Haßfurt
Justiz

Freispruch für einen Epileptiker nach Unfall

Das Amtsgericht in Haßfurt verhandelte einen außergewöhnlichen Fall.
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Der 7. Juni vergangenen Jahres war für einen Arbeiter aus Thüringen kein Glückstag. Auf dem Heimweg von seiner Arbeitsstelle kam er mit seinem Kleinkraftrad in Pfarrweisach gegen 20 Uhr abends von der Fahrbahn ab und wurde mit dem Kopf voraus auf ein parkendes Auto geschleudert. Bei dem Unfall wurde er schwer verletzt. Das geparkte Auto hatte nur noch Schrottwert.

Zu allem Unglück musste er sich am Mittwoch auch noch am Amtsgericht in Haßfurt wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verantworten. Denn die Staatsanwaltschaft kreidete ihm an, dass der Epileptiker trotz seiner Krankheit gefahren sei und ein epileptischer Anfall den Unfall ausgelöst habe.

Über seinen Anwalt ließ der Angeklagte verlauten, dass nicht ein epileptischer Anfall Grund für den Unfall gewesen sei, sondern ein Fahrfehler auf der nassen Straße. Zudem habe kein Fahrverbot für das Kleinkraftrad bestanden, sondern nur für ein Auto. Der Angeklagte selbst gab an, er habe sich wegen eines Regenschauers vor einer Bäckerei unterstellen wollen und sei an der Bordsteinkante weggerutscht.

Doch an einen Regenschauer konnte sich ein Polizeibeamter, der damals vor Ort war, im Zeugenstand nicht erinnern. Die Fahrbahn sei trocken gewesen, sagte er. Zudem hätten Ohrenzeugen, die kurz nach dem Unfall am Unfallort waren, in der Nähe im Freien ein Feierabendbier getrunken. Der Angeklagte sei zunächst nicht ansprechbar gewesen, habe sich dann mit aller Kraft gegen den Einsatz der Sanitäter und Ärzte gewehrt und Blut gespuckt, so der Zeuge. Es habe keine Bremsspuren gegeben. Die A-Säule des beschädigten Autos sei stark eingedellt gewesen. Der Verletzte habe Zähne ausgespuckt und habe versucht zu flüchten, sagte ein anderer Zeuge, der als einer der ersten an der Unfallstelle war, vor Gericht.

Schützenhilfe erhielt der Angeklagte vor Gericht durch eine Rechtsmedizinerin, die aussagte, dass ein epileptischer Anfall nicht zu 100 Prozent als Unfallursache nachgewiesen werden könne. Der Verletzte habe sich nicht - wie bei einem epileptischen Anfall üblich - eingenässt, eingekotet oder sich auf die Zunge gebissen. Festgestellt wurden eine Wirbelsäulenfraktur, ein Schädel-Hirn-Trauma zweiten Grades und eine Oberkieferfraktur. Der Angeklagte trug beim Unfall zwar einen Helm, der nach dem Aufprall jedoch auf dem Boden lag und vermutlich durch die Aufprallwucht vom Kopf gerissen worden war.

Dem Staatsanwalt blieb daher nichts anderes übrig, als einen Freispruch zu beantragen, da die Schuld nicht eindeutig nachweisbar sei. Dennoch sei es nicht nachvollziehbar, dass ein Mensch, der seit Jahren an Epilepsie leidet, am Straßenverkehr teilnimmt. "Man sollte es sein lassen bei derartigen körperlichen Mängeln. Heute ist es ein Auto, morgen vielleicht ein Kind. Dann sprechen wir über fahrlässige Tötung", ermahnte der Anklagevertreter den Angeklagten.

Der Verteidiger schloss sich freilich dem Antrag des Staatsanwalts an. Bei einem Schuldspruch würde seinem Mandanten drohen, dass die Kfz-Versicherung bei ihm Regress nimmt und den Schaden von über 8000 Euro zurückfordert.

Am Ende hatte dann der Angeklagte am Mittwoch doch noch einen Glückstag. Die Vorsitzende, Richterin Ilona Conver, sprach ihn frei und händigte ihm noch im Gerichtssaal seinen Führerschein aus. Er solle froh sein, dass er nicht im Rollstuhl sitzt, und sich in Zukunft genau überlegen, was er macht, gab sie ihm mit auf den Weg.

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