Haßfurt

Draußen wartet die Hölle: Leons Ängste zerstören fast sein Leben - bis sein Körper Alarm schlägt

Lange Zeit war Leon wie gelähmt vor Angst, jeder Gang vor die Haustür eine Qual für den 24-Jährigen. Doch dann wagt seine Mutter den entscheidenden Schritt.
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Leon leidet seit zehn Jahren an einer Angststörung. Vor die Tür zu gehen und mit anderen Menschen zu sprechen, ist für den 24-Jährigen purer Horror. Symbolfoto: kwanchaift/abobestock
Leon leidet seit zehn Jahren an einer Angststörung. Vor die Tür zu gehen und mit anderen Menschen zu sprechen, ist für den 24-Jährigen purer Horror. Symbolfoto: kwanchaift/abobestock

Plötzlich wird die Welt ganz eng. Leon schwitzt, seine Hände zittern. Tunnelblick. Am liebsten möchte er einfach nur wegrennen, sich irgendwo verstecken. Denn Leon hat Angst. Jeden Tag und vor allem, was vor seiner Haustür lauern könnte.

Leon* ist 24 und leidet an einer Angststörung, genauer gesagt einer sozialen Phobie. Einkaufen, Arzttermine ausmachen, mit Freunden ausgehen - für Leon ein Ding der Unmöglichkeit. Mit 14 ging es los. Ein Alter, in dem das Leben doch irgendwie bei allen Teenies verrücktspielt. Aber bei Leon hört das Gefühlschaos nicht mehr auf. "Ich wurde langsam immer trauriger." Leons Worte sind reflektiert, die Stimme zunächst leise. "Der Kontakt mit anderen Menschen fiel mir immer schwerer."

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Einen konkreten Auslöser für seine Ängste kann Leon nicht benennen. Und vielleicht möchte er es auch gar nicht. Er hat damals nicht viele Freunde, wird von seinen Mitschülern ausgegrenzt und gemobbt. "Irgendwann war es so schlimm, dass ich versucht habe, jeglichen Kontakt mit Menschen zu vermeiden."

Die guten Tage sind vorbei

Vor vier Jahren dann der Tiefpunkt: Als Leon seinen Realschulabschluss in der Tasche hat, verkriecht er sich nur noch mehr. Keine Termine, keine Verpflichtungen. Nun kann ihn nichts und niemand mehr dazu zwingen, das Haus zu verlassen. "Irgendwann gab es einfach keine guten Tage mehr. Ich saß nur noch daheim in meinem Bett und konnte mich kaum zu irgendetwas aufraffen."

Nur nachts traut sich Leon noch vor die Tür, macht lange Spaziergänge, bei denen seine Gedanken abdriften. "Ich habe mich gefühlt, als wäre ich der nutzloseste, schlechteste und dümmste Mensch der Welt." Leon stockt für einen Moment. "Ich bin nur noch rumgelaufen und habe überlegt, ob heute ein guter Tag wäre, mich umzubringen."

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Nicht nur Leons Psyche leidet, auch sein Körper beginnt zu streiken. Er isst kaum noch, baut so stark ab, bis er mit einer Lungenentzündung auf der Intensivstation landet. Seine Mutter versucht, jegliche Verantwortung zu schultern und ihren Sohn zu schützen. Zu Leons sozialer Phobie gesellen sich noch weitere Ängste: Er fürchtet sich vor Krankheiten, wäscht sich zwanghaft oft die Hände. "Ich hatte Angst vor allem, was vor meiner Tür war. Und ich habe nicht geglaubt, dass ich da noch mal rauskomme." Und dann tut Leons Mutter das, wozu ihr Sohn alleine nicht in der Lage ist: Sie bittet um Hilfe.

Die Caritas verweist sie an Christian Brauner von der Haßfurter Erziehungsberatung. Dass sein Gegenüber von einer Angststörung geplagt wird, erkennt der Sozialpädagoge erst später. "Da war zunächst auf der einen Seite eine große Sorge der Mutter und auf der anderen Seite ein junger Mann, der nur noch zu geringem Teil an seine eigene Selbstwirksamkeit glaubte", erinnert sich Brauner an das erste Gespräch. Er versucht, Leon aus seinem Stillstand zu lösen, ihn in kleinen Schritten der räumlichen, finanziellen und beruflichen Selbstständigkeit näher zu bringen.

Das eigentliche Problem

Als Leon bei einem Kurs zur Berufsvorbereitung wieder an seine Grenzen stößt, nimmt die Behandlung eine Wendung. "Es gab dort eine Prüfungssituation mit der Gruppe, die total misslungen ist", erzählt Brauner. "Da hatte ich zum ersten Mal die Idee, dass es eine Angststörung im sozialen Bereich sein könnte." Von nun an konzentriert er sich auf Leons Probleme im Umgang mit anderen Menschen, gibt ihm regelmäßig Hausaufgaben auf, die ihn im Alltag herausfordern sollen.

Doch der Prozess gestaltet sich unerwartet zäh. Brauner erkennt, dass eine stationäre Therapie zu diesem Zeitpunkt für Leon besser wäre. "Ich bin kein Therapeut, sondern Berater", betont Brauner. "Ich kann nur mit den gesunden Anteilen eines Menschen arbeiten, wenn er Entwicklungsziele formuliert und sie auch umsetzen möchte."

