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Unser Thema der Woche // Wahrheit

Klimawandel ist (k)eine Glaubenssache

Zum Klimawandel tummeln sich viele Halbwahrheiten und Irrtümer. Manche Menschen nehmen den Wandel auch zur Kenntnis, wollen aber nicht daran glauben. Der Energieberater Günter Liebert vom Ubiz in Oberschleichach erzählt, wie sich das auf seine Arbeit auswirkt und schafft Klarheit.
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Die Energiewende in Deutschland müsste 2040 geschafft sein, um das Klima zu schützen, erklärt Güter Liebert vom Umweltbildungszentrum. Behielte man das aktuelle Umstiegs-Tempo bei, wäre dieses Ziel jedoch erst 2150 zu erreichen.  Foto: Jutta Rudel
Die Energiewende in Deutschland müsste 2040 geschafft sein, um das Klima zu schützen, erklärt Güter Liebert vom Umweltbildungszentrum. Behielte man das aktuelle Umstiegs-Tempo bei, wäre dieses Ziel jedoch erst 2150 zu erreichen. Foto: Jutta Rudel

Die "Fridays for Future"-Bewegung und das Klimapaket rücken ein Thema in den Mittelpunkt, das gerne beiseitegeschoben wird: den Klimawandel. Über 18 000 deutsche, österreichische und schweizerische Wissenschaftler haben bei der Aktion "Scientists for Future" das Anliegen der Klimaaktivisten als berechtigt anerkannt. Dennoch sagen viele: "Klimawandel? Daran glaube ich nicht", wie Energieberater Günter Liebert vom Umweltbildungszentrum (Ubiz) sagt. "Der Mensch spürt, da müsste ich selbst etwas ändern und das mag das Gewohnheitstier Mensch nicht."

Standardantworten aufgeklärt

Liebert muss oft Fakten aufzeigen, um Irrtümer aufzuklären. "Ich höre oft, dass es immer mal wärmere Jahre gab. Ich sage dann: Ja, das stimmt. Aber dann ist es wieder kühler geworden." Früher habe man vereinzelt von Jahrhundertsommern gesprochen, heute wird der Begriff nicht mehr verwendet. Fakt ist: Die letzten vier Jahre waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, wie "Scientist for Future" aufzeigt.

"Genauso höre ich oft: Wandel gab es schon immer. Auch das stimmt. Aber da gab es halt keine Menschen", sagt er. "Wenn Kinder und Enkel eine lebenswerte Welt haben sollen, ist schnellstes Handeln angesagt."

Das CO2, das gerade verbraucht wird, benötigt etwa 15 bis 20 Jahre, bis es in der Ozonschicht angelangt ist. Früher haben Pflanzen und Meere viel davon aufgenommen. "Das Ökosystem ist jetzt aber an seinen Sättigungsgrenzen", sagt Liebert. Da kippen große Systeme um, das CO2 steigt komplett nach oben. "Die letzten zwei Jahre, die wir hatten, waren der harmlose Beginn. Selbst wenn man jetzt null Emissionen hätte, sind die nächsten 15 bis 20 Jahre automatisch belastet."

Aber Deutschland macht doch nur zwei Prozent des Ausstoßes der Welt aus, höre er dann oft. "Ja, aber Deutschland macht nur ein Prozent der Weltbevölkerung aus", entgegnet er dann. In Relation verbrauchen wir also besonders viel CO2.

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Schon vor 100 Jahren haben Wissenschaftler ausgerechnet, was jetzt spürbar und sichtbar ist - gehandelt wurde nicht. "Das Hauptproblem ist, dass der Mensch kein Gespür dafür hat. Das sind Dimensionen außerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs." Wenn ein Schuh nicht passt, so Liebert, drückt er und man macht etwas dagegen, anstelle ihn weiterhin zu tragen. Da spürt man direkt das Problem. Das Klimaproblem hingegen wird erst über Generationen hinweg spürbar.

