Gleusdorf
Pflegeskandal

Noch immer dringen Hilferufe nach außen

Auch zwei Jahre nach den Verhaftungen in der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf ermitteln die Behörden. Weitere Ex-Mitarbeiter prangern Missstände an.
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Aus der Vogelperspektive: die umstrittene Seniorenresidenz im Gleusdorfer Schloss mit dem Ort, einem Gemeindeteil von Untermerzbach, im Hintergrund  Ralf Kestel
Aus der Vogelperspektive: die umstrittene Seniorenresidenz im Gleusdorfer Schloss mit dem Ort, einem Gemeindeteil von Untermerzbach, im Hintergrund Ralf Kestel

Es war ein herrlicher Herbstmorgen. Wolkenlos der Himmel, die Sonne erwärmte den Itzgrund, als sich am 24. November 2016 düstere Wolken über Schloss Gleusdorf zusammenzogen und graue VW-Busse der Kriminalpolizei vorfuhren. Wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen, Körperverletzung an Schutzbefohlenen und anderer Delikte erfolgten vor genau zwei Jahren Hausdurchsuchungen und Festnahmen in der Seniorenresidenz, einer geschlossenen Pflegeeinrichtung, in der zumeist Menschen aufgrund richterlicher Anordnung untergebracht werden.

Den Verdacht auf Totschlag erhebt die Staatsanwaltschaft Bamberg mittlerweile nicht mehr. Die Inhaftierten kamen unter Auflagen wieder frei. "Die Ermittlungen dauern weiterhin an. Weitergehende Auskünfte können derzeit nicht erteilt werden", ließ ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bamberg auf Anfrage der Redaktion aktuell wissen.

Gesprächiger geben sich neue Informanten, die allesamt in dieser Betreuungseinrichtungen im Itzgrund an der Grenze von Unter- zu Oberfranken arbeiteten. Sie kamen erst nach dem Polizeieinsatz oder kurz vorher ins "Horrorheim", wie die "Bild"-Zeitung vor zwei Jahren titelte. Und noch immer dringen Hilferufe von Heimbewohnern über verschiedene Kanäle nach außen. So hat eine frühere Mitarbeiterin in Führungsposition in mehreren Fällen einen Heimwechsel "vermittelt" und auch bei der Heimaufsicht die Problematik vorgetragen. Aus dem zuständigen Landratsamt in Haßfurt heißt es dazu aber. "Von Anfragen mehrerer Bewohner ist uns nichts bekannt, eine Bewohnerwechsel fand nach unseren Informationen in den letzten Wochen nicht statt."

Was zumindest für einen Fall im Juli dieses Jahres nicht stimmen kann, denn der Mann aus Thüringen beschäftigte sehr wohl die Aufsichtsgremien, was auch dokumentiert ist. Der Schriftverkehr und die entsprechenden Unterlagen liegen unserer Redaktion vor. Der 74-jährige Mann war nach einer Zahnoperation zunächst wieder im Heim und danach mit verkrustetem und verschleimtem Rachenraum im Klinikum Coburg gelandet, wo eine Lungenentzündung festgestellt wurde. Seit seinem Umzug in anderes Heim stellte sich eine deutliche Besserung ein.

Nicht anders war es vor einigen Jahren einem mittlerweile verstorbenen Mann aus einem Ort im Maintal ergangen, dessen Gliedmaßen abzufaulen drohten, wie nach seiner Verlegung in ein Altenheim im Maintal von den dortigen Pflegekräften sofort erkannt und auch dokumentiert worden war. Diese Fotos liegen der Kriminalpolizei vor und auch Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) war damit schon konfrontiert worden.

Dass weitere Heimbewohner auf Hilfe von außen warten, lässt sich auch aus dem Pflegebuch einer Beschäftigten herauslesen, die sich ganz aktuell bei unserer Redaktion meldete. "Ich bin ehrlich froh, dass ich des alles loswerden kann." Sie war vor zwei Jahren schon im Heim beschäftigt, als der Polizeieinsatz stattgefunden hat, und gibt zu, dass "auch ich Dokumente für Sachen unterschrieben habe, die wir gar nicht gemacht haben". Nach den Beweggründen für ihre Tätigkeit in dem Heim befragt, antwortet die junge Mutter aus dem Raum Ebern: "Ich brauchte das Geld." Nicht anders die Situation einer Alleinerziehenden aus dem Kreis Lichtenfels: "Mir hat der Heimleiter sogar gedroht, dass man mir mein Kind nehmen würde." Auch diese Zeugin gibt zu: "Wir haben gefälschte Medikamentenpläne und Dokumentationen abgezeichnet."

Beide Betreuerinnen berichteten - wie auch andere Informanten - von Missständen, die trotz der angeblichen engmaschigen Behördenkontrolle auch 2017 und 2018 auftraten. Mindestens seit Mitte 2017 grassiert die Krätze in dem Haus, womit sich Bewohner wie auch Pflegekräfte ansteckten.

