Maroldsweisach
Kunst

Ein halbes Leben mit der Grenze

Für Andrea Thema, die in Maroldsweisach aufgewachsen ist, war die Teilung Deutschlands ein Stück ihres ganz persönlichen Alltags - bis vor 25 Jahren. Inzwischen verarbeitet die Künstlerin den Blick nach Drüben in ihren Werken.
Artikel drucken Artikel einbetten
Andrea Thema mit einem ihrer Grenz-Kunstwerke auf dem Kolonnenweg des früheren Grenzstreifens. Foto: Johanna Eckert
Andrea Thema mit einem ihrer Grenz-Kunstwerke auf dem Kolonnenweg des früheren Grenzstreifens. Foto: Johanna Eckert
+4 Bilder
"Letztlich kennt keiner seinen Weg im Voraus", sagt Andrea Thema und schweift mit ihren Augen in Richtung des Herbstwaldes ab. Sie bleibt stehen. Heute blickt sie von diesem Standpunkt grenzenlos nach Drüben. Schon seit 25 Jahren ist ihr das möglich. Davor erhaschte sie bei einem derartigen Blick nur Fragmente der Realität des sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern. In die DDR blickte sie durch einen Zaun. Die Erlebnisse von damals flattern Andrea Thema wieder vor Augen, wenn sie am Grenzstreifen zwischen Bayern und Thüringen bei Maroldsweisach steht.

"Sie war einfach da, die Grenze", erzählt die 57-jährige Künstlerin, "sie hat ganz selbstverständlich zum Leben dazugehört." Andrea Thema wurde in Maroldsweisach geboren und besuchte dort die Volksschule. Oftmals sonntags machte sie mit ihren Eltern einen Ausflug an das Ende des Westens. Sie besuchten den Grenzzaun, der bis 1989 viele Familien grausam getrennt hatte. Das Niemandsland war ihr bekannt. "Wir waren nicht die einzigen, die am Zaun entlang gelaufen sind und rüber geschaut haben. Es gab Familien, die da standen, und sich Sonntag für Sonntag gewinkt haben", erinnert sich die freischaffende Künstlerin.

Auch ihre Familie wurde durch die Grenze auseinandergerissen. Hellingen und Maroldsweisach trennen nur sieben Kilometer. Aber ein Besuch der Verwandtschaft war nur mit größten Anstrengungen und einem zehnfach längeren Weg über Eisfeld möglich. "Es war jedes Mal ein schmerzlicher Abschied. Man wusste nicht, ob man sich je wieder sehen würde." Ging es für die Eltern von Andrea Thema in den Osten, konnten sie nie bis Hellingen. Das Sperrgebiet war für Besucher nicht zugänglich und so traf man sich in Hildburghausen.

Nylonstrümpfe und Kaffee

Pakete waren das beste Mittel, um Kontakt zu halten. "Nylonstrümpfe, Kaffee und Schokolade haben wir regelmäßig geschickt." Auch an die Zollerklärungen, die beizulegen waren, kann sich Andrea Thema noch erinnern. "Wir hatten das in unserer Familie gut organisiert. Da wusste jeder, wer wem etwas schicken wird", sagt Andrea Thema.

Ihr Elternhaus war nur einen Kilometer vom Stacheldrahtzaun kurz hinter Maroldsweisach entfernt. Nachts hörte sie gelegentlich Minen detonieren. Andrea Thema lebte an und mit der Grenze.

Am 9. November 1989 jedoch war alles vorbei. Die deutsch-deutsche Grenze wurde geöffnet. "Wir ahnten das ja. Aber plötzlich war es wirklich so weit. Ich musste einfach nur weinen, als ich die Nachricht gehört hatte."
Im Januar 1990 stieg Andrea Thema mit ihrem kleinen Sohn und ihren Brüdern in das Auto und passierte mit 32 Jahren zum ersten Mal das Grenzgebiet, das sie durch ihre ganze Kinder- und Jugendzeit begleitet hatte. "Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte." Andrea Thema wusste aus den Erzählungen der Verwandtschaft und früheren Reisen nach Ostberlin, wie es wohl hinter dem Sperrzaun auszusehen hatte. "Das einzige, was mich gewundert hatte, war die Sache mit der Sprache. Die haben einfach genauso gesprochen wie wir", erzählt Thema heute noch mit funkelnden Augen.

