Ebelsbach
Gedenkfeier

Ebelsbach stellt "Koffer" als Mahnung auf

Die Ebelsbacher erinnerten die jüdische Geschichte des Ortes. Dabei wurde ein kleines "Denkmal" entfüllt, das eine besondere Verbindung herstellt.
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Pfarrer Volkmar Gregori, Bürgermeister Walter Ziegler und Pfarrer Mathias Rusin (von links) bei der Enthüllung des "Koffers" am Gedenkstein in Ebelsbach.  Günther Geiling
Pfarrer Volkmar Gregori, Bürgermeister Walter Ziegler und Pfarrer Mathias Rusin (von links) bei der Enthüllung des "Koffers" am Gedenkstein in Ebelsbach. Günther Geiling
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Den größten jüdischen Bevölkerungsanteil wies Ebelsbach im 19. Jahrhundert auf, als die Juden mit 144 Bürgern ein Drittel der damaligen Dorfbevölkerung ausmachten. 1939 verließ der letzte jüdische Bürger Ebelsbach, aber eine Gedenktafel und ein Straßenschild weisen heute noch auf den damaligen "Judenhof" hin. Nun wurde dort im Rahmen des 80. Jahrestages der sogenannten Reichspogromnacht ein kleines Denkmal in Form eines "Sandsteinkoffers" enthüllt, das an die deportierten Juden aus Unterfranken erinnert.

Die Gemeinde Ebelsbach sowie die katholische und die evangelische Kirchengemeinde hatten zusammen mit dem Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis zu Beginn der Gedenkfeier in die Schlosskapelle in Ebelsbach eingeladen. Pfarrer Mathias Rusin erinnerte an das "schlimme Kapitel der Geschichte", als Synagogen angezündet, Tausende von Juden misshandelt, verhaftet und getötet wurden. Zum Jahrestag wolle man für diese Menschen eine Wache halten und gleichzeitig dazu auffordern, dass die Menschen zukünftig keine Ungerechtigkeiten schweigend hinnehmen dürften.

"Die Novemberpogrome 1938 markierten eine Verschärfung der Judenverfolgung. Es begann nun der uneingeschränkte, gesellschaftspolitische Ausschluss und die gänzliche, materielle Ausbeutung aller Bürgerinnen und Bürger, die zu Nichtariern erklärt wurden", betonte Pfarrer Volkmar Gregori in seiner Ansprache. Der Antisemitismus habe schon mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 das öffentliche Leben in Deutschland bestimmt. Diskriminierung, Unterdrückung und Terroraktionen der Nazis seien grausame Mittel gewesen, um eine angsteinflößende und einschüchternde Atmosphäre zu erzeugen.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind etwa sechs Millionen Menschen der staatlich verordneten Judenvernichtung zum Opfer gefallen. "Die Nazis vergasten Menschen in Gaskammern und Eisenbahn-Waggons, schossen ihnen ins Genick, spritzten Phenol oder Benzin ins Herz, ertränkten, verbrannten und erhängten sie oder schlugen Babys an die Wand, bis sie tot waren. Sie ließen Menschen von Hunden totbeißen oder ließen sie verhungern und erfrieren", beschrieb Gregori.

Nur wenige Einzelpersonen seien diesem Unrecht entgegengetreten und hätten Widerstand geleistet. Auch eine öffentliche Stellungnahme der evangelischen Kirche gegen die Gräueltaten sei unterblieben, bedauerte der Pfarrer.

Pfarrer Volkmar Gregori fasste mit Blick auf die Situation heute zusammen: "Wir haben die Verantwortung, daraus zu lernen und entschlossen zu handeln. Dieser Tag ist damit ein Aufruf, das Geschenk von Demokratie und Freiheit zu würdigen als eine bleibende Mahnung, von Anfang an entschieden und unzweideutig Farbe zu bekennen, wenn in unserem Land Menschen benachteiligt oder bedroht werden."

Roland Mayer, der Vorsitzende des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises, ging auf die Juden in Ebelsbach ein, wo der "Judenhof" schon um 1500 den Schutzjuden als Wohnbereich angewiesen worden sei. Wichtigste Institutionen des jüdischen Gemeindelebens seien die Synagoge (heute Judenhof 2), die Religionsschule (heute Stettfelder Straße 9) und das Ritualbad (heute Schützenstraße 11) gewesen.

Am Beispiel der Familie Fleischmann zeigte er auf, wie es den Juden damals erging. Nathan Fleischmann war am 14. November 1874 geboren worden, gehörte dem Gemeinderat an, war zeitweilig sogar Zweiter Bürgermeister und gab beide Ämter dann am 28. März 1933 zurück. 1938 zog er mit seiner Frau nach Bamberg und anschließend nach Holland. "Nathan Fleischmann starb nach seiner Deportation am 26. Mai 1944 in Theresienstadt, seine Frau Ida fand in Auschwitz den Tod. Sein Sohn Siegfried starb am 21. Januar 1943 in Hertogenbusch."

Leo Fleischmann, der Bruder von Nathan Fleischmann, sei Viehhändler gewesen und habe in Ebelsbach die höchsten Steuern bezahlt, schilderte Mayer. Die Schulden, die viele angesehene Ebelsbacher und Zeiler Bauern bei Leo Fleischmann hatten, wurden ihnen im Zuge eines Entschuldungsverfahrens erlassen.

Auch Leo Fleischmann ist 1938 mit seiner Frau nach Bamberg gezogen, anschließend zu Tochter Martha nach Bordeaux. Dort, in Südfrankreich, wurden sie verhaftet, dann wieder freigelassen, anschließend Männer und Frauen für einige Wochen getrennt. Der Schwager organisierte gegen Geld die Ausreise auf einem amerikanischen Schiff. Auf der Überfahrt in die Vereinigten Staaten starb Clara Fleischmann.

