügung stehenden Nutzfläche Lebensmittel in der benötigten Menge zu erzeugen. "Verbraucherschutz hat für Landwirte einen hohen Stellenwert. Pflanzenschutzmittel werden intensiv auf ihre Wirkungen untersucht; ein kritischer Wirkstoff wird sofort den Entzug der Zulassung zur Folge haben", erläutert der Vertreter des Bauernverbandes.

Die Behauptung, dass immer mehr gespritzt werde treffe nicht zu. Wahr sei, dass die pro Hektar ausgebrachte Wirkstoffmenge seit 1990 erst stark zurückgegangen ist und seit 1995 weitgehend konstant bei 1,8 Kilogramm je hektar liegt. In der gleichen Zeit sei die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe von 280 auf unter 250 gesunken. So seien über 96 Prozent aller zugelassenen Wirkstoffe keiner Giftklasse mehr zugeordnet, das heißt sie liegen toxikologisch im Bereich von Kochsalz oder besser. Dass Landwirte entsprechend geschult werden, verstehe sich von selbst.


Unrentabler Aufwand

Etwas betrübt sind Werner und Kai Wunderlich, weil das Image ihres Berufsstandes oft unberechtigterweise leide. Vater und Sohn erläutern, dass der Zeitaufwand unter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln pro Hektar acht Minuten beträgt und in dieser Zeit 1,4 Liter Diesel verbraucht würden. Setzt man ein Hackgerät ein, wäre das schon ein Zeitaufwand von 1,5 Stunden und man würde zwölf Liter Diesel verbrauchen, dabei aber nicht die Unkräuter in den Reihen z.B. bei Mais erwischen. "Also unmöglich, auf den Einsatz von Pflanzenschutz zu verzichten", bedeutet Werner Wunderlich.
Sie bauen Weizen, Gerste, Raps, Mais, Luzerne und Gras an und betreiben auch eine Biogasanlage mit einer Leistung von 495 Kilowatt. 75 Prozent der Arbeitszeit sei dem "Bürokram" geschuldet, sagt Kai Wunderlich. Das binde eine volle Arbeitskraft und sei "fast nicht mehr zu stemmen."
Wieder auf den Pflanzenschutz eingehend erläutern Vater und Sohn, dass bei Mais für Herbizide pro Hektar zwischen 70 und 100 Euro aufgewandt wendet werden müssten, bei Raps seien das circa 200 Euro, jeweils die Arbeitszeit nicht mit eingerechnet. Die beiden Landwirte weisen darauf hin, dass die Spritzen hochtechnisiert sind, um eine Doppelbehandlung zu vermeiden. Computerprogramme, deren Anschaffungskosten "in die Tausende" gehen, unterstützen dabei die Landwirte.
Was würden sich Werner und Kai Wunderlich wünschen? Die Akzeptanz für Landwirte müsse besser werden, mehr Verständnis für deren Arbeit aufgebracht und diese wertgeschätzt werden und auch eine bessere und nicht eine einseitige Information sei nötig, sagen die beiden unisono. Eine ordnungsgemäße Düngung stelle hinsichtlich Umweltauswirkungen kein Problem dar.
"Gesetzliche Vorschriften wie die Düngeverordnung geben hier Vorgaben", sagt Landwirtschaftsdirektor Dömling. Diese Mittel unterlägen einem strengen Zulassungsverfahren und dürfen nur von sachkundigen Personen mit Prüfung oder Berufsausbildung eingesetzt werden.


BN warnt vor Krebsgefahr

Anders bewertet der BN die Düngung in der Landwirtschaft: "Glyphosat ist das in Deutschland und der Welt am häufigsten eingesetzte Pflanzengift und ist laut Krebsforschungsagentur der WHO wahrscheinlich krebserregend beim Menschen und es zerstört die biologische Vielfalt. Der BN bemängelt, dass die EU-Pestizidgesetzgebung und das Zulassungsverfahren von Glyphosat auf die Bedürfnisse der Hersteller zugeschnitten seien. Der Einsatz von Glyphosat auf landwirtschaftlichen Flächen sollte vollständig verboten werden, meint der BN.
So unterschiedlich sind die Meinungen und Aussagen und man wird wohl keinen Konsens finden, mit dem alle zufrieden sind.
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