Kater Mohrle zieht in den Westen

Die Reisefreiheit war zwar schon ausgesprochen, doch die Wiedervereinigung noch nicht gefeiert, als Andrea Thema um ersten Mal die Verwandtschaft in Hellingen besuchte. Bei der Rückreise wurden sie und ihre Brüder kurz vor Maroldsweisach von Grenzposten kontrolliert. Die junge Frau versteckte aufgeregt das schwarze Kätzchen, das sie in Hellingen geschenkt bekommen hatte, unter ihrem Mantel und hoffte, dass es nicht miauen würde. So schmuggelte sie ihren Kater Mohrle in den Westen. Dieser lebte 19 Jahre bei Andrea Thema und ihrer Familie. Ein Lebewesen, das sie immer wieder an die Teilung des Volkes und das Leid über zig Jahre hinweg erinnerte.

Denn sie merkte: "Erinnerungen verwischen und verblassen." Seit einigen Jahren benutzt Andrea Thema die Mittel der Kunst, um den Blick nach Drüben durch den Stacheldrahtzaun nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie hat ein Plädoyer für die Freiheit geschaffen, die es für DDR-Bürger einfach nicht gab. "Es darf keine Machtstrukturen geben, mit welchen Menschen andere Menschen unterdrücken", betont die Künstlerin zum Hintergrund ihres geschaffenen Kunstwerkes.

Mit bearbeiteten Schleifpapier und einer ganz eigenen Technik in der experimentellen Malerei hat sie ihren Blick nach Drüben in den Osten künstlerisch festgehalten. Das ist ihr persönlicher Weg, sich der Vergangenheit der deutsch-deutschen Landesgrenze zu nähern. Die bildende Kunst ist zu ihrer Sprache geworden, derer sie sich gerne bedient.


Kunstinstallation und Ausstellung "Blick nach Drüben"


Entstehung 20 Jahre nach dem Mauerfall entstanden die ersten Objekte der raumgreifenden Kunstinstallation "Blick nach Drüben". Die Künstlerin befand sich in der Malerei gerade in einer experimentellen Phase, als sich der Jahrestag des Mauerfalls näherte. Die experimentell entstandenen Gitterstrukturen lösten in diesem Kontext bei Andrea Thema die Erinnerung an den einstigen Zaun aus Stacheldraht aus, der die Menschen voneinander trennte. Sie entschloss sich, eine große Serie von diesen Arbeiten entstehen zu lassen.

Objekte Die so entstandene Serie von stringenten vierteiligen Wandobjekten tritt in Beziehung zu einem dreiteiligen kinetischen Raumobjekt, einer Scheibe, die frei im Raum aufgehängt ist. Diese Scheibe bezeichnet die Künstlerin als "Universumsscheibe" mit dem Titel "Sophia". Sie stilisiert das Universum, das Andrea Thema mit dem Geschenk des Lebens, der stetigen Bewegung, der Unendlichkeit und der Freiheit in Verbindung bringt.

Öffnungszeiten Die Kunstinstallation ist noch bis zum Sonntag, 12. Oktober, in der Kreisgalerie in Mellrichstadt, Hauptstraße 5, zu besichtigen. Geöffnet ist die Ausstellung dienstags bis donnerstags und sonntags von 14 Uhr bis 17 Uhr.

Zur Person Andrea Thema studierte u. a. Textile Gestaltung und Werken. Von 1979 bis 2004 arbeitete sie als Fachlehrerin. 1986 begann sie als Malerin, Bildhauerin und in textiler Gestaltung freischaffend künstlerisch tätig zu sein. Für sakrale Kunst entwirft sie Paramente, die sie in verschiedenen Werkstätten ausarbeiten lässt. je



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren