Ebern
Unterricht

Ebern lebt das digitale Lernen vor

Im Projekt "Digitale Schule 2000" steht die Mittelschule Ebern Modell für Schulen in ganz Bayern. Jetzt wird das Projekt ausgeweitet.
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Vokabeltraining an der Mittelschule Ebern anhand eines Whiteboards. Ähnlich wie bei Memory müssen die  Schüler  Begriffe und Zahlen richtig zuordnen. Mittelschule Ebern
Vokabeltraining an der Mittelschule Ebern anhand eines Whiteboards. Ähnlich wie bei Memory müssen die Schüler Begriffe und Zahlen richtig zuordnen. Mittelschule Ebern
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Wie Schulbildung in zehn, 20 Jahren aussehen soll, wird im Bayerischen Kultusministerium entschieden. Aber auch an der Mittelschule Ebern. Dort werden Weichen gestellt. Als eine von nur acht Modellschulen für das Projekt "Digitale Schule 2020" in ganz Bayern leistet die Eberner Schule seit acht Jahren Pionierarbeit. Jetzt wird das Projekt erweitert. Alle Schulen in Bayern müssen nun Medienentwicklungspläne schreiben und dokumentieren, wie sich die digitale Arbeit an ihrer Schule entwickelt. "Das wird eine große Aufgabe vor allem für die Schulleitungen", sagt dazu Philipp Arnold. Und für die Modellschulen: "Wir sind dazu angehalten, im Rahmen des Projekts andere Schulen auf diesem Weg zu unterstützen, wenn sie dies wünschen."

Arnold, der sich nebenher auch politisch engagiert und für die Freien Wähler in Eberns Stadtrat sitzt, sagt: "Aus meiner Sicht ist es unerlässlich Kinder auf eine digitalisierte Welt vorzubereiten, denn sie werden in dieser Welt leben müssen. Es gilt, wie immer im Leben, die richtige und sinnvolle Balance zu finden."

Das Emblem "Modellschule" prangt am Eingang des 70er-Jahre-Baus. "Wir sind schon stolz darauf", gesteht Philipp Arnold. "Das zeigt, dass wir in den letzten Jahren richtig gut gearbeitet haben und das Geld des Schulverbands für die richtigen Dinge eingesetzt haben."

Was den Einsatz Neuer Medien und modernster Technik anbelangt, ist die Eberner Schule tatsächlich einer der Vorreiter für ganz Bayern. Dazu gehört modernste Ausstattung der Schule mit WLAN im ganzen Haus, aktuell 14 Smartboard-Tafeln, sogenannte Whiteboards, zum Unterrichten in den Klassenzimmern und 26 iPads. In jedem Klassenzimmer besteht jetzt die Möglichkeit, digital zu präsentieren. Die Schule erprobt unterschiedlichste Unterrichtskonzepte, um die technische Ausstattung bestmöglich im Alltagsunterricht einsetzen zu können. Das reicht von der Arbeit mit Apps, über die Erstellung von Tutorials bis zu Videodrehs samt Filmschnitt, berichten die Projektbetreuer. Dazu werden Beamer in jedem Klassenzimmer, Dokumentenkameras und Desktoprechner eingesetzt. Die Schule hat eine Serverlösung mit einem pädagogisch nutzbaren Netzwerk erarbeitet, so dass von jedem Endgerät auf alle relevanten Inhalte zugegriffen werden kann. "Damit entsteht eine völlig neue Flexibilität", schwärmt die Schulleitung: ".Es ist möglich, sich per WLAN auf die jeweiligen Präsentationsflächen zu schalten, so dass es von jedem Platz im Klassenzimmer aus möglich ist, sich mit digitalen Endgeräten in die Präsentation einzuklinken und sie zu steuern, oder gar in Echtzeit digitale Endprodukte mit pädagogisch sinnvollen Applikationen zu gestalten." Die Daten werden professionell gesichert.

Bei der jüngsten Haushaltsberatung des Mittelschulverbands hat die Schule bereits neuerlich Bedarf angemeldet. Spötter sagen schon, die einstige Haupt- hieße jetzt Mittelschule, weil die Mittel fließen. Die Ausstattung hat in den vergangenen acht Jahren ganz schön Geld gekostet. Aber es lohnt sich. Die Schule beste Erfahrungen mit ihrer digitalen Infrastruktur gemacht, von der konventionelle Schulen nur träumen können.

