Wohin schaut der Feinschmecker, wenn er seinem Gaumen etwas Gutes tun will? Keine Frage: In die Speisekarte. Seit 1. September könnte so mancher Gourmet noch einen anderen Blick wagen - den ins Internet. Dort veröffentlicht das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelinformation die "schwarzen Schafe" der Gastro- und Lebensmittelbranche. Das Ergebnis vorweg: Sie blieben bislang ungeschoren, bayernweit keine Einträge in den ersten zwei Wochen. Was bedeutet: Bayerns Lebensmittelüberwacher sind auf keine gravierenden Verstöße gestoßen, die Bußgelder von 350 Euro oder mehr nach sich gezogen hätten.

Derlei sind in der Tat selten: Im Kreis Haßberge gab es davon in den letzten drei Jahren nur zwei, wie die Pressesprecherin des Landratsamtes, Monika Göhr, unserer Zeitung auf Nachfrage mitteilte. 2012 war bisher nur ein weißer Fleck in Sachen schwarzer Schafe - keine gravierenden Verstöße.

Die neue Praxis, wonach Lebensmittelüberwacher grobes Fehlverhalten per Internet veröffentlichen müssen, ersetzt die Idee der "Hygiene-Ampel", die bundesweit an jeder Gaststätte dem potenziellen Besucher am Eingang signalisieren sollte, wie es um die Einhaltung der Hygienevorschriften bestellt ist: grün - gelb - rot. Bei Rotsündern sollte den Kunden ein Licht aufgehen. So gebrandmarkt wäre das Ende des Betriebes absehbar gewesen. "Nur weil er die Kühlschranktemperaturen nicht protokollierte", erzählt ein Insider.

Umstrittene Hygiene-Ampel


In der Gastro-Branche blinkten die Alarmleuchten. Durch vehemente Protestaktionen wurde die bundesweit einheitliche Einführung der Hygieneampel zunächst mit dem Stoppschild gebremst. Seit Mitte dieser Woche gab das Bundesministerium für Verbraucherschutz grünes Licht für die Einführung eines Kontrollbarometers auf Länderebene. "Diese Entscheidung ist nach der Einführung des seit 1. September gültigen Internetprangers für das deutsche Gastgewerbe eine weitere Belastung." Jedoch geht Bayerns Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes, Ulrich N. Brandl, davon aus, dass "wir auf Grund der guten Zusammenarbeit mit der bayerischen Landespolitik sowie nach intensivem Austausch mit Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) in Bayern von diesem populistischen Irrsinn verschont bleiben."

Solch markige Aussagen erreichen Hubert K. (Name von der Redaktion geändert) kaum. Seit 40 Jahren steht er hinter dem Tresen seines Familienbetriebes, den er in siebter Generation führt. Er liebt seinen Beruf und seine Gäste, kennt keinen Ruhetag - und hat trotzdem Spaß daran. Die Wirtsstube ist sein Lebensinhalt.

Schlachtfest ging's "an Kragen"


Diese Berufung sorgte dafür, dass eines der wenigen Dorfwirtshäuser im Landkreis erhalten blieb. Hubert K's Bierruhe ist sprichwörtlich und sinnbildlich. Doch diese Gemütslage hat sich in den letzten Jahren verändert, wenn der Lebensmittelüberwacher aus dem Landratsamt mit seinem Köfferchen zu einem seiner halbjährigen Kontrollgänge einmarschierte.

"Der findet immer etwas", hat Hubert gelernt, nicht die Mücke an der Wand, sondern auf dem Fensterbrett. Mit endoskopischem Blick durchleuchtet der Hygienepolizist die Bierleitung, tastet sich mit Taschenlampen hinter den Dichtungsgummis des Kühlschrankes entlang, durchforstet die Protokolle über die täglichen Aufzeichnungen in Sachen Kühlschränke.

Der von Brüssel aus angezettelte Papierkrieg, der von der bundesdeutschen Ministerialbürokratie zu 150 Prozent umgesetzt wird, hat Hubert K. schon vor Jahren verzweifeln lassen: Seine wöchentlichen Schlachtfeste sind längst schon Geschichte - dem Alter des Mittsiebzigers und den immer strenger werdenden Auflagen geschuldet. "Ich mag nimmer, ich kann nimmer", klagte er seinen Stammgästen, die ein Stück Dorfkultur dem Hygienewahn geopfert sahen und neidvoll nach Portugal, Spanien und Italien schauten. Ein böses Wort über die EU hat man von Hubert K. nie gehört, seine Sündenböcke sprechen deutsch.

Da trösten auch die Worte der Europaabgeordneten Monika Hohlmeier (CSU) wenig, die jüngst bei der Unterpreppacher Kirchweih die EU-Normen verteidigte. Die seien - wie die Kühlvorschriften - für Transporte quer durch den Kontinent gedacht, nicht aber für fränkische Dorffeste hatte sie abgewiegelt.

"Das hätte sie mal unseren Lebensüberwachern sagen sollen", schimpften viele Festveranstalter und Gastwirte, die unsere Zeitungen daraufhin befragte. Viele wollten nicht beim Namen genannt werden, gaben aber unumwunden zu, dass "wir auch schon Strafen zahlen mussten". Mal 25, mal 30 Euro. "Die finden immer etwas, und wenn es die Blumen sind, die auf der Theke stehen, da ja ein Blütenblatt ins Teeglas fallen könnte", umschreibt eine Wirtin erkanntes "Gefährdungspotenzial".

"Vorschriften ja, Kontrollen ja, aber kein Anprangern" - diese Linie des Präsidenten des Hotel- und Gaststättenverbandes, Brandl, vertritt, auch der stellvertretende Kreisvorsitzende Jürgen Stahl aus Ebern: "Ohne wenn und aber stehen wir für die Einhaltung der Hygienevorschriften. Schwarze Schafe, die es wie in jeder anderen Branche auch im Gastgewerbe gibt, schädigen den Ruf der riesigen Mehrheit anständiger Gastronome. Genau um diese schwarzen Schafe auszusortieren, gibt es bereits ausgefeilte Kontroll- und Sanktionsmechanismen, die rechtsstaatlichen Prinzipien folgen."

Mehr Papier als Salat


Dass Gastwirte und Köche mitunter stärker mit dem Ausfüllen von Papierkram, denn mit dem Putzen von Salat und dem Garen von Fleisch beschäftigt sind, beklagen alle unsere Gesprächspartner, die allesamt nicht genannt werden möchten. "Ein heikles Thema." Ständige Kontrollen, die auch protokolliert werden müssen. "Dann kommt auch die Berufsgenossenschaft und empfiehlt, dass jedes Elektrogerät einmal im Jahr gecheckt werden sollte." Vom Finanzamt war noch gar nicht die Rede.

Zwei Vorschriften


Die Internetinformation des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit finden sich unter: www.lgl.bayern.de . Veröffentlicht werden: Rechtsverstöße durch Überschreitungen von Grenzwerten, Höchstgehalten und Höchstmengen (Nr. 1 der Vorschrift) sowie Verstöße in nicht nur unerheblichem Ausmaß oder wiederholte Verstöße gegen Vorschriften, die dem vorsorgenden Gesundheitsschutz dienen, sowie vor allem Hygiene- oder Täuschungsvorschriften (z. B. Kennzeichnungsmängel), falls aufgrund des Verstoßes ein Bußgeld von mindestens 350 Euro zu erwarten ist (Nr. 2 der Vorschrift).