Haßfurt
Energieversorgung

Haßfurt und die Energiewende: Photovoltaik, Windkraft und Wasserstoff für zwischendurch

Auch, wenn die Energiewende politisch etwas ausgebremst wurde: Haßfurt bleibt sich treu und forciert neue Projekte. Zum Beispiel ein Wasserstoff-BHKW.
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Die neue Photovoltaik-Anlage hinter dem Stadtwerk Haßfurt geht in den kommenden Wochen in Betrieb. Fotos: Andreas Lösch
Die neue Photovoltaik-Anlage hinter dem Stadtwerk Haßfurt geht in den kommenden Wochen in Betrieb. Fotos: Andreas Lösch
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Die Diskussion über den Klimawandel und seine Folgen wird kontrovers geführt. Dabei gibt es zahlreiche Studien, die neben den natürlichen Veränderungen des Klimas auch die Beschleunigung der Erderwärmung durch den von Menschen verursachten CO2-Ausstoß belegen. Deswegen erübrigt sich für Norbert Zösch, Geschäftsführer des Stadtwerks Haßfurt, eigentlich die Frage, ob ein Umdenken in Sachen Energiegewinnung und -nutzung notwendig ist. Der Diplomingenieur sieht klaren Handlungsbedarf: Was Kohlenstoffdioxid (CO2) angeht, "sind wir an der Grenze angelangt". Das Gas gilt mittlerweile als nachweislich ursächlich für den Treibhauseffekt, "deswegen muss man schauen, den CO2-Ausstoß so weit wie möglich zurückzufahren", sagt Zösch.

Der Landkreis Haßberge hat diese Herausforderung schon vor Jahren angenommen, unter dem damaligen Landrat Rudolf Handwerker hatte der Kreistag im Jahr 2011 die lokale Energiewende beschlossen und damit begonnen, verschiedene, auch kontrovers diskutierte Projekte umzusetzen, das bekannteste ist dabei der Windpark Sailershäuser Wald, bei dem bis heute ein Rechtsverfahren anhängig ist, der aber dennoch fleißig Windstrom produziert. Die zehn Anlagen haben zuletzt eine gute winterliche Windsaison gehabt, im Zeitraum von 1. September 2017 bis zum 31. März dieses Jahres sind laut Zösch 40 Millionen Kilowattstunden Strom produziert worden, als Jahresziel sind 50 Millionen Kilowattstunden ausgegeben. Freilich gebe es auch schlechtere Windjahre (gerechnet von Januar bis Dezember), so waren es etwa 2016 nur 46,3 Millionen Kilowattstunden, im Jahr 2017 dagegen insgesamt 53,8 Millionen Kilowattstunden.

Das Problem, dass Strom nur dann erzeugt wird, wenn der Wind weht, und dann eben auch mitunter zu viel (der Überschussstrom kann dann nicht ins Stromnetz eingespeist werden, weil dieses damit überlastet wäre) hat Haßfurt so gelöst, dass im Bereich des Hafens ein Elektrolyseurinstalliert wurde. Hier wird der überschüssige Windstrom genutzt, um mittels Elektrolyseverfahren Wasserstoff herzustellen (Power-to-Gas), der wiederum als Energieträger in Tanks gespeichert und zum Beispiel anteilig dem Gasnetz beigemischt werden kann. Mit der gemeinsam mit Siemens verwirklichten Power-to-Gas-Anlage im Hafen nahm Haßfurt mit einigen wenigen Kommunen in Deutschland eine Vorreiterrolle ein. Und die Stadt bleibt sich in der Hinsicht treu: Im kommenden Herbst, so erklärt Norbert Zösch, soll im Hafen ein Blockheizkraftwerk aufgebaut werden, das komplett mit Wasserstoff betrieben werden kann. Zusätzlich lässt sich das BHKW aber auch mit Erdgas betreiben. Somit kann der gespeicherte Wasserstoff wieder in Strom und Wärme umgewandelt werden. Die Stadtwerke arbeiten für dieses Projekt mit dem Institut für Energietechnik an Technischen Hochschule Amberg-Weiden zusammen.

