Zeil am Main

Ein Jahrhundert voller Hochs und Tiefs für Zeil

Christoph Winkler beleuchtete im letzten von vier Geschichtsvorträgen die Zeit von 1918 bis 2018 in der Stadt Zeil.
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Über Geschichte Zeils seit dem Ersten Weltkrieg referierte Altbürgermeister Christoph Winkler zum Abschluss der Vortragsreihe zur 1000-Jahr-Feier der Stadt.
Über Geschichte Zeils seit dem Ersten Weltkrieg referierte Altbürgermeister Christoph Winkler zum Abschluss der Vortragsreihe zur 1000-Jahr-Feier der Stadt.
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Hundert Jahre voller Hochs und Tiefs für die Stadt Zeil und ihre Bewohner beleuchtete Christoph Winkler im letzten der vier historischen Vorträge, die im Zuge der 1000-Jahr-Feier für Zeil die Geschichte der Stadt lebendig werden ließen. Große Not, aber auch Wirtschaftswachstum, aufstrebende Firmen und ihr Niedergang - der Rückblick war für viele ein Wechselbad der Gefühle. Die Stadt Zeil wuchs in dieser Zeit um das Vierfache ihrer einstigen Größe an. Flüchtlinge, Vertriebene, aber auch Beschäftigte der Industriebetriebe wie der Zuckerfabrik sorgten für ständige Bautätigkeit.

"Vergangenheit hat Zukunft", mit diesem Zitat kommentierte Bürgermeister Thomas Stadelmann den Umstand, dass das Rudolf-Winkler-Haus auch diesmal wieder voll besetzt war, obwohl noch mehr Stühle aufgestellt wurden. Fast 360 Zuhörer lauschten den Ausführungen von Altbürgermeister Christoph Winkler, die mit dem Ende des Ersten Weltkrieges begannen. 50 Gefallene hatte Zeil zu verschmerzen, viele Kriegsteilnehmer waren traumatisiert, Armut regierte. Der Stadtrat unter dem Bürgermeister Nikolaus Drebinger überlegte sogar, das Heiratsalter auf 25 hochzusetzen, weil sich viele junge Leute eine Heirat ohnehin nicht leisten konnten.

Trotz knapper Mittel kam 1921 die Elektrizität nach Zeil. Oskar Winkler, Großvater von Christoph Winkler, damals Zweiter und später Erster Bürgermeister, streckte privat Geld für die Kupferkabel vor und so legte Zeil den Grundstein für das eigene Stadtwerk. 6700 Kilowattstunden Strom wurden damals von zwei Transformatorenstationen verarbeitet. "So viel verbrauchen heute zwei Familien im Jahr", rechnete Christoph Winkler vor. Die Inflation galoppierte. Der städtische Nachtwächter verdiente 1920 drei Mark, drei Jahre später 1500 Mark. Wer 1920 gebaut hatte, konnte allerdings drei Jahre später problemlos sein Darlehen tilgen. Die meisten verloren jedoch massiv Vermögen. In seiner eigenen Amtszeit als Bürgermeister fand sich ein städtisches Sparbuch von 1923 mit einem Guthaben von sage und schreibe 36,5 Billionen Mark. "Alle Versuche, dieses Geld abzuheben, scheiterten allerdings", sagte er schmunzelnd. Nicht nur in den Notzeiten nach den Weltkriegen hätte Zeil das Geld gut brauchen können.

Inflation und Arbeitslosigkeit beförderten die Radikalisierung der Wähler, die in Zeil allerdings nicht so stark ausfiel wie im Landesdurchschnitt. 1925 wurde die evangelische Kirche in Zeil eingeweiht, nach dem Tod von Nikolaus Drebinger wurde Oskar Winkler Bürgermeister. Er nutzte Maßnahmen, die der Arbeitslosigkeit entgegensteuerten, und baute die Marienschule mit acht Klassensälen, Küche und einem Bad mit 20 Brausen. "Vorher wurde immer nach Läusen gesucht", erinnerte sich Winkler an eigene Badezeiten dort. Sein Vater Rudolf Winkler baute 38 Jahre später das Atrium-Gebäude der heutigen Mittelschule und weil dann die Ganztagsschule dazu kam, "durfte ich als Bürgermeister die Familientradition fortsetzen und auch eine Schule bauen".

Auch die Kinderbewahranstalt wurde während der Weltwirtschaftskrise gebaut. Die Nazis gewannen an Boden, nach Hitlers Machtergreifung gab es bald die ersten Festnahmen, darunter auch Stadtpfarrer Dümler und die Stadtratsmitglieder der Bayerischen Volkspartei. Die Bahnhofstraße wurde Adolf-Hitler-Straße, der Marktplatz Ritter von Epp gewidmet. Viele Vereine, darunter der Arbeitergesangverein Liederkranz und die Naturfreunde, wurden verboten. Die jüdische Gemeinde hatte sich schon in den 1920er Jahren aufgelöst, so kam es nicht zur Ausschreitung gegenüber jüdischen Mitbürgern. "Aber auch die Zeiler Geschichte zeigt, wie sich eine Demokratie auflösen kann. Und es ist die Vorlage für Erdogan und andere. Wir müssen wachsam sein", mahnte Winkler.

