Laden...
LKR Haßberge
Coronavirus

Ein Akt der Nächstenliebe: Frauen aus dem Landkreis Haßberge nähen Stoffmasken

Sie sind gegen Profitgier und Egoismus: Frauen aus dem Landkreis krempeln die Ärmel hoch und nähen - zwischen Familie und Beruf - Mundschutze. Einrichtungen wie Pflegeheime aber auch Supermärkte nehmen das Angebot dankend an.
Artikel drucken Artikel einbetten
Durchschnittlich 35 Mundschutze nähen die beiden Frauen, die gleichzeitig ihre Kinder zuhause betreuen müssen,  jeweils am Tag. privat
Durchschnittlich 35 Mundschutze nähen die beiden Frauen, die gleichzeitig ihre Kinder zuhause betreuen müssen, jeweils am Tag. privat
+2 Bilder

In Österreich ist er bereits Pflicht, in Deutschland immer mehr im Kommen: der Mundschutz. Im klassischem OP-Kittel-Grün wirken die Atemschutze befremdlich, kalt und steril. Doch das muss nicht sein. Mit bunten Blümchen, Mustern oder lustigen Comicfiguren wirken Stoffmasken gleich weniger bedrohlich. Genau solche stellen Denise Krupka-Rausch aus Zeil und die Knetzgauerin Nadine Müller-Mergenthaler her. Seit dem 21. März sitzen die Frauen täglich vor ihren Nähmaschinen.

Nähen als Herzensangelegenheit

"Da ich selbst Asthmatiker bin und zur Risikogruppe gehöre, war es mir persönlich ein Anliegen", sagt Krupka-Rausch. Für gewöhnlich näht die Zeilerin Tragebekleidung für Mütter und Kinder und hat deshalb die Maschinen parat. "Dafür habe ich zwei Wochen meine Aufträge zurückgestellt. Ab der nächsten Woche nähe ich nur eine bestimmte Anzahl pro Tag, da ich mein Geschäft am Laufen halten muss." Auch so hat die zweifach Mutter mit ihren Kindern und der Teilzeitstelle in Kurzarbeit viel um die Ohren.

Auch für Nadine Müller-Mergenthaler ist das Nähen der Atemschutze eine Herzensangelegenheit: "Da sich meine älteste Tochter gerade in der Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin befindet, mein Sohn Asthmatiker war und meine Jüngste ein Frühgeborenes, weiß ich, wie es aktuell für die Personen in den Risikogruppen ist." Auf der Frühgeborenenstation waren Händedesinfektion und Mundschutz ein ständiger Begleiter. Damals hat sie unter anderem Kleidung für Frühchen genäht. "Daher die Näherfahrung und die Maschinen", erklärt sie. Auch bei der Knetzgauerin ist viel Multitasking im Alltag erforderlich: "Ich arbeite noch Teilzeit, war die vergangenen zwei Wochen im Home-Office, gleichzeitig Kinderbetreuung und Nähen, es war sehr anstrengend. Da wir uns nun beim Überstundenabbau und darauffolgender Kurzarbeit befinden, kann ich noch etwas mehr Zeit mit dem Nähen und Koordinieren verbringen."

Näherinnen und Näher für Atemschutze gesucht

Durchschnittlich 35 Stoffmasken nähen die Frauen jeweils pro Tag. "Nachdem die Kinder im Bett sind, schneide ich die Stoffe zu und bügel dann", so Krupka-Rausch. Am nächste Tag werden die Masken genäht, die Drähte und Bänder eingefügt und wieder zugenäht. "Ein einzelner Atemschutz inklusive Zuschnitt dauert etwa acht bis zehn Minuten." Dabei muss man, so Krupka-Rausch, kein Profi sein, um einen Mundschutz zu nähen: "Das kann jeder! Es gibt mittlerweile so tolle Anleitungen per Video oder per Schritt-für-Schritt-Anleitung. Wir bitten dringlichst: Macht mit!"

Wichtig sei nur, dass Baumwollstoff verwendet wird, der dann bei 60 bis 90 Grad waschbar ist. Und es gibt noch etwas zu beachten, wie Krupka-Rausch ergänzt: Die Begriffe "Mundschutz" oder "Atemschutz" sind laut der IT-Kanzlei München Medizinprodukten vorbehalten und dürfen daher nicht verwendet werden. Falls doch, drohen Abmahnungen und Strafen.