Der Abbruch konfrontiert Leon mit gleich zwei Mammutaufgaben: Bevor er die neue Therapie beginnen kann, muss er sich selbst eine passende Klinik suchen und seine schulische Weiterbildung abbrechen - selbstständig. "Wir haben vorher geübt, was er braucht, um an den Tresen zu treten und zu sagen: Hiermit melde ich mich von der Schule ab", erklärt Brauner. "Es war zwar eine Abmeldung, aber es war sein eigenes Handeln."

Endlich geht es voran

Nach dem stationären Aufenthalt setzen die beiden die Behandlung fort. "Es hat sich nach all den Jahren endlich so angefühlt, als ob ich Fortschritte mache." Leon meldet sich an einer anderen Schule an, um sein Abitur nachzuholen. Er hält Referate vor der Klasse und reanimiert Freundschaften, die verloren schienen. Er besteht seine Führerscheinprüfung, trotz panischer Angst. "Wir haben uns in etlichen Treffen darauf vorbereitet und letztendlich waren wir auch erfolgreich."

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Leon sagt "wir", als könne er sich noch nicht eingestehen, selbstständig eine Herausforderung gemeistert zu haben. Wie den gefürchteten Anruf beim Zahnarzt. "Das war eine extreme Aufgabe für mich. Telefonieren ist eines der schlimmsten Dinge der Welt. Dann habe ich es getan und war zufrieden mit mir. Für den Augenblick."

Es ist noch nicht geschafft

Und trotzdem sei da oft noch diese Schwelle, die ihn daran hindere, jeden Tag aus der Tür zu treten. Was könnten andere Leute über ihn denken, wenn er den Mut fasst, sie anzusprechen? "Ich bin sehr hart mit mir selbst und habe immer Angst zu versagen, hässlich und dumm zu sein", gesteht Leon. Meistens verbringt er die Pausen alleine, versteckt sich im Auto und fährt nach Unterrichtsschluss weinend nach Hause. "Es ist definitiv noch schwer und ich gehe meistens durch die Hölle. Aber ich habe gelernt, dass ich durch die Hölle gehen muss, damit es irgendwann besser wird."

All die Absagen, die er Freunden erteilt hat, all die verpassten Chancen - manchmal hasst Leon sich regelrecht dafür. "Ich habe extrem viel Zeit verloren." Mit sich selbst gnädig zu sein und eigene Fehler zu verzeihen, das sei noch eine große Baustelle, an der er arbeiten müsse. Bis die guten Tage wieder überwiegen.

*Name von der Redaktion geändert

37 Betroffene aus dem Kreis Haßberge suchten zwischen 2016 und 2019 aufgrund ihrer sozialen Ängste Hilfe bei der Haßfurter Caritas.

2-17 Jahre alt sind die Betroffenen im Landkreis. Meist tritt die soziale Angst in Kombination mit anderen Problemen auf.

Vier Formen der Angst:

Generalisierte Angststörung Sie umfasst Sorgen und Ängste, die alle Lebensbereiche betreffen und kann sich in Zukunftsängsten oder auch als Angst vor Erkrankungen oder Unfällen äußern.

Panikstörung Betroffene werden in bestimmten Situationen oder auch ganz spontan von heftigen Angstattacken übermannt, die beispielsweise mit Atemnot, Schwitzen, Zittern oder Herzrasen einhergehen. Oft sind Panikstörungen mit einer Agoraphobie (Platzangst) verbunden.

Soziale Angststörung Menschen mit sozialer Phobie fürchten sich extrem davor, andere Leute anzusprechen oder bei Situationen im Mittelpunkt zu stehen. Wie bei Leon beginnt diese Form der Angststörung oft schon im Kindes- oder Jugendalter.

Spezifische Phobien Hier wird die Angst durch bestimmte Dinge oder Situationen ausgelöst. Dazu gehören beispielsweise Tierphobien oder Höhenangst.

Grenzen Ängste schützen den Menschen im Alltag vor gefährlichen Situationen, können sogar Leben retten. Überschatten sie jedoch das Denken und Handeln einer Person, schränken sie in ihrer Entwicklung ein und erzeugen ein Vermeidungsverhalten, liegt wahrscheinlich eine Angststörung vor.

Anlaufstellen Kinder, Jugendliche und deren Eltern können sich beispielsweise an den Jugendhilfebereich der Caritas wenden. Auch niedergelassene Psychologen, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Psychiater beraten bei Angststörungen. Der Sozialpsychiatrische Dienst der Caritas bietet zudem in Notfällen Soforthilfe ohne lange Wartezeiten und verweist an weiterführende Anlaufstellen. Dass die Fähigkeit, sich Hilfe zu holen, auch gesellschaftlich als Kompetenz und nicht als Schwäche angesehen wird, das wünscht sich Christian Brauner.

Unterstützung Freunde und Familienangehörige von Betroffenen sollten offen mit der Problematik umgehen. Die Person bei der Bewältigung von Herausforderungen begleiten und zu selbstständigem Handeln zu animieren, ohne dabei zu drängen oder zu überfordern - diese Balance zu finden, ist entscheidend. "Bleiben die Herausforderungen konstant, vergrößert sich auch der soziale Mut", erklärt Christian Brauner.

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