100 Prozent klimaneutral leben, das ginge nicht, so Liebert. Aber jeder könne seine Kaufentscheidungen überdenken. Das würde auch in der Marktwirtschaft Signale setzen, wenn sich die Nachfrage nach umweltfreundlichen Geräten oder Lebensmitteln ändert. "Die Verbraucher wissen nicht, was für eine Macht sie haben." Im Ubiz versucht er deshalb, Menschen beim Umstieg zu helfen, zum Beispiel beim Thema regenerativer Strom und Heizanlage.

Motiviert bleiben

Dabei hat Liebert immer etwas im Hinterkopf, das ihn motiviert: Eine Grafik zur Energiewende von Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Diese zeigt zwei Linien: Die rote "Ist"- und die grüne "Soll"-Linie. "Wir haben was gemacht. Es ist nicht so, dass nichts passiert ist in den vergangenen 15 Jahren", sagt er und zeigt, dass 12,6 Prozent weniger fossile Brennstoffe genutzt wurden. Dennoch zu langsam. Wird das Tempo der Energiewende beibehalten, wäre die Energiegewinnung erst 2150 völlig regenerativ. Das für den Klimaschutz erforderliche Tempo sieht dieses Ziel aber bereits 2040! "Da müssen wir jetzt einen Sinkflug hinlegen".

Neben der Ubiz-Anstellung ist Liebert selbstständig als Energieberater tätig. Kauft jemand jetzt eine Ölheizung, läuft der Kessel bis 2050 - zehn Jahre über dem "Soll"-Ziel. "Für mich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich keine Förderanträge mehr für Ölheizungen mache, weil ich das nicht mehr mitverantworten möchte."

Hoffnung und Enttäuschung

"Der Einzelne hat viele Möglichkeiten, aber genauso ist die Politik in der Verantwortung, klare Richtlinien aufzuzeigen", sagt er. Das Klimapaket ist für ihn eine Mischung aus Hoffnung und Enttäuschung: Man sieht, so Liebert, diese politische Sachen fordern Informations- und Gesprächsbedarf in der Bevölkerung. Denn er erhält viele Anrufe. Das beschäftigt sogar Leute, "die sonst nicht so die Ökoschiene fahren", sagt er. Man hätte aber deutlichere Signale setzten sollen, wie durch einen höheren CO2-Preis. "Die meisten sind leider oft nur über den Geldbeutel ansprechbar, da kann man noch so viele Infoveranstaltungen machen."

Dass nun aber tausende Menschen auf die Straße gehen, um die Politik zur Umsetzung der Klimaziele zu bewegen, das ermutige ihn in seiner Arbeit und in der Überzeugung, dass noch nicht alles verloren ist: Liebert: "Ich habe auf meine alten Tage nicht damit gerechnet, dass ich das noch erleben darf."

Ist der Zug schon abgefahren oder lässt sich das Ruder noch herumreißen? Unser Redaktionsmitglied Teresa Hirschberg meint dazu:

Nach mir die Sintflut? Von wegen!

Dieser Dame kam einfach alles in die Tüte: Auf dem Weg zum Gardasee knisterte und raschelte es auf dem Vordersitz unablässig. Immer, wenn der trüb dreinblickende Gatte ein Hüngerchen verspürte, entfalteten sich in der geräumigen Plastik-Tasche vom Discounter zehn weitere Plastiktüten, in denen sich wiederum in Plastik eingeschweißte Kekse oder Plastik-Wasserflaschen versteckten. Eine Matrjoschka in Tüten-Form. Der PVC-Irrsinn im Bus ließ die vorbeiziehende Natur ächzen.

