Der Wandel, den das Haßfurter Unternehmen "Schnaus und Sohn" vollzogen hat, lässt sich durchaus als ungewöhnlich bezeichnen. Früher drehte sich hier noch alles um Pferdestärken und Hubraum. Der Laden hatte Benzin im Blut. Und das nicht nur im sprichwörtlichen Sinne: 1933 eröffnete Firmengründer Hans Schnaus die erste Tankstelle zwischen Bamberg und Schweinfurt. Bereits fünf Jahre früher legte er mit dem Handel von Expressfahrrädern den Grundstein für die Firma "Schnaus & Sohn".

Die kommenden Jahrzehnte standen unter dem Stern des Verbrennungsmotors. Erst Kleinkrafträder und später dann Autos wurden dort verkauft. 1960 eröffnete Willi Schnaus, der das Geschäft noch immer häufig besucht, schließlich eine Mercedes-Vertretung.

1988 übernahm Tochter Annette gemeinsam mit ihrem Mann Werner Einbecker das Unternehmen. "Das Fahrrad war bis dahin immer ein Nebengeschäft, aber das hat nicht viel ausgemacht", erzählt Einbecker. Das sollte sich schnell ändern. Zwar machte der gelernte Maschinenschlosser seinen Meister als Kfz-Mechaniker, doch fünf Jahre später kam die Wende: Die Autos verschwanden allmählich. "Dadurch, dass 1993 die Tankstelle weg kam, hat sich die Kundschaft verlaufen. Also haben wir uns dann aufs Fahrrad konzentriert", sagt Einbecker.

Die Zeiten ändern sich


Einbeckers hatten aufs richtige Pferd gesetzt, denn heute verkaufen sie rund 600 bis 800 Räder im Jahr. "Wir haben uns mit dem Fahrrad entwickelt", sagt Einbecker. Gegen Ende der 80er kam das Mountainbike nach Deutschland - für den Laden ein entscheidender Schub. Dabei war ihm das anfangs gar nicht so recht. "Autos zu reparieren, war schon schön. Das ist halt doch etwas komplizierter als ein Fahrrad." Heute hätten die Räder aber nachgezogen. Hydraulische Bremsen seien schon fast der Standard und auch die Schaltungen würden immer komplizierter, erklärt sein Sohn Michael Einbecker.

Von seiner Historie profitiert das Familienunternehmen noch immer: "Wir haben hier viel Lagerfläche, die wir gerade im Januar brauchen." Da werden die Räder geliefert, die sie im Sommer bestellt haben. Wer genau hinsieht, entdeckt die Spuren der Vergangenheit: Egal ob es die Rohre der Abgasabsaug-Anlage sind, die sich durch das Gebäude schlängeln, oder die Risse im Beton des Verkaufsraum, die verraten wo früher die Grube war, durch die die Mechaniker an der Autounterseite arbeiten konnten.

Das Jahr 2008 läutete die nächste Zeitenwende für den Betrieb ein: die Motoren sind wieder zurückgekehrt. Nicht aber die Verbrennungsmotoren, sondern die Elektromotoren in Form von E-Bikes. "Das erste Jahr haben wir vielleicht drei bis fünf verkauft, mittlerweile sind es schon 50 Stück", sagt Werner Einbecker. "Da musst du dabei sein - das ist die Zukunft", fügt er hinzu. Auch wenn diese mehr Aufwand mit sich bringen, da die Reperaturen hier schon schwieriger seien.

Fahrrad sollte zu Weihnachten geschmückt werden


Vieles hat der 59-Jährige in diesem Laden erlebt. Kuriose Wünsche von Kunden zum Beispiel. Eine Frau wollte einmal ihr Fahrrad zu Weihnachten schmücken lassen. Eine LED-Lichterkette sollte es sein, eben passend zum Fest. Aber nicht batteriebetrieben, sondern durch den Dynamo gespeist."Alles sollte umweltfreundlich sein", sagt Mechaniker Alexander Littmann. Gerne hätte er ihr diesen Wunsch erfüllt, aber das sei nicht möglich gewesen, da die Spannung, die der Dynamo liefert, schwankt.

Die Nachfolge von "Schnaus & Sohn" ist bereits geklärt: Seit dem 1. Januar ist Sohn Michael Einbecker der Chef. Die geschäftliche Zukunft schätzt er gut ein: "Die Leute kaufen heute hochwertige Räder. In den letzten fünf Jahren hat sich der Stellenwert des Fahrrads enorm gewandelt", sagt Michael Einbecker.

Viele Kunden, die einen Arbeitsweg von 20 Kilometern haben, wünschen sich seiner Meinung nach etwas Sportliches. Einbeck meint damit das E-Sport-Bike, das er als nächsten Schritt der Radevolution betrachtet. Viele, die bisher Roller fuhren, satteln derzeit auf das E-Bike um. "Das ist auch besser für die Umwelt", sagt Michael Einbecker. Damit haben die Einbeckers die Energiewende ihres Unternehmens bereits geschafft - etwas schneller als der Landkreis Haßberge.