Haßfurt
Verhandlung

Geldeintreiben läuft aus dem Ruder

Das Amtsgericht Haßfurt sprach einen 60-jährigen Mann frei, der Schulden hereinholen wollte und dabei sehr nachdrücklich wurde.
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Weil ein ehemaliger Mitarbeiter seiner Firma das ihm geliehene Geld nicht zurückzahlte, wurde sein 60-jähriger Ex-Boss aus dem Landkreis Würzburg laut Anklage der Staatsanwaltschaft im März dieses Jahres rabiat. Er stattete dem säumigen Zahler einen Besuch mit seiner Frau ab, mit der er zusammen das Unternehmen führt. Vor dem Wohnhaus des Ex-Mitarbeiters aus dem nördlichen Landkreis Haßberge soll der 60-Jährige dem 33-jährigen zweimal mit der Hand ins Gesicht und auf den Kopf geschlagen haben.

Bei der Gerichtsverhandlung am Mittwoch am Amtsgericht Haßberge wies der Angeklagte die Vorwürfe von sich. Der 33-Jährige habe 700 Euro als Vorschuss erhalten und bereits zuvor für 300 Euro auf Firmenkosten sein Privatauto betankt, sagte der Beschuldigte. Einen Tag, nachdem er das Geld erhalten habe, sei er nicht mehr zur Arbeit erschienen und habe gekündigt. Geschlagen habe er den kräftig gebauten Ex-Mitarbeiter nicht, da er bei einer körperlichen Auseinandersetzung wohl den Kürzeren gezogen hätte. Er habe ihm lediglich Brille und Mütze abgenommen, um diese als Pfand zu behalten. Seine Frau habe ihm die Sachen jedoch kurz darauf wieder ausgehändigt. Als Drohung habe er nur seine Hand an die Wange des Schuldners gelegt und gesagt: "Schau, dass es erledigt wird."

"Sie haben ja eine merkwürdige Rechtsauffassung", beurteilte die Vorsitzende das Beschlagnahme der Brille und der Mütze des Jüngeren. Dem schenke sie ihr volles Vertrauen. Denn der Zeuge war bereits am vergangenen Freitag als Geschädigter vor Gericht und sagte aus, dass der damals Angeklagte nicht der Täter sei, sondern dass der Falsche auf der Anklagebank sitze (unsere Redaktion berichtete). Doch diesmal sitze der Richtige auf der Anklagebank, sagte der Geschädigte im Zeugenstand und schilderte einen ganz anderen Tatablauf.

Sein Ex-Chef habe ihn per WhatsApp bedroht. Er habe jedoch nicht auf die Drohungen reagiert und daher das Geld nicht zurückgezahlt. Zudem sei er in Hartz IV abgerutscht. Der Angeklagte habe ihm Brille und Mütze abgenommen, als "kriminelle, fette Sau" beschimpft und mehrmals zugeschlagen. Die Nachbarin sei dazwischen gegangen und habe die Schlägerei beendet. Er habe dann die Polizei verständigt. Er habe auch Schläge aufs Ohr bekommen. Auf einem Ohr habe er seitdem nur noch ein Hörvermögen von 25 Prozent, was ihm ein Arzt in einem Gutachten bestätige. Er habe die Sache einem Anwalt übergeben und fordere Schmerzensgeld.

Die beherzte Nachbarin sagte vor Gericht, dass der Angeklagte "ich will meine Kohle" geschrien und zweimal zugeschlagen habe. Dabei seien dem Geschädigten die Brille und die Mütze vom Kopf gefallen.

Die Frau des Angeklagten hingegen sah nur die Hand ihres Mannes an der Wange des vermeintlichen Opfers. "So wie der Papst, wenn er segnet, oder was?", fragte die Vorsitzende und stellte fest: "Wir haben vier Versionen gehört. Jeder hat's anders erzählt." So sah es auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Da die Zeugenaussagen die Schuld des Angeklagten nicht zweifelsfrei belegen konnten, sprach das Gericht den Angeklagten frei. "Dass Sie ihm segnend die Hand aufgelegt haben, kaufe ich Ihnen trotzdem nicht ab", belehrte Richterin Ilona Conver den Angeklagten in der Urteilsbegründung.

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