Wonfurt
Demonstration

Die Wonfurter "wollen ohne Angst leben"

250 Bürger protestierten am Samstag gegen die Belastungen, die von der Recyclingfirma Loacker in Wonfurt ausgehen. Die Redner erhoben klare Forderungen und ließen kein gutes Haar am Landratsamt - am umstrittenen Betrieb sowieso nicht.
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Der Protestzug bewegt sich durch die Wonfurter Hauptstraße.
Der Protestzug bewegt sich durch die Wonfurter Hauptstraße.
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Es war ein machtvolles Zeichen der Solidarität und des gemeinsamen Willens, etwas ändern zu wollen, etwas zum Besseren wenden zu wollen. 250 Kinder, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene, Vertreter aus Vereinen und den großen Parteien (außer der FDP) nahmen an der Protestveranstaltung der Bürgerinitiative "Lebenswertes Wonfurt" gegen die Recyclingfirma Loacker teil. Auf Transparenten und lautstark (mit Trillerpfeifen) machten die Demonstranten ihrem Ärger Luft über die Umweltbelastungen, die von der Firma im Wonfurter Gewerbegebiet ausgehen, und über das zögerliche Handeln der Behörden.

Vor eineinhalb Jahren war das Unternehmen, das den Hauptsitz im österreichischen Götzis hat und in Wonfurt Elektro- und Kabelschrott aufarbeitet, in die Schlagzeilen geraten. Staub mit Giftstoffen (Schwermetalle, Dioxine, Furane) gelangte aus der Produktion in die Umgebung.

Nach heftigen Protesten der Bürger und der Bestätigung durch Gutachten, dass es eine Umweltbelastung gibt, verfügte das Landratsamt Haