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Erziehung

Gespür für Rhythmus und Melodie: Kleinkinder und der gute Ton

Sich in frühen Jahren mit Musik aktiv auseinanderzusetzen lohnt sich, sagt die Musikpädagogin Anja Jäger. Ihr Ansatz: spielerisch zum Taktgefühl.
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Sabine Ullrich mit Sohn Levi (links) und Katrin Türk mit Sohn Lukas  bei einer Musikstunde in der "Notenwiese" in Zeil. Fotos: Andreas Lösch
Sabine Ullrich mit Sohn Levi (links) und Katrin Türk mit Sohn Lukas bei einer Musikstunde in der "Notenwiese" in Zeil. Fotos: Andreas Lösch
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Lukas ist gerade mal zwei Jahre alt. Der Bub sitzt auf dem Boden und grinst fröhlich, weil aus dem "Ding" da vor ihm ein klarer, gleichmäßiger Ton herauskommt. Das "Ding" ist ein Klangbaustein und Lukas haut mit einem Schlägel drauf. Erst ein bisschen unkontrolliert, dann führt seine Mama - sie sitzt hinter ihm - seinen Arm ein bisschen nach und siehe da: Jetzt ist Lukas schon gut im Takt. Die ganze Gruppe spielt gemeinsam ein Lied, das Anja Jäger angestimmt hat. Die elf Jungen und Mädchen singen, klatschen und bewegen sich, die Mütter sind dabei und machen mit. Genauer gesagt, "sie müssen mitmachen", erklärt Anja Jäger und lacht.

Die Musikpädagogin hat im September des vergangenen Jahres in Zeil ihre eigene Musikschule eröffnet, Notenwiese heißt sie. Der Ansatz: Kinder von klein auf an die Musik heranführen, spielerisch und ohne Zwang, denn "sonst verlieren sie wieder ganz schnell das Interesse daran", sagt Jäger. Die Diplommusiklehrerin hat "Elementare Musikpädagogik" an der Musikhochschule in Würzburg studiert. "Das umfasst praktisch den gesamten Musikbereich. Jedes Alter und jedes Instrument", erklärt sie. Die 30-Jährige gibt demnach Unterricht für alle Altersgruppen, schon Kinder unter einem Jahr sind in ihren Erstlingskursen dabei, dann geht es alterstechnisch aufwärts bis hin zum Hundertjährigen, wenngleich sich der Ansturm der Hundertjährigen naturgemäß in Grenzen hält. Dahinter stecke vielmehr die Aussage, dass es nie "zu spät" ist, ein Instrument zu lernen und zu musizieren. Und freilich sei es sinnvoll, schon früh damit anzufangen, denn wer als kleines Kind ein verlässliches Gefühl für Rhythmus, Melodien und Klänge entwickelt, der wird sich im Laufe seiner musikalischen Entwicklung leichter tun, sagt Jäger.

Da tun sich natürlich Fragen auf. Zum Beispiel: Wie soll ein unter einjähriges Kind denn bitteschön Musik machen? Oder ein Fünfjähriger angemessen an ein komplexes Instrument wie Klavier oder Geige herangeführt werden? "Indem man das Interesse daran weckt. Zwang darf es nicht geben", sagt Anja Jäger. Beispiel: Wer unter ein Jahr alt ist, ist motorisch noch gar nicht in der Lage, ein Instrument umfassend zu bedienen. Aber: Die Aufnahmefähigkeit ist groß bei den Kleinen, die Neugierde auch. Hören sie Musik, reagieren sie darauf, bindet man sie mit Hilfe eines Singspiels aktiv ein und bewegt sich mit ihnen zum Rhythmus, ahmen sie Bewegungen nach, versuchen mitzumachen. Manchmal aber auch nicht, sagt Anja Jäger und lacht wieder. Denn hier kommen die Eltern ins Spiel: Sie sind die Vorbilder für ihre Kinder, würden sie nicht aktiv am Unterricht teilnehmen, würde es kaum klappen, dass die Kleinen mitmachen. Deswegen also "müssen" die Eltern die ersten Jahre dabei sein.

