Ebern
Strickabende

Integration geht beim Stricken ganz einfach

Seit etwa zwei Jahren sind bei den Veranstaltungen im Heimatmuseum Ebern Flüchtlinge dabei. Man erfährt vieles voneinander und kommt gut miteinander aus.
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Den Nikolaus im Nacken haben (von links) Ulrike Weber und Inge Günther, die sich um die "Integration beim Stricken" kümmern.Helmut Will
Den Nikolaus im Nacken haben (von links) Ulrike Weber und Inge Günther, die sich um die "Integration beim Stricken" kümmern.Helmut Will
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Es ist Donnerstagabend, 19.30 Uhr. Durch die Tür des Heimatmuseums am Grauturm dringt Licht nach draußen und ganz leise sind Stimmen im Heimatmuseum zu hören. Nach dem Öffnen der Tür steht man im sogenannten Windfang. Hier sind die Stimmen lauter zu hören, Gesprächsfetzen sind wahrnehmbar. Beim Eintreten werden Frauen sichtbar, die stricknadelklappernd Masche nach Masche stricken, manche häkeln. Dazwischen sitzen die Hafenecker-Brüder, Ingo, der "Chef des Hauses" als Vorsitzender des Bürgervereins, und sein Bruder Adolf, wie sich herausstellt, der "Schankwirt" an diesem Abend.
Etwa 20 Frauen sind an diesem Abend gekommen, um am Strickabend im Heimatmuseum teilzunehmen. Mit dabei sind auch Inge Günther und Ulrike Weber, die wenige Tage vor Weihnachten ihr Strickzeug zur Seite gelegt haben und eifrig beim Basteln weihnachtlicher Dekoration sind. Mit dabei sind aber auch mehrere Frauen mit Kopftüchern, Flüchtlinge, die aus der Gemeinschaftsunterkunft in der ehemaligen Kaserne Ebern kommen. Eine lustige, entspannte und froh gelaunte Runde sitzt um die Tische herum.
Und dann klopft der Nikolaus an die Tür des ehrwürdigen Heimatmuseums. Die Köpfe der Kinder, die mit dabei sind, drehen sich erstaunt um. Dieter Hofmann ist in das Nikolauskostüm geschlüpft und unterbricht für wenige Minuten den Strickabend. Für sein Lob und seine kleinen Geschenke erwartet er aber auch, dass gemeinsam ein Lied gesungen wird. Liedblätter hat er dabei, die er an die Tischrunde austeilt. "Lasst uns froh und munter sein...", erklingt es aus den Kehlen aller.
Dabei fällt auf, dass eine junge Dame mit Kopftuch besonders gut mitsingt, in einwandfreiem Deutsch. Es ist Sadaf Lali. Sie kommt aus Afghanistan, aus Baghlan nahe Kundus, ist 15 Jahre alt und blickt einen offen und mit freundlichen Augen an. Neben ihr sitzt die betagte Seniorin Eva Searty, die schon viele Jahre in Ebern wohnt, und - wie man Gesprächen entnehmen kann - die "Neu-Oma" der 15-jährigen Sadaf.
Wie kommt eine 15-Jährige dazu, an Strickabenden teilzunehmen? "Ganz einfach", sagt die junge Frau, "von Frau Günther und Frau Weber haben wir gehört, dass Strickabende im Heimatmuseum stattfinden, und da bin ich dann gleich mal hin." Es gefalle ihr hier in den zwei Abendstunden sehr gut, schon von Anfang an. Gefallen habe ihr, dass alle recht nett sind, miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig beim Stricken beraten und helfen.
Die 81-jährige Eva Searty sagt, dass es wunderbar sei mitzuerleben, wie freundlich, hilfsbereit, wissbegierig, lernfähig und dankbar die Flüchtlinge sind. "Da blüht man selber noch mal so richtig auf."


Zu siebt in zwei Zimmern

Sadaf erzählt, dass sie in der alten Kaserne mit ihren Eltern und weiteren vier Geschwistern seit zwei Jahren in zwei Zimmern wohne. "Wir stricken von oben nach unten, die Deutschen meist von unten nach oben", sagt die junge Frau und findet es gut, dass sie viele Leute kennenlernt. In der Tischrunde werden die Köpfe zusammengesteckt, wird geredet und gescherzt.
Zufrieden sitzt auch "Hausherr" Ingo Hafenecker mit am Tisch. "Vor neun Jahren kam Inge Günther auf die Idee, im Heimatmuseum Strickabende abzuhalten, und seit etwa zwei Jahren sind die Flüchtlinge dabei. Das hat sich gut etabliert und ich stelle fest, dass alle gut miteinander auskommen. Die Stimmung ist immer sehr gut und die Strickabende sind sehr kurzweilig. Schön ist es, dass alle voneinander profitieren."
Was auch ganz toll sei und davon zeuge, dass sich die Flüchtlinge hier wohlfühlen, sei die Tatsache, dass sie zu den Strickabenden immer wieder was mitbringen, sagt Hafenecker und zeigt auf einen Teller mit bunten Leckereien. Damit es nicht zu trocken ist, kommt Adolf Hafenecker ins Spiel: Er betätigt sich als Mundschenk, reicht den Damen am Tisch Weihnachtspunsch. "Das hat am Anfang die Flüchtlinge etwas verwundert und sie blickten mit großen Augen, als ich sie bewirtete", sagt Adolf Hafenecker und fährt fort: "Von ihren Männern sind sie das nicht gewohnt, sie müssen eher die bedienen."


Großes Interesse an den Abenden

Inge Günther hatte die Idee, Flüchtlinge zu den Strickabenden einzuladen. "Zuerst haben wir sie geholt, und nach anfänglicher Schüchternheit war der Bann gebrochen. Jetzt kommen schon viele selber und freuen sich auf die Stunden hier im Heimatmuseum", sagt sie.
"Seit Weihnachten 2014 sind die Flüchtlinge hier bei uns im Heimatmuseum", erklärt Ulrike Weber. Sie ist sicher, dass diese sich dabei wohlfühlen, was man daran merke, dass das Interesse an den Abenden sehr groß ist. Und sie wundert sich, dass mancherorts großes Aufhebens um Integration gemacht wird: "Für uns ist das eigentlich gar kein Problem, unsere Strickabende sind geeignet für Integration pur, das hat sich aus dem Zusammentreffen wie von selbst entwickelt." Sie will damit verdeutlichen, dass nicht alles "von oben" aufgesetzt werden muss.
Man erfährt vieles voneinander, weiß Ulrike Weber. So auch, dass die 15-jährige Sadaf Lali, die gegenwärtig die Mittelschule in Ebern besucht, sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: "Ich möchte Chirurgin werden", sagt das Mädchen. Ihr Weg nach Deutschland ging über zweieinhalb Monate durch viele Länder.
Was wünscht sich Sadaf zu Weihnachten? "Mein sehnlichster Wunsch wird wohl nicht in Erfüllung gehen, aber ich hoffe, dass es nicht mehr zu lange dauert, bis wir eine Wohnung gefunden haben. Zwei Zimmer für sieben Personen ist nicht so geeignet", sagt sie.
Eva Searty nickt zustimmend und sagt: "Der Vater von Sadaf hat in Ebern Arbeit, und mit einer Wohnung würden die Zukunftschancen für sie und ihre Familie verbessert."


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