Weil die Zeiler Brunnen oft bakterienverseucht waren, die Kindersterblichkeit deshalb mit 50 Prozent außerordentlich hoch war, gründete Zeil den ersten Wasserzweckverband mit Ebelsbach. Im Zweiten Weltkrieg produzierte die Firma Bosch in der Weberei Erba, 150 ukrainische Zwangsarbeiterinnen waren dort eingesetzt. 160 Zeiler fielen im Krieg, die Glocken des Käppela wurden für Kriegszwecke eingeschmolzen - deshalb sind die heutigen Glocken aus Stahl.

Am 16. April 1945 fielen 500 Brandbomben auf Zeil, 68 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Sehr überflüssig sei die Sprengung der Zeiler Mainbrücke gewesen, als die Amerikaner bereits über die Hohe Wann zogen. Bürgermeister Weinig übergab die Stadt und die Deutsch-Amerikanerin Frieda Goger konnte dank ihrer Sprachkenntnisse verhindern, dass das Käppela als vermuteter Nazi-Unterschlupf beschossen wurde.

Christoph Winkler zeigte, wie die Entnazifizierung ablief, wie Zeil mit 2500 Einwohnern rund 1000 Flüchtlinge und Vertriebene integrierte, weil diese sich aktiv in das Gemeinwesen einbrachten. Viele von ihnen engagierten sich im Verein "Freunde des Städtchens Zeil", der die erste Stadtratsliste der Überparteilichen Zeiler Liste (ÜZL) aufstellte. So gehörten schon dem Stadtrat von 1948 vier Heimatvertriebene an. Carepakete und Schulspeisung, die Ansiedlung der Zuckerfabrik, rasanter Ausbau der Baugebiete und der Infrastruktur für Wasser und Kanal, der Strukturwandel in der Landwirtschaft und das besondere, konstruktive Klima in den Zeiler Stadtratsgremien über die Jahrzehnte hinweg waren Themen von Winkler. Die Stadt profitierte und schuf viele wegweisende Einrichtungen vom Altenheim über das Hallenbad und das "Netz für Kinder". Zeil entwickelte sich zu einer kleinen Industriestadt, und die Firma Allmilmö machte die Stadt weltbekannt. Auch die Firma "Telefunken" produzierte in Zeil: mit Heimarbeitern 1500 Arbeitsplätze. Über 200 Gastarbeiterinnen holte "Telefunken" aus dem damaligen Jugoslawien nach Zeil - einige blieben.

1976 begann die Gebietsreform, Bischofsheim war der erste Stadtteil, Krum und Sechsthal kamen 1978 als letzte dazu. Zeil wuchs unaufhörlich, Baugebiete mit bis zu 200 Plätzen wurden ausgewiesen, bis die 6000-Einwohner-Marke erreicht war. 1982 wurde Zeil ans Gasnetz angeschlossen, die Bücherei entstand, 1985 wurde das erste Altstadt-Weinfest unter Bürgermeister Erich Geßner gefeiert. Die Entlastungsstraße wurde im ersten Abschnitt 1988, der zweite Teil 1994 errichtet, 2000 der Hafen.

Traditionell sei Zeil sorgsam mit seiner historischen Bausubstanz umgegangen, so Winkler, die Städtebauförderung habe dann vieles ermöglicht. 200 denkmalgeschützte Objekte gibt es in Zeil: Wohnhäuser, die Stadtmauer und die Schmachtenburg.

Trotz aller Sorgen in diesen hundert Jahren sei der Frohsinn nie zu kurz gekommen in Zeil. "Heute spielen Geldsorgen wieder eine Rolle, aber die Stadt wird sich trotzdem weiter entwickeln", zeigte er sich überzeugt. Dem stimmte auch Bürgermeister Thomas Stadelmann zu, denn gerade das Jubiläumsjahr habe den besonderen Geist Zeils gezeigt. Er würdigte auch, wie die Familie Winkler diese rasanten hundert Jahre prägte, und dankte seinem Vorgänger für sein Engagement.

Allen vier Heimatforschern, die die Vortragsreihe gestalteten, dankte er für die großartige Vortragsreihe und überreichte den Inhalt der aufgestellten Spendenbox an Martin Schlegelmilch, Ludwig Leisentritt, Alois Umlauf und Christoph Winkler. Angesichts des großen Interesses wies der Bürgermeister darauf hin, dass der stadtgeschichtliche Arbeitskreis im nächsten Jahr weitergeführt wird und neue Teilnehmer stets willkommen sind.

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