Neuerdings legt auch die Staatsregierung Fördergelder bereit und unterstützt die Schulaufwandsträger. In Ebern hofft man, noch ein Stück von diesem Kuchen abzubekommen. "Alles andere wäre aus meiner Sicht eine Abstrafung der guten Vorarbeit unseres Schulverbandes, der vorbildlich in Vorleistung gegangen ist", urteilt Philipp Arnold.


Auch Lehrer müssen lernen

Die digitale Schule erfordert einen offenen und experimentierfreudigen Umgang mit neuen Medien, der das Interesse der Jugend nutzt und obendrein die Lehrer zu neuen Unterrichtsmethoden animiert. Die Whiteboards lassen sich in unterschiedlichen Niveaustufen einsetzen, was sowohl den Ansprüchen der Klassenstufen als auch dem Erfahrungsschatz und dem technischen Vermögen des jeweiligen Lehrers entgegenkommt. "Es ist viel Arbeit, Schulen auf einen digitalen Weg zu bringen", weiß Philipp Arnold, der wie sein Konrektor Toni Binder als Administrator in dem Projekt fungiert. "Daran hängt viel Überzeugungsarbeit und viel Fortbildungsarbeit auch im Rahmen der Lehrerqualifikation".

"Ja, bei uns müssen halt auch die Lehrer lernen", sagt eine Schülerin mit dem Smartphone in der Hand. "Da merkt man manchmal, dass auch die noch üben müssen." Ihre Freundin grinst, wenn sie einen weiteren Vorteil der digitalen Schule nennt: "Daheim kann ich jetzt immer sagen, dass mein Handy ein Lernmittel ist". Ihre Namen wollen die beiden lieber nicht verraten.

Das Ziel lautet "Schüler fit zu machen für das Internet und eine medial geprägte Gesellschaft".
Wie das funktionieren kann, haben Carolin Jakob und Julian Jarski (beide Klasse 8c) vor wenigen Tagen bei der Veranstaltung "Schule und Lernen digital: Einblicke in Projekte der Stiftung Bildungspakt Bayern" in München vorgestellt. Vor großem Publikum und ohne große Nervosität. Denn auch das freie Sprechen und Auftreten vor Publikum wird in der "digitalen Schule" geübt. Es ging darum, wie Unterrichtsprojekte nah an der Lebenswelt der Kinder sein und den gezielten Einsatz moderner Medien vermitteln können. Aber auch darum, wie der Mehrwert digitaler Medien für alle Fächer und Jahrgangsstufen genutzt und Medienkompetenz bei den Schülern nachhaltig und umfassend aufgebaut werden kann.


Das "Gorilla-Projekt"

Schulleiter Arnold präsentierte bei dieser Gelegenheit das "Gorilla-Projekt" der Klasse 7b. Diese hatte im Sommer unter der Leitung von Lehrerin Marina Bittruf eine soziale und umweltschützende Idee (das Sammeln alter Handys und Smartphones zugunsten eines Vereins, der sich für die Berggorillas im Regenwald einsetzt), mit einer Aktion verbunden, die vielfältigen Medieneinsatz erforderte.

Auf die Affen kamen die Schüler durch die Kindernachrichten-Sendung "Logo!". Dort hatten sie von der Bedrohung der Berggorillas im Kongo erfahren. Die Rodung des Regenwalds und der Abbau eines wertvollen Metalls namens Coltan zerstört ihren Lebensraum. Dieses Coltan wird ebenso wie Gold, Silber oder Platin unter anderem für die Herstellung von Handys genutzt.

Darüber und über das Recyceln der Mobilfunkgeräte haben die Schüler im Unterricht recherchiert, eine bebilderte Powerpoint-Präsentation erarbeitet, Stellwände mit Plakaten gestaltet, Sammelbehälter gebastelt und Öffentlichkeitsarbeit betrieben. So entstanden ein Video zum Thema, das über Youtube und Whatsapp häufig geteilt wird, Flyer oder ein gestaltetes Schaufenster in der Eberner Innenstadt. Projektleiterin Marina Bittruf verweist heute auf eine durchwegs gute Resonanz und bislang mehr als 200 gesammelte Handys. Diese will die Klasse im Frühjahr an den Verein "Berggorilla und Regenwald Direkthilfe e.V." versenden und die Kindernachrichten von "Logo!" über die Aktion informieren. Das mediale Klappern gehört auch in der digitalen Zukunft zum Handwerk! .