Roland Mayer: "Von Ebelsbach aus wurde niemand deportiert, doch fanden in den Konzentrationslagern acht Personen den Tod. Opfer des Nationalsozialismus wurden folgende Ebelsbacher Juden: Nathan Fleischmann, Ida Fleischmann, Siegfried Fleischmann, Mina Gerstner, Getti Löwentritt, Frieda Rosskamm, Siegfried Silbermann und Gitta Silbermann."

Mit einem Schweigemarsch ging es von der Schlosskapelle zum Areal am Judenhof, wo seit 1996 ein Gedenkstein an die ehemalige jüdische Gemeinde erinnert. Dort enthüllte Bürgermeister Walter Ziegler nun einen weiteren Gedenkstein in Form eines Koffers aus Sandstein.

Der Bürgermeister betonte, dass sich damit die Gemeinde Ebelsbach am "Denkort Aumühle" beteilige. Von dem ehemaligen kleinen Güterbahnhof an der Aumühle in Würzburg sei ein großer Teil der aus Unterfranken deportierten Juden abtransportiert worden. Der Denkort Aumühle markiere den Abschluss des "Weges der Erinnerung", weil über diese Strecke jüdische Unterfranken ihren letzten Weg in der Heimat gingen, bevor sie in die Lager in Osteuropa deportiert und dort ermordet wurden.

"Die meisten von ihnen, 1794 Personen, mussten hier die Transportzüge besteigen, weitere am Hauptbahnhof in Würzburg und eine Gruppe von 208 Personen in Kitzingen. Insgesamt 2070 Menschen wurden aus Unterfranken deportiert; nur 63 von ihnen überlebten."

Hier werden nun laut Ziegler Gepäckstücke zum zentralen Symbol für die Deportation und symbolisch mit einem zweiten Gepäckstück in der Herkunftsgemeinden der Opfer verbunden. Dieser Aktion habe sich die Gemeinde Ebelsbach gerne angeschlossen, sagte der Bürgermeister.

Die Teilnehmer legten dann in der einsetzenden Dunkelheit ihre Lichter vor dem Gedenkstein nieder und eine Bläsergruppe des Musikvereins Harmonie Ebelsbach"spielte einen Trauer-Choral.

Geschichte der Juden in Ebelsbach

Erste konkrete Hinweise auf die Juden in Ebelsbach stammen aus dem 14. Jahrhundert, als die Würzburger Fürstbischöfe das Schutzrecht über die Juden des Amtes Wallburg erhielten, das später an die Herren von Rotenhan überging. In unmittelbarer Nähe des Schlosses entstand im 15. Jahrhundert der Judenhof, der aus sechs Häusern bestand. Sie dienten den Rotenhan'schen Schutzjuden als Wohnung.

Für die Chronik von Ebelsbach hat die inzwischen verstorbene Cordula Kappner (Haßfurt) in der jüdischen Vergangenheit viel geforscht, und Roland Mayer hat dazu im Gemeindearchiv viel herausgefunden und eingeordnet. Im Verzeichnis der "Höff- Und Heerdstätten Zue Ebelsbach" aus dem Jahre 1595 oder im "Würzburger Salbuch für das Amt Wallburg" aus dem Jahre 1592 und in anderen Quellen stößt man dabei auf nachdenklich stimmende Berichte.

So wurde unter anderem zu dieser Zeit ein Brückenzoll für die Benutzung der Mainbrücke nach Eltmann festgelegt: "von einem lebendigen Juden 6 Groschen, von einem todten Juden 1 Gulden." Dazu muss man wissen, dass die Juden an anderen Orten begraben wurden. Im 16. Jahrhundert dürfte der jüdische Friedhof in Limbach angelegt worden sein.

1841/47 lebten nachweislich mindestens 16 jüdische Familien in Ebelsbach. Wegen der Restriktionen wanderten zwischen 1850 und 1871 viele Juden nach Amerika aus. Für die Judengemeinde in Ebelsbach bedeutete dies einen Rückgang auf 40 Einwohner im Jahr 1905. Später waren es wieder 21 jüdische Familien in Ebelsbach. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt vorwiegend als Viehhändler, Schlachter und Händler.

Siegfried Rosskam war der letzte Tote, der auf dem jüdischen Friedhof in Limbach begraben wurde. Er war am 2. Februar 1938 auf der Straße von Ebelsbach nach Gleisenau von einem Langholzfuhrwerk überfahren worden. Damals verbot der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Eltmann den Transport der Leiche mit dem Eltmanner Leichenwagen. Deshalb musste der Leichenwagen der jüdischen Gemeinde Kleinsteinach ausgeliehen werden, um den Toten zum Limbacher Friedhof zu bringen.

Schon im Jahr 1937 hatte der Ebelsbacher Gemeinderat seine antisemitische Haltung mit mehreren Beschlüssen zum Ausdruck gebracht. "Das Holzrecht der Juden wird zu Gunsten der Gemeinde eingezogen und das anfallende Holz beschlagnahmt", ist im Beratungsbuch der Gemeinde zu lesen.

Wer in dieser Zeit noch Kontakte mit Juden pflegte, wurde gemieden, wie ein weiterer Eintrag aus dem Jahre 1937 zeigt, als es um eine Auftragsvergabe am Schulhaus ging. "Die Beiziehung des Schmiedemeisters Melber musste unterbleiben, weil derselbe nach wie vor beim Juden einkauft."

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