Laden...
LKR Haßberge
Kultur

Kunst in Zeiten der Isolation

Ausgangsbeschränkungen nehmen den Künstlern die Einnahmequellen. Bietet die Ausnahmesituation auch Chancen für die Kunst?
Artikel drucken Artikel einbetten
Benjamin Bochmann (links) mit Heidi Lehnert (Zweite von rechts) als Bremer Stadtmusikanten.  Foto: W. Lorenz
Benjamin Bochmann (links) mit Heidi Lehnert (Zweite von rechts) als Bremer Stadtmusikanten. Foto: W. Lorenz
+3 Bilder

Benjamin Bochmann kennt es nicht anderes: Das Gesicht kräftig gepudert, die Eselsohren auf den Kopf geklemmt und schon geht es als tierisches Mitglied der Bremer Stadtmusikanten auf die Bühne der Haßfurter Theaterwerkstatt. Danach folgt ein Aufritt als poesiegewandter Cyrano de Bergerac im Bamberger "Theater im Gärtnerviertel" - dieses Mal ohne Ohren, dafür mit großer Nase!

Sein Terminkalender war voll gestopft mit Proben und Aufführungen. Bis Corona das Land lahmlegte: "Da wir als freie Schauspieler arbeiten, liegt unser Verdienstausfall gerade bei nahezu 100 Prozent, und leider kann eben keiner sagen, wann diese Situation sich wieder lockert.", erzählt Bochmann. Auch seine Frau Heidi Lehnert ist Schauspielerin.

Ohne Publikum keine Kunst

"Social Distancing" lautet das Gebot der Stunde. Der Rückzug in die eigenen vier Wände soll der Pandemie den Garaus machen. Was die Menschheit schützt, treibt Kunstschaffende in den Bankrott. Ohne Gäste werden Theater geschossen und Konzerte abgesagt.

Alle aktuellen Informationen zum Thema gibt es im Corona-Live-Ticker für den Lkr. Hassberge

Vielen im Landkreis tätigen Künstlern sind alle Einnahmequellen weggebrochen. Die wirtschaftliche Situation freischaffender Künstler war auch vor Corona nicht leicht. Die meisten hangeln sich von Projekt zu Projekt. Krankheitstage werden eh nicht bezahlt. Jetzt, wo Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit ersatzlos gestrichen sind, fürchten viele um ihre Existenz.

"Da blutet einem das Herz"

"Komplett alles, was geplant war, ist weggebrochen. Alle Vorstellungen. Da blutet einem das Herz. Vier, fünf Wochen lang hat man geprobt und jetzt weiß man nicht, ob man das Baby gebären darf", erzählt Aline Joers. Die Schauspielerin gehörte bis 2013 zum Ensemble des "E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg". Seither ist sie freiberuflich tätig. Erst vor ein paar Monaten gastierte sie für eine Rolle in "Das kleine Gespenst" an der "Theaterwerkstatt Haßfurt".

"Wir dürfen auch nicht proben. Zu viele Menschen an einem Ort", erzählt die 34-Jährige. "Home Office geht für Künstler auch, man erledigt bürokratische Sachen, Steuererklärung, aktualisiert die Präsenz im Internet. Aber du verdienst dabei nichts."

Auch die Gaststätten im Landkreis kämpfen um ihre Existenz

Auch Bochmann hoffte, die Zwangspause für anfallenden Papierkram nutzen zu können, seine Kinder hatten andere Pläne: "Während wir vor Ausbruch des Virus hauptsächlich tagsüber mit verschiedenen Projekten am Proben waren und unser Hauptproblem darin bestand, wer die Kinder während der Arbeit beaufsichtigt, besteht unsere Hauptaufgabe nun darin, die Kinder zu beschäftigen und den Schulstoff zu bearbeiten."

Ein paar Termine stehen noch

Auch wenn niemand vorhersehen kann, wann das öffentliche Leben wieder stattfinden darf, an den wenigen ausstehenden Terminen halten sich die Künstler fest.

" Das ist als nächstes ein Märchenprogramm am 21. April im ,Weinhaus Schaffner‘ in Haßfurt, allerdings ist in der gegenwärtigen Situation unklar, ob das so zu halten sein wird. Wir bleiben natürlich positiv, und bereiten jedes Projekt, das noch nicht abgesagt wurde, so vor, als ob es stattfindet", so Bochmann.

