Allertshausen
Gedenken

Fackeln, Musik und mahnende Worte

Mit einer Feierstunde erinnerten rund 100 Menschen der Grenzöffnung zwischen Hellingen und Allertshausen vor 30 Jahren.
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Die beiden Bürgermeister Wolfram Thein und Christopher Other (rechts) legten einen Kranz an der ehemaligen innerdeutschen Grenze nieder. Bettina Knaut
Die beiden Bürgermeister Wolfram Thein und Christopher Other (rechts) legten einen Kranz an der ehemaligen innerdeutschen Grenze nieder. Bettina Knaut
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"1949 teilte man unser Land, am 2.12.1989 reichten wir uns hier wieder die Hand" steht auf dem Gedenkstein an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Allertshausen (Markt Maroldsweisach) und Hellingen (Stadt Heldburg). Zum 30. Jubiläum der erstmaligen Grenzöffnung an gleicher Stelle kamen am Montagabend gut 100 Bürger aus der Grenzregion Bayern/Thüringen.

"Ein imposantes Bild", freute sich Wolfram Thein, Bürgermeister der Marktgemeinde Maroldsweisach, mit Blick auf die Phalanx der Besucher, die mit Fackeln vor ihm standen. Aus Ebern, Hofheim und Riedbach konnte Thein Kollegen empfangen, während Heldburgs Bürgermeister Christopher Other selbst aus Schleusingen Gäste ausmachte. Die gute Resonanz zeige ihm, dass das Thema Wiedervereinigung immer noch in den Köpfen sei, sagte Thein, "und es zeigt, dass alle dankbar sind, dass es so gekommen ist, dass die Grenze gefallen ist und wir wieder ein Deutschland sind." Als 16-Jähriger erlebte der Maroldsweisacher "die unvergesslichen Tage und Nächte damals im November 1989". Auf das "Wunder der friedlichen Revolution" folgten für ihn "die glücklichsten Tage der Geschichte Deutschlands, ja für ganz Europa".

"Nun danket alle Gott" spielte die Blaskapelle "Riether Musikanten". Einige Meter hinter den Musikern nennt das große braune Hinweisschild die genaue Uhrzeit der Grenzöffnung: "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 2. Dezember 1989, 14 Uhr, geteilt". "Auch heute beginnen die meisten Gespräche zum Thema Ost und West mit "Weißt Du noch damals ...", meinte Thein. Wie ein Lauffeuer hatte sich an jenem Dienstag die Nachricht verbreitet, der Zaun werde fallen. Zu Tausenden strömten die Menschen zur Grenze. "Ein Tag, so wunderschön wie heute", mit diesem Lied begrüßten die Allertshäuser ihre kurz zuvor noch so fernen Nachbarn aus Hellingen.

Diejenigen, die damals dabei waren, als der Eiserne Vorhang fast einen Monat nach dem Freudentaumel in Berlin endlich auch hier aufriss, bekommen auch heute noch eine Gänsehaut. Bernhard M. war einer von ihnen. Der ehemalige Grenzpolizist war 34 Jahre alt und erlebte die emotionalen Momente gemeinsam mit seiner Familie. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ist der geschichtsinteressierte Mann Anfang November die alten Grenzstationen noch einmal abgefahren. "Ich habe meine Gedanken schleifen lassen", schildert er, "die Erinnerungen kann man nicht verdrängen."

Thein erinnerte daran, dass nur fünf Tage nach der ersten Grenzöffnung nach Absprachen mit den Landkreisen Hildburghausen und Haßberge mit dem Ausbau der Straße zwischen Allertshausen und Hellingen begonnen wurde. So konnten am 10. Dezember, als der Sicherheitszaun erstmals für acht Stunden öffnete, auch motorisierte Besucher gen Westen strömen. Wie überall entlang der Grenze herrschte auch hier "Ausnahmezustand". Thein: "Jeder wurde bewirtet, man feierte und schloss Freundschaften über die Grenze hinaus." Um 21 Uhr jedoch musste jeder hinter "seinen" Zaun zurück.

Am folgenden Wochenende stellte die Auszahlung des Begrüßungsgeldes die Marktgemeinde vor Probleme: Ihr ging das Geld aus. Für Abhilfe sorgten die Banken vor Ort, erzählte Thein. Jeder, der das alles live erlebte, werde diese Bilder nie vergessen. Umso schöner seien die Treffen zu den Jahrestagen, "um diesen Teil der wichtigen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen".

Das Heldburger Unterland sei ja durch die Grenzlage geprägt, sagte Other. Zwischen Maroldsweisach und Heldburg gebe es viele Berührungspunkte, besondere Freundschaften seien entstanden. Auch wenn er die "Tage der Veränderung" nur im Mutterleib "erlebte" , erinnerte Other an die "großartige Leistung" der Mutigen, die für ein Ende des Unrechtsstaates auf die Straße gingen und somit den Nachfolgenden ganz andere Möglichkeit eröffneten. Statt Unfreiheit und Unrecht gebe es infolgedessen Gemeinsamkeit und Solidarität.

Zum Abschluss der Zeremonie stimmte n die Riether Musikanten die Nationalhymne an. Der Einigkeit sind sich alle Teilnehmer an diesem Abend ebenso bewusst wie des Lebens in Recht und Freiheit, das nicht als selbstverständlich gelten sollte. Wie drückte es Other aus? "Alle, die Hass säen, sollen hierher schauen und sehen, was Freiheit bringt." Diese Botschaft weiterzutragen, diesen "wunderbaren Moment" weiterzugeben, darin liege der historische Auftrag, sagte er. An die Feierstunde schloss sich ein gemütliches Beisammensein in der Gastwirtschaft Hartleb in Maroldsweisach an.

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