Ein musikalisches Verständnis zu entwickeln lässt sich laut Anja Jäger im Prinzip damit vergleichen, als würden die Kinder eine Sprache lernen, die sich letztlich auch über einen Rhythmus und eine Sprachmelodie definiert: Sprache nehmen die Kinder von Beginn an durch Interaktion mit ihren Eltern und anderen Mitmenschen auf, ohne es wirklich zu merken. Das ist auch der pädagogische Ansatz, den Anja Jäger wählt, wenn es darum geht, ihren jüngsten Schülern musikalisches Grundverständnis zu vermitteln: Spielerisch, mit Spaß bei der Sache. Richtig umgesetzt, ließen sich die Kinder dann ganz instinktiv darauf ein, erklärt die 30-Jährige. Denn mit Druck und Lernkontrolle wäre da nichts zu erreichen. Es kommt auch (normalerweise) niemand auf die Idee, seinem Kind Vokabeln vorzulesen, die Grammatik zu erklären und über Konjugation und Deklination zu referieren: Das Kind würde ruckzuck das Interesse verlieren, wäre überfordert. Nur die ganz Gewieften unter ihnen würden wohl das so Gelernte nutzen, um flugs einen Beschwerdebrief an die Eltern aufzusetzen, Betreff: "Nicht mit mir!"

Dass der spielerische Ansatz funktioniert, davon ist Katrin Türk überzeugt. Sie ist Lukas' Mama und freut sich, dass ihr Sohn Spaß an der Musik entwickelt hat. "Er singt mit, wenn daheim Musik läuft. Er folgt der Melodie", hat sie beobachtet. Die Musikkurse seien altersgerecht umgesetzt. "Ich denke schon, dass da die Basis gelegt wird." Ob und wie Lukas dann weitermacht, dass will sie ihrem Sohn selbst überlassen: später mal Klavier spielen oder ein anderes Instrument lernen? Wenn er das möchte, würde sie ihm das ermöglichen. Wenn er es nicht möchte, dann sei das auch in Ordnung, denn "über Zwang funktioniert ja nichts", sagt sie.

Anja Jäger begleitet die Kinder, sofern sie dabei bleiben, über mehrere Jahre hinweg. Bei der musikalischen Früherziehung, die für die Altersgruppe vier bis sechs Jahre gedacht ist, kommen dann neue Elemente hinzu: Die klassischen Instrumente werden vorgestellt, etwa Klavier, Geige, Gitarre, Cello. Da sei wiederum der Ansatz, überhaupt das Interesse zu wecken, und das ist in der Regel schnell geschehen: Egal welches Instrument, einen Ton damit erzeugen, das gelingt meist ganz ohne Übung. Freilich kommt irgendwann auch der Punkt, an dem man ohne Üben und Fleiß nicht weiterkommt. Dann gilt es, die Motivation der Jungmusiker aufrechtzuerhalten, am besten geht das laut Jäger über Erfolgserlebnisse: "Wenn sie merken, dass sie etwas können, weil sie üben, dann üben sie gerne", sagt Jäger. Es kommt dann aber auch die erste größere Hürde, die es zu bewältigen gilt: "Am Anfang üben sie automatisch. Dann flacht es irgendwann ab." Wiederum spielen die Eltern nun eine wichtige Rolle: Das Üben muss in den Tagesablauf eingebunden, also zur Gewohnheit werden. Und das Kind dürfe sich wiederum nicht überfordert fühlen, wenn Eltern täglich eine Stunde einforderten, das würde kaum funktionieren, da können zehn Minuten gezieltes Üben weitaus effektiver sein. Und wenn das Kind das gar nicht will? Dann müsse man das akzeptieren, wiederum kann Zwang nicht das Mittel der Wahl sein. Aber die Grundlagen für einen späteren Wiedereinstieg sind gelegt: Manchmal dauert es bei dem einen oder anderen etwas länger, bis er den Sinn des Übens versteht. Wenn er dann später aus Eigenantrieb das Instrumentalspiel wieder aufnimmt, kann er auf die Grundlagen bauen, die er durch die musikalische Früherziehung bereits angelegt hat.

Dass Anja Jägers Konzept auch bei den Kindern und Eltern ankommt, das zeigt die Tatsache, dass alle ihre laufenden Kurse in der Notenwiese ausgebucht sind. Die meist 15 Unterrichtsstunden pro Kurs (je nach Altersgruppe zwischen 35 und 45 Minuten lang) finden wöchentlich statt.
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