Grundschüler profitieren

Die Erfahrungen der Mittelschule Ebern tragen auch an der Johann-Peter-Wagner-Schule Theres Früchte. Das hat familiäre Gründe. Grundschulleiterin Ulrike Binder-Vondran ist Schwester von Toni Binder, dem Konrektor der Mittelschule in Ebern. Und dessen Begeisterung hat offenbar angesteckt. So wurde die Mittelschule zur Partnerschule für Theres auf dem Weg zur Digitalisierung. Und seit März ist auch die Thereser Schule in allen Klassenzimmern digital. Digitales Lernen, das bedeutet nicht, Kreide, Tafel, Bücher und Hefte komplett abzuschaffen, "aber das ist eine tolle Ergänzung", ist man sich an der Thereser Schule sicher.


"Digitale Schule 2020"

Das Projekt "Digitale Schule 2020" gestaltet sich so erfolg- und aussichtsreich, dass nun laut einer Mitteilung des Kultusministeriums durch die Erweiterung um zwölf neue Netzwerkschulen erweitert werden soll.Bildungsstaatssekretär Georg Eisenreich sagte dazu am Montag bei einer Vorstellung der neuen Netzwerkschulen in München : "Die Welt von morgen ist eine digitale
Welt. Wir wollen die Schüler bestmöglich darauf vorbereiten." Die Digitalisierung wertet der Bildungspolitiker als "Megatrend, der alle Lebensbereiche erfasst". Es gehe darum, die Digitalisierung als Chance zu nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren. Das Projekt wird vom Kultusministerium, dem Verband Bayerischer Wirtschaft und der Stiftung Bildungspakt Bayern getragen. Die Stiftung leiste mit ihren innovativen Projekten einen wichtigen
Beitrag bei dieser Aufgabe. Eisenreich ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung.

Laut Eisenreich geht es auch darum, die Zusammenarbeit und den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Schulen über Schularten hinweg zu stärken. Durch die Erweiterung des Modellversuchs entstehe ein Multiplikatorennetzwerk.

Bertram Brossardt, vbw-Hauptgeschäftsführer, erklärte: "Bayern hat auf dem Weg zur digitalen Bildung schon wichtige Schritte gemacht, es bleibt aber noch viel zu tun." So müsse die digitale Infrastruktur in den Schulen massiv ausgebaut werden, und die Schüler müssten lernen, digitale
Medien zielorientiert und souverän zu nutzen. Die Lehrer ihrerseits benötigen im Schulalltag
Unterstützung durch technische und medienpädagogische Fachkräfte.

8 Modellschulen für das Projekt "Digitale Schule 2020 gibt es in Bayern. Dazu gehören je zwei Gymnasien, Real-, Mittel- und Grundschulen sowie neuerdings zwölf sogenannte Netzwerkschulen)

260 Schüler lernen derzeit an der Mittelschule in Ebern

Kommentar:
Der Lehrer ist die zentrale Anlaufstation für den Schüler. Da ist der Bildungsauftrag, die Orientierungsfunktion und nicht zuletzt die wichtige soziale Beziehung im Schulalltag. Das wird wohl immer so bleiben. Sonst aber wandelt sich alles. Den Katheder, die Schiefertafel, die Fibel und den Rechenstab haben wir zu den Akten gelegt. Längst haben sich verschiedene Arbeitsformen in der Klasse als Alternative zum Frontalunterricht etabliert. Und jetzt muss Schule lernen, den Anforderungen der digitalen Welt gerecht zu werden. Sie hat die Aufgabe, junge Menschen möglichst frühzeitig mit den Chancen und Techniken dieser gewandelten Welt vertraut zu machen, sie verantwortungsvoll für die Gefahren zu sensibilisieren. Da ist pädagogisches Geschick und vor allem praktische Erprobung gefragt. Hier leisten Modellschulen, wie die Mittelschule Ebern Orientierungsarbeit. Sie sind Entdecker und Mahner zugleich, erarbeiten Strukturen und bremsen beizeiten. Irrwege, wie sie das von oben verordnete "G8" den Gymnasien beschert hat, bleiben dem Gros der Schulen damit womöglich erspart. Und den Erfahrungen der Modellschule in Ebern zählt auch, dass es keine Digitalisierung um jeden Preis geben darf. Die analoge Welt existiert weiterhin. Viele ihrer Techniken und Hilfsmittel werden die Menschen noch lange nutzen. Aber Beamer, Interneteinsatz, Whiteboads und iPads sind zeitgemäße Mittel, um Kinder beizeiten auf die moderne, technisierte Welt vorzubereiten. Diese Werkzeuge sinnvoll einsetzen zu lernen, die richtige Balance zu finden, ist die große Herausforderung. Für Pädagogen udn Schüler.
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