Auch Joers arbeitet weiter an ihrem nächsten Stück: Brechts "Die Dreigroschenoper." Bühne wird dieses Mal die Malerwerkstatt der Handwerkskammer Oberfranken sein. Obwohl die Premiere vorerst verschoben wurde, nutzt sie die Ausgangsbeschränkung zum Textlernen: "Auch für die eigene Motivation, um Körper und Kopf frisch zu halten. Für einen selbst ist das wichtig."

Coronavirus im Landkreis Haßberge: Warum sich Friseure die Haare raufen

Digitaler Gitarrenunterricht

Die Projekte des Haßfurter Musikers Klaus Neubert liegen ebenfalls auf Eis. "Am Soloprogramm (...) kann man natürlich immer arbeiten und mit den Kollegen übers Internet kommunizieren. (...) Studioarbeit z.B. ist auch notfalls komplett online möglich.", so der 50-Jährige. Aber auch er merkt den Wegbruch der Auftritte, finanziell sichert ihn eine Teilzeitstelle als Gitarrenlehrer an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Haßfurt ab. Dort läuft der Unterricht weiter - und zwar digital.

"Unterrichtsinhalte werden über Internet kommuniziert. An der Musikschule Hofmann in Hofheim wo ich auch Schüler unterrichte, haben einige Kollegen schon auf Onlineunterricht umgestellt, das ist zumindest eine Möglichkeit zur Überbrückung." Aber "für viele Kollegen ist das finanziell aktuell wirklich katastrophal. Es ist zu hoffen, dass wirklich allen geholfen wird, die jetzt in eine Notlage geraten sind.", erzählt der Musiker.

Soforthilfe für Künstler

Aline Joers hat die vom Freistaat angebotene Soforthilfe bereits beantragt. Wann sie mit der staatlichen Unterstützung rechnen kann, weiß sie nicht.

Trotzdem kann die gebürtige Berlinerin der Krise auch etwas Positives abgewinnen: "Man hat Kontakt zu Leuten, die man schon ewig nicht mehr gesprochen hat." Auch Künstler rücken enger zusammen, entwickeln gemeinsame Projekte. Nach dem Motto: Wenn das Publikum nicht ins Theater kommt, kommt das Theater zum Publikum auf den heimischen PC.

Das Bamberger "Nana Theater" rief ein "Pandemie Poesie Projekt" ins Leben. Lesungen via Youtube-Video. Auch Joers hat einen Clip aus der heimischen Isolation beigetragen. Um "mal etwas Positives in die Welt zu senden", wie sie sagt.

Coronavirus krempelt Arbeitsalltag um: Unterwegs mit einem Haßfurter Lebensmittelkontrolleur

Die Kunst geht Online

Bekannte Musiker treffen sich via Livestream zum Jammen. Staats- und Landestheater gehen mit Lesungen oder Interviews online. "Eine Chance ist die Situation sicher, der Mensch wird in der Not oft sehr erfinderisch," so Neubert.

Bochmann sieht den Internet-Hype kritisch. "Der große Vorteil des Theaters im Gegensatz zu Film und Fernsehen besteht (...) gerade in dem direkten Kontakt zu den Mitspielern und zum Publikum." Am Ende zählen keine Klicks, sondern nur verkaufte Eintrittskarten.

Ein paar der vorverkauften Tickets für die verschobene "Dreigroschenoper" seien nicht zurückgegeben worden, erzählt Joers. "Da zeigt sich schon die Solidarität."

Alles wird gut

Wenn die Pandemie ausgestanden ist und sich das Leben wieder nach draußen verlagert, strömen die Menschen vielleicht sehnsuchtsvoll zurück in Theatersäle und Konzerthallen. Bochmann glaubt, dass es "ein gesteigertes Bedürfnis der Menschen nach Geselligkeit, Kultur und Kunst geben wird. Im Gegensatz zu der Unterhaltung, mit der man versucht, die Zeit jetzt zu überstehen."

Bis dahin gilt: Wer wegen wegfallender Shoppingmöglichkeiten Geld übrig hat, darf die Kunstschaffenden seines Vertrauens gerne mit einer finanziellen Spritze unterstützen. Oder einfach bereits bezahlte Tickets nicht zurückgeben. Treffend heißt es am Ende von Joers Lesung: "Hab Sonne im Herzen und alles wird gut."

Verwandte Artikel