Auch, wenn durch politische Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene die Energiewende zuletzt ins Stocken geraten ist (der Landkreis Haßberge wollte einst energieautark werden und etwa weitere Windpark-Projekte umsetzen, scheiterte aber unter anderem an der 10h-Abstandsregelung oder es gab naturschutzrechtliche Hindernisse), so ist Norbert Zösch dennoch davon überzeugt, dass der Weg hin zu regenerativen Energien und insbesondere die Produktion von Wasserstoff als speicherbarer Energieträger der richtige ist. "Die Energiewende wird sich durchsetzen", sagt Zösch. "Wir waren einst Vorreiter, jetzt ist die Luft etwas raus." Global betrachtet sei da aber längst etwas in Gang gesetzt worden, die begrenzte Ressourcen Öl oder oder auch Erdgas sowie die damit verbundene hohe CO2-Emmision zwingen Länder weltweit zum Umdenken. China ist in Sachen regenerative Energieproduktion und Entwicklung der nötigen Technik mittlerweile weiter. "Die überholen uns einfach jetzt", sagt Zösch.

Dennoch: Die Chance für Deutschland und auch kommunale Einrichtungen bestehe weiterhin, diesen Prozess mitzugestalten. Die Wasserstoffproduktion etwa, so erklärt Zösch, sei in der jetzigen Phase noch teuer, denn die Produktion und der Einsatz von Elektrolyseuren findet noch nicht in großen Mengen statt. Werden mehr Power-to-Gas-Anlagen eingesetzt, werden diese günstiger, ebenso die Produktion des Gases, das vor allem den Vorteil bietet, dass es keinerlei Kohlendioxid, eingangs erwähntes Treibhausgas, freisetzt, wenn es verbrannt wird. Übrig als Restprodukt bleibt lediglich Wasser. Derzeit finanzieren Stromkunden freiwillig die noch teure Wasserstoffproduktion, gemeinsam mit dem Hamburger Ökoenergieanbieter Greenpeace Energy setzt Haßfurt auf diese CO2-emissionsfreie Energieproduktion, mit dem Windgas-Tarif von Greenpeace Energy kostet die Kilowattstunde Strom 0,4 Cent mehr (der herkömmliche Kilowattstundenpreis lag im Jahr 2017 bei durchschnittlich 29,16 Cent). Die Power-to-Gas-Anlage in Haßfurt hat im vergangenen Jahr laut Zösch eine Millionen Kilowattstunden Wasserstoff produziert (1,4 Millionen Kilowattstunden Strom werden benötigt, um mit der Haßfurter Anlage eine Millionen Kilowattstunden Wasserstoff zu erzeugen).

"Haßfurt ist ein gutes Beispiel dafür, dass viele Innovationen von Kommunen und Stadtwerken in der Praxis angewendet und erprobt werden", hatte Nils Boenigk, stellvertretender Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien, bei der Auszeichnung der Stadt Haßfurt im Februar dieses Jahres zur "Energie-Kommune des Monats" erklärt. Dass Haßfurt sich in dieser Hinsicht weiter treu bleiben will, zeigt ein weiteres Projekt: In den kommenden Wochen wird eine Photovoltaik-Anlage im Heinig in der Augsfelder Straße (direkt hinter dem Gebäudekomplex des Stadtwerks) in Betrieb gehen.

Laut Zösch wurde mittels einer Simulationssoftware ermittelt, dass die Anlage etwa 30 Jahre lang rund 714 800 Kilowattstunden Solarenergie pro Jahr erzeugen und damit rund 428 900 Kilogramm pro Jahr CO2-Emissionen vermeiden wird. Bei einer prognostizierten Solarstrom-Eigenverbrauchsquote von rund 77 Prozent könnten somit fast 550 000 Kilowattstunden Elektroenergieverbrauch pro Jahr auf dem Stadtwerkgelände "direkt mittels Solarstrom abgedeckt werden", erläutert Zösch. "Das bedeutet, dass 33,8 Prozent des gesamten jährlichen Stromverbrauches des gesamten Stadtwerkes durch Photovoltaikstrom vor Ort abgedeckt werden können."ˆ

Die von der 748,83 Kilowatt-Peak (Nennleistung) großen Photovoltaikanlage erzeugte elektrische Energie "soll in erster Linie dabei helfen, die tagsüber entstehende Stromabnahme der größten Stromverbraucher des Stadtwerkes unmittelbar vor Ort mit selbst erzeugtem Strom zu einem großen Teil abzudecken", erklärt Zösch. Die Trinkwasseraufbereitung für alle Bürger der Stadt Haßfurt mit angeschlossenen Ortsteilen hier im Wasserwerk, die elektrischen Brunnenpumpen im benachbarten Wassereinzugsgebiet, die Erdgastankstelle, das Rechenzentrum und das Verwaltungsgebäude - das seien in dieser Reihenfolge die größten Verbraucher in unmittelbarer räumlicher Nähe der PV-Anlage. "Alle zusammen haben in 2016 insgesamt mehr als 1,626 Millionen kWh Strom verbraucht."

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