Ein Netzwerk aus Näherinnen

Allein auf sich sind die beiden Näherinnen nicht gestellt. "Ich vermittel teilweise direkt, spreche mich mit Nadine ab, die wiederum vermittelt und näht", sagt Krupka-Rausch. Unterstützt wird sie von "einer Hand voll Näherinnen und einer fleißigen Bügelhilfe". Auch ihre Mitstreiterin aus Knetzgau erhält von etwa sechs bis zehn Näherinnen Hilfe.

Müller-Mergenthaler betont: "Ich würde nicht sagen, dass ich Helfer habe. Wir wollen alle das gleiche Ziel erreichen, einer musste nur darauf aufmerksam machen, etwas steuern und lenken. Wir sind ein kleines Netzwerk, das sich versucht zu organisieren, zu helfen und zu nähen", sagt sie. Die Näherinnen bringen die fertigen Masken vorbei, die Knetzgauerin koordiniert das Ganze. "Zum Beispiel kommt eine Mitarbeiterin von der AWO Knetzgau vor ihrem Schichtbeginn vorbei und nimmt dann die fertigen Mundschutze mit."

Durch das Solidaritätsprinzip, also Materialspende gegen investierte Arbeitszeit, können die Stoffmasken kostenfrei verteilt werden. Im Hof der Näherin steht daher eine Spendenbox, in der Stoffe und Gummibänder landen. Auch bei Krupka-Rausch hat sich das Vorgehen bewährt. Stoffe erhält sie unter anderem von der Schneiderei "Wolke 7", die über Geldspenden an die Näherinnen ausgegeben werden. "Da fährt die Chefin auch schon mal persönlich bei mir vorbei und gibt die Stoffe ab", sagt die Zeilerin.

Die Nachfrage ist groß

Etwa 200 Masken benötigt die AWO Knetzgau. "Es kommen ständig neue Anfragen", erzählt Müller-Mergenthaler. So beispielsweise vom Bayerischen Roten Kreuz, der Kinderarztpraxis aus Haßfurt, Apotheken sowie von Bekannten, die in mobilen Pflegediensten tätig sind. Auch Krupka-Rausch und ihre Näherinnen haben schon viel Gutes bewirkt. Bereits profitiert vom Angebot haben die AWO Zeil, der Rewe-Markt in Buttenheim, der Edeka-Markt in Zeil, die Bäckerei Kolb sowie die mobile Altenpflege Steigerwald Finster. "Meinem Kinderarzt in Bamberg hab ich neben richtigen Masken welche mit rein gelegt", so die Zeilerin. Über ihre Website kommen deutschlandweit Anfragen von unter anderem Risikopatienten und einer Kinderintensivstation. Aktuell werden Masken für die Rummelsberger Diakonie Zeil genäht.

Wer erhält die Mundschutze?

Dabei fällt es den Frauen gar nicht leicht, zu entscheiden, wer die Masken erhalten soll, wie Müller-Mergenthaler erklärt: "Mittlerweile ist das ein schwieriges Thema - ich wäge da ab. Vor allem machen es uns diejenigen schwer, die sich dadurch ein neues Geschäftsmodell aufbauen und pro Schutz bis zu zehn Euro kassieren. Denn die Leute, die das nicht zahlen wollen, weil sie mitbekommen, dass es ehrenamtliche Näher gibt, landen dann wieder irgendwie bei uns."

Neben den Näharbeiten engagieren sich die Frauen auch über Facebook, wie Krupka-Rausch an einem Beispiel verdeutlicht: "Ich hatte eine kostenlose Nachbarschaftshilfe in Zeil vorgeschlagen. Es ist eine Idee, und es wird einige geben, die es als Schmarn empfinden, aber ich finde, ein Umdenken darf erlaubt sein."

Sie appelliert: "In diesen Zeiten erkennt man den wahren Charakter eines einzelnen. Diese Zeit wird das gesellschaftliche Leben verändern. Ich glaube fest daran, dass alles auch etwas Positives hat. Ich konnte so schöne Erfahrungen machen. Hängen geblieben ist mir insbesondere die emotionale Reaktion einer Kassiererin im Edeka, als ich ihr die Tüte mit den Mundschutzen gab."

Auch Näherin Müller-Mergenthaler ist davon überzeugt: "Es ist gerade eine Zeit, in der wir zusammenhalten müssen, Egoismus und Profitgier brauchen wir nicht." Nähen mache zudem nicht nur Spaß, sondern "man kann mit solch kleinen Nähereien wie einem Mundschutz so viel Großes bewirken".