Haßfurt

Gerd Müller, "Bomber" der CSU

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war in Haßfurt zu Gast. Er nahm die Entwicklung des ländlichen Raums ins Visier.
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In der Produktion der Maintal Konfitüren, von links: Patrik Lediger, Fachkraft für Lebensmitteltechnik in der Ausbildung, Minister Gerd Müller, Maintal-Geschäftsführer Klaus Hammelbacher, die Journalistin Ulrike Langer (im Vordergrund) und Dorothee Bär. Fotos: Barbara Herbst
In der Produktion der Maintal Konfitüren, von links: Patrik Lediger, Fachkraft für Lebensmitteltechnik in der Ausbildung, Minister Gerd Müller, Maintal-Geschäftsführer Klaus Hammelbacher, die Journalistin Ulrike Langer (im Vordergrund) und Dorothee Bär. Fotos: Barbara Herbst
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In Bundeskanzlerin Angela Merkels Kabinett ist er einer der Minister, die in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Wer kommt da zu Besuch? Gerd Müller? "Manche meinen auch, da kommt jetzt der Fußballer", sagte Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, gestern in Haßfurt. Bei einer Auslandsreise nach Mali sei das einmal ganz konkret geworden, erzählt er. Als er vor einiger Zeit in dem westafrikanischen Staat empfangen wurde, waren ein paar Anwesende "ein bissl enttäuscht. Die dachten, da kommt der Bayernbomber".

Müller war gestern zu Besuch bei der Firma Maintal Konfitüren in Haßfurt. Die Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär des Wahlkreises Bad Kissingen (zu dem die drei Kreise Haßberge, Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld gehören) hatte den Politiker für ihren CSU-Bundestagswahlkampf eingeladen. Ihre Bemerkung zu Beginn des Ministerbesuchs: "Es ist immer ein Wagnis, Gerd Müller einzuladen."

Das meinte die Ebelsbacher Politikerin, die in Berlin auch Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ist, halb im Ernst und halb im Spaß. Denn: Gerd Müller hält keine glattgeschliffenen Reden. "Du nimmst kein Blatt vor den Mund", sagte Dorothee Bär zu ihrem Parteifreund und sie meinte das freilich als Kompliment. Wenn Müller in Laune ist, haut er auch einmal ein paar sehr direkte Sätze raus. Und unterhaltsam sind sie meist noch dazu.

Zum Beispiel: "Das schwierigste Unternehmen Deutschlands ist die Deutsche Bahn", sagte Müller. "Die behandeln uns auf dem Land wie die letzten Menschen." Der Minister monierte, dass die Bahn sich in den vergangenen Jahrzehnten lediglich auf die Zugstrecken in den Ballungsräumen von Großstädten gekümmert habe, der ländliche Raum sei total vernachlässigt worden: Alte Loks, kaum Investitionen ins ländliche Streckennetz, die Bahn manövriere sich damit ins Abseits.


Gleichwertige Infrastruktur

Das treffe auf seine Heimatregion im Allgäu ebenso zu wie auf den Landkreis Haßberge und weitere ländliche Bereiche. Dabei sei der erklärte politische Wunsch der CSU, den ländlichen Raum zu stärken. Das Ziel: eine "gleichwertige Infrastruktur auf dem Land" wie in den Ballungszentren. "Wir brauchen Dorfentwicklungsprogramme", durch die die Dorfkerne gestärkt werden, um die Wohnraumsituation zu verbessern. Landrat Wilhelm Schneider, der den Minister gestern begleitete, erklärte dazu, dass der Kreis Haßberge in dieser Hinsicht bereits erfolgreich arbeite: "Wir haben ein Vorzeigeprojekt mit der Hofheimer Allianz", sagte Schneider. Das dortige Programm zur Stärkung der Dorfzentren hat bereits auf Bundesebene einen Preis gewonnen.

Die Prognose von Minister Müller hinsichtlich der Entwicklungschancen des ländlichen Raums fiel vielversprechend aus. Stichworte Infrastruktur und Digitalisierung: Hier müsse die Entwicklung weiter vorangetrieben werden, gute Straßennetze, schnelles Internet (das nicht nur auf dem Papier schnell ist) in Verbindung mit der jetzt schon guten Lebensqualität etwa im Maintal, "dann sind wir nicht auf Augenhöhe mit den Großräumen, sondern wir sind besser."

Das Unternehmen Maintal Konfitüren bezeichnete er dabei als "Perle": Ein mittelständisches Unternehmen, das im kleinen Haßfurt als Weltmarktführer agiert (die berühmte Hiffenmark-Marmelade), das soziale Verantwortung übernehme und sich auf die Bedürfnisse seiner Arbeitnehmer einstelle.


Wahlkampf, heiße Phase

Die Wahlkampfrunde in Haßfurt endete mit einer Verköstigung verschiedener Maintal-Marmeladen, unter anderem waren auch zahlreiche Mitglieder der Frauenunion des CSU-Kreisverbandes dabei. Für mehr Frauen in der Politik und Wirtschaft sprach sich Gerd Müller denn auch sehr deutlich aus. Und hatte die Lacher auf seiner Seite, als er sagte: "Überall, wo es schwierig wird, brauchen wir ja Frauen."