Niemand muss Greta Thunberg zu seiner persönlichen Klimaheldin erklären, sich ab sofort strikt vegan ernähren oder sich ausschließlich mit parabenfreier Öko-Seife die Achseln schrubben, um der Umwelt etwas Gutes zu tun. Denn klimafreundliches Handeln beginnt schon im Kleinen. Mal die gute alte Jute-Tasche aus dem Schrank kramen und darin die Einkäufe verstauen. Bei kurzen Strecken nicht den Motor anwerfen, sondern sich zur Abwechslung aufs Rad schwingen. Klar, nicht jeder hat eine Bushaltestelle direkt vor der Haustür, den hippen Unverpackt-Laden nebenan und das nötige Kleingeld für den Umstieg aufs Elektroauto in der Tasche.

Aber ein Fünkchen Umweltbewusstsein können wir alle verinnerlichen: Müll trennen, weniger Fleisch essen, im Supermarkt nicht zum eingeschweißten Obst und Gemüse greifen, Einkäufe von vorneherein besser kalkulieren und somit am Ende weniger in die Tonne werfen, auf LED-Lampen umsteigen, den Wasserhahn nicht unnötig lange aufdrehen, Fernseher und Laptop nicht im Stand-by-Modus lassen, sondern den Stecker ziehen. Aufhalten lässt sich der Klimawandel zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr. Aber seine Folgen möglichst gering halten. Wer sein eigenes Nichtstun dabei mit dem Nichtstun anderer rechtfertigt, ist schlichtweg faul und ignorant. Die meisten der obigen Tipps tun übrigens nicht nur dem Gewissen gut, sondern auch dem Geldbeutel. Wenn das mal kein Argument ist!

Anders sieht das unser Redaktionsmitglied Brigitte Krause:

Die Wahrheit ist: keine Chance mehr

Ich bin fest davon überzeugt, dass es zu spät ist für die Klimawende. Seit über 30 Jahren ist das Ding mit dem Klimawandel bekannt! Und völlig selbstverständlich kauft man nach wie vor Obst, das hierher geflogen wurde. Völlig selbstverständlich leisten sich die Menschen einen SUV. Der ist groß genug für die Familie, der ist sicher, der ist bequem und der ist ja sauberer als ein alter Diesel und reinigt sogar die Luft von den Rußpartikeln der anderen mit! Und der zeigt meinen Wohlstand. So tickt der Mensch nicht nur in Deutschland, sondern, sagen wir, auch in China.

Die Klimawende schaffen? Das würde bedeuten, von diesem urmenschlichen Handeln wegzurücken und etwas wesensfremdes zu tun. Überall. Das kann ich mir nicht vorstellen, reine Utopie. Menschen wie Staaten sind beherrscht vom Eigennutz. Nicht, weil der Mensch böse ist, sondern weil er das Überleben seiner Art sichern will. Ohne Arbeit, ohne Geld kein Überleben.

Wo Menschen arm sind, kümmert es sie herzlich wenig, ob ein Hühnchen in Plastikfolie eingeschweißt ist, ob der Arbeitsplatz klimaneutral ist. Nein, das billigste Hühnchen wird auch in Afrika am liebsten gekauft, und die Menschen in Bangladesh arbeiten in jeder Fabrik, egal, wie baufällig sie ist oder mit welchen widerlichen Chemikalien sie hantieren müssen. Hauptsache, sie haben Arbeit. Wer mit dem Überleben beschäftigt ist, was glauben Sie, interessiert den die Sache mit dem Klimawandel?

Aber schauen wir auch einmal die an, die das Geld besitzen und vielleicht etwas tun könnten. Erfolgreich und mühelos verhindern stille Kräfte, dass beispielsweise eine Finanztransaktionssteuer eingeführt wird. Nein, nein, eine solche Börsensteuer würde ja die Kleinanleger treffen! Schwupps, vom Tisch.

Schülerdemos? Ach nett, die Kinder! Aber: Klimawandel kommt erst in den Köpfen an, wenn Venedig überschwemmt ist, wenn Mitteldeutschland sich in eine Steppe verwandelt hat, wenn der Golfstrom versiegt ist. Die Wahrheit: Den Menschen interessiert Eigentum, nicht Klimawende.

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