Haßfurt
Amtsgericht

Ein Freispruch mit peinlicher Note

In einem Strafprozess am Amtsgericht Haßfurt ließ sich der Vorwurf der Beleidigung gegen eine 66-Jährige nicht beweisen. Freuen kann sie sich dennoch nicht.
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Länger als eine Viertelstunde musste man sich im Saal des Amtsgerichts in Haßfurt das Band anhören, dessen Aufnahme von einem Anrufbeantworter stammte. Zu hören war das fast unverständliche Gekreische einer sich überschlagenden Frauenstimme. Vieles war akustisch nicht eindeutig verstehbar, aber zwei Schimpfwörter konnte man zweifelsfrei erkennen: "Dreckschweine" und "Dorfmatratze." Da der Angeklagten (66 Jahre) aber nicht nachweisbar war, dass sie mit diesen Ausdrücken ihre Nachbarin gemeint hatte, wurde sie freigesprochen.

Der besagte Vorfall ereignete sich bereits im Januar 2018. In kurzen Abständen rief die Angeklagte bei ihrer Nachbarin an und keifte mit schriller und höchst erregter Stimme auf den Anrufbeantworter. Zweifellos hatte die Anruferin bei ihren verbalen Ausfällen "mehr als zwei Schoppen intus", meinte die Amtsrichterin Ilona Conver. Außer den besagten Kraftausdrücken waren die ersten zwei Sätze verstehbar. "Ihr ekelt uns hier weg - das wird euch nicht gelingen", lauteten sie.

Die beiden Sätze der Angeklagten sind ein eindeutiger Fingerzeig für den dörflichen Hintergrund, der diesem Ausraster zugrunde liegt. Dabei geht es darum, dass die Gemeinde neben dem Anwesen der Betroffenen neue Bauplätze ausgewiesen hat. Nach ihren Worten fühlt sie sich in dem Dorf "total gemobbt." Sie werde "runtergemacht wie der letzte Dreck." Möglicherweise hat sie auf den Anrufbeantworter ihrer nächsten Anwohner gesprochen hat, weil der Nachbar im Gemeinderat sitzt.

Als es damals zu dem Eklat kam, riefen die Nachbarsleute die Polizei. Der Polizist, der seinerzeit mit einem Streifenwagen hinfuhr, trat in den Zeugenstand und berichtete von dem, woran er sich nach fast eineinhalb Jahren noch erinnerte. Er habe versucht, mit der Anruferin zu sprechen. Diese aber habe ihre Haustüre nicht geöffnet und in ihrem Haus "rumgeschrien wie verrückt", sagte der Beamte.

Als die Angeklagte den Uniformierten bei dessen Aussage vor Gericht ständig unterbrach, fuhr Ilker Özalp als Vertreter der Anklage aus der Haut und wies die Frau mit scharfen Worten zurecht. Entscheidend für die juristische Bewertung der Angelegenheit war die Aussage der Nachbarin. Sie erklärte, dass sie die akustisch verstehbaren Schimpfwörter - "Dreckschweine" und "Dorfmatratze" - nicht so verstanden habe, dass sie damit gemeint sei. Und aktuell, ergänzte sie auf Nachfrage der Richterin, gebe es keine derartigen Probleme mehr.

Damit war der Tatvorwurf vom Tisch. Sowohl der Vertreter der Staatsanwaltschaft als auch der Verteidiger Alexander Wessel plädierten auf Freispruch. So lautete auch das Urteil. Die Gerichtskosten und die Kosten für den Rechtsanwalt trägt die Staatskasse.

Die Frau dürfte trotz des Freispruchs das Justizgebäude nicht allzu euphorisch verlassen haben, denn die Richterin gab ihr mit auf den Weg: "Mir wäre es im höchsten Maße peinlich, würde ein solches Telefonat von mir öffentlich abgespielt."

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