Eine Helferin erzählt, dass sie für einen Zuckertest einer Heimbewohnerin Blut abnahm und erst viel später darüber aufgeklärt wurde, dass die Frau HIV-infiziert ist. Auch war sie im Nachtdienst mit der Situation konfrontiert, dass einer ihrer Schützlinge in Unterzucker fiel, die Küche aber - wie immer - ab den Abendstunden verschlossen war. Und: "Jeder von uns hat Tabletten gegeben und gemörsert."

Einer Helferin fiel dabei auf, dass Packungen dabei waren, deren Aufschrift aus der slawischen Sprachenfamilie stammte. Davon ist bei der Heimaufsicht im Landratsamt aber "nichts bekannt und wurde von in den bisherigen Prüfungen nicht vorgefunden", wie es auf Nachfrage unserer Redaktion heißt.

Die Informanten wundert das nicht. "Die Heimleitung weiß doch jedes Mal vorher, wann die kommen. Immer zwei Tage vorher müssen die Betten frisch bezogen werden." Eine der Pflegekräfte, die sich erst jetzt zum Auspacken durchgerungen hat, will sogar beobachtet haben, dass "eine Frau vom MdK (medizinischer Dienst) einen Tag vor dem eigentlichen Besuch in den Räumen der Verwaltung im Haus war. Am nächsten Tag gehörte sie dann auch zur ganzen Delegation".

Die Pflegerinnen wurden Augenzeugen, wie wehrlosen Heimbewohnern unter Anwendung von Gewalt Essen, das mitunter auch mit Beruhigungsmittel präpariert wird, eingegeben wurde. "Einmal hatte Herr XX (Name der Redaktion bekannt) danach Wasser in der Lunge, weswegen er vom Rettungsdienst abgeholt und ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich habe ihm am nächsten Tag noch seine Sachen gebracht, dabei aber auch erfahren, dass er nicht durchkommen wird. Er ist auch gestorben. Mein Stationsleiter hat mir nur geraten, mir keinen Kopf zu machen. Das bleibt unter uns", berichtet eine Helferin, die sich mittlerweile eine neue Anstellung gesucht hat. Bei einer zwischenzeitlich verstorbenen Frau aus dem Lautergrund war "die Zunge einfach runtergedrückt worden und der Inhalt einer Schnabeltasse reingeschüttet worden".

Ihr Pflegebuch samt Übergabe-Vermerken hat sie mitgenommen. Im Gegensatz zu vielen von ihren Kolleg(inn)en war es bei ihr nicht "plötzlich verschwunden" oder Seiten herausgerissen worden. Auch in diesem Pflegebuch finden sich Vermerke über Heimbewohner, die inständig versuchten, diese geschlossene Einrichtung wieder zu verlassen, und darauf, dass dies unterbunden werden sollte. Zitat: "XY (Name der Redaktion bekannt) will ständig telefonieren." Es gibt auch Hilferufe auf Handzetteln, zum Teil mit Bleistift hingekritzelt, die Mitarbeiterinnen zugesteckt wurden, um sie an Verwandte weiterzugeben.

Dem Pflegebuch zu entnehmen ist, dass im August 2017 ein Neuzugang nach wenigen Tagen schon wieder raus wollte und ausbüxte. "Versucht sich umzubringen", hat eine Pflegekraft notiert. Im Rahmen einer Suchaktion mit Polizeihubschrauber und Spürhunden wurde der Mittvierziger im Raum Rattelsdorf gefunden, tags darauf fand er sich in der Psychiatrie in Werneck wieder.

Erneut in den Fokus rückt eine Pflegefachkraft, deren Qualifikation nach Informationen aus dem Heim mittlerweile angezweifelt wird, weil Zeugnisse aus dem Ausland vorgelegt worden waren. Dazu die Stellungnahme aus dem Landratsamt: "Darüber kann aufgrund des Datenschutzes keine Aussage getroffen werden. Grundsätzlich wird jede Anerkennung zur Fachkraft von der Regierung überprüft."

Pikant wird die Personalie durch die Tatsache, dass diese Pflegefrau mehrfach mit dem früheren, zwischenzeitlich verhafteten Pflegedienstleiter gesehen worden ist und liiert sein soll, obgleich der unter anderem mit einem Kontaktverbot zu Beschäftigten der Seniorenresidenz aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Die aus dem Ostblock stammende Dame an seiner Seite soll, so die Aussage von Ex-Kollegen, geholfen haben, Teile des Lohnes von ausländischen Mitarbeiterinnen am deutschen Fiskus vorbei an die Verwandtschaft im Heimatland zu transferieren. Von den Aufsichtsbehörden gibt es dazu keine Stellungnahmen. Bei Anfragen werden zumeist datenschutzrechtliche Gründe vorgeschoben.



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