Den Ball spielte er dann direkt seiner Parteifreundin Dorothee Bär zu, die er als "starke Frau" bezeichnete, vor deren Leistung er "großen Respekt" habe und die mit ihrer Arbeit im Ministerium für digitale Infrastruktur eine Schlüsselposition für ihren Wahlkreis einnehme. Und die voraus denkt, denn auf die Frage, wie es ihr gelang, für die heiße Phase des Wahlkampfs so viele Minister in ihren Wahlkreis zu holen, sagte sie, dass sie ihre Wunschkandidaten bereits im Januar eingeladen habe - und dann hieß es: dran bleiben, organisieren, umsetzen. Dass die eingeladenen Minister dann auch kommen, zeigt, dass sich die Ebelsbacherin im Politikgeschäft schon einigen Respekt erarbeitet hat.


Zum Thema (Text von Redaktionsleiter Klaus Schmitt): Der Minister-Auflauf der CSU irritiert andere Parteien und Wählergruppen


Es fällt auf: Die CSU-Minister, ob vom Bund oder vom Land, haben sich in den vergangenen Tagen im Kreis Haßberge quasi die Klinke in die Hand gegeben. Es ist Wahlkampf und die CSU lässt ihre Hochkaräter aufmarschieren.

Die anderen Parteien und Wählergruppen können da nicht mithalten - höchstens ein bisschen, wie der Besuch des Grünen-Politikers Cem Özdemir am Mittwoch in Ebrach und die Visite des SPD-Spitzenkandidaten Florian Pronold jüngst in Ebern deutlich machen. Mit einer Mischung aus Neid und Missbilligung schauen die Konkurrenz-Parteien der CSU auf den Wahlkampf der Union. Er führte den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nach Ebern, Bayerns Justizminister Winfried Bausback nach Breitbrunn, Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf nach Kraisdorf, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nach Ebern und Königsberg sowie gestern Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nach Haßfurt. Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml soll noch kommen.

Diese Form des CSU-Wahlkampfes "beeindruckt mich nicht", erklärt SPD-Kreisvorsitzender Wolfgang Brühl. "Das ist bekannt bei der CSU." Er würde sich wünschen, dass sich die Direktkandidatin der CSU, Dorothee Bär, der inhaltlichen Diskussion stellen würde. Brühl kritisiert, dass die Staatssekretärin aus Ebelsbach zum Beispiel bei der Aktion unserer Zeitung "Jeder gegen jeden" nicht mitgemacht hat; hier stellten sich vier Direktbewerber gegenseitig konkrete Fragen zu politischen Themen - und antworteten.

Allgemein hält es Brühl für richtig, dass Bundes- und Landespolitiker in die Fläche kommen. Das sollte aber besser außerhalb des Wahlkampfes geschehen, meint der Eltmanner, und zu einem Thema oder Ereignis passen.

Freimütig räumt die FDP-Kreisvorsitzende Kathrin Hiernickel (Haßfurt) ein, dass ihre Partei eine solche Form des Wahlkampfs, wie ihn die CSU betreibt, nicht machen kann. "Da können wir nicht mithalten." Sie vertraut darauf, dass die Wähler solche Aktionen einordnen können, und ist der Ansicht, "dass der Wähler etwas tiefer blickt". Die FDP würde nach Hiernickels Darstellung einen Wahlkampf mit den Auftritten von prominenten Politikern am laufenden Band nicht wollen.. "Ich würde es etwas sensibler handhaben", meint sie. Aber Regierungsparteien hätten nun einmal ganz andere Möglichkeiten als etwa die Liberalen.

Christoph Winkler sieht den Wahlkampf der CSU vor dem Hintergrund, dass die Union mit aller Macht wieder in die Regierung kommen will. Bestätigt sieht der Kreisvorsitzende der Freien Wähler seine These durch den "Kuschelkurs mit Merkel". Der Zeiler räumt ein, dass die CSU mit ihren Ministerposten einen Vorteil habe, den sie nutze. "Das können wir nicht", sagt er. "Das ist Wahlzeit. Jeder dreht seine Schrauben." Eine Frage kann sich Winkler aber nicht verkneifen: Wie passt es zusammen, dass für Wahlkampfauftritte offensichtlich auch Dienstwagen genutzt werden?

Die Freien Wähler treten bei der Bundestagswahl nur über die Zweitstimme an und stellen keinen Direktbewerber für den Wahlkreis. Dass die Freien Wähler diesen Kurs fahren, hat nach seiner Darstellung auch damit zu tun, dass die Aussichten, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, als eher gering anzusehen sind. Folglich wären die Stimmen für die Freien Wähler verloren und das wieder würde die extremen Parteien stärken. "Das ist eine richtige Aussage", verteidigt er den eigenen Kurs, wenngleich die Freien Wähler über die Zweitstimme trotzdem antreten.

Mit den Worten "viel Präsenz, wenig Inhalt" kommentiert Matthias Lewin den CSU-Wahlkampf mit den vielen Prominenten-Auftritten. "Das ist halt ihre Strategie", erklärt das Vorstandsmitglied der Grünen im Landkreis Haßberge. Und setzt hinzu: "Es funktioniert leider." Und wie würde Matthias Lewin dann den Auftritt des Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir am Mittwoch in Ebrach bewerten - das ist doch die gleiche Masche wie bei der CSU? "Klappern gehört zum Geschäft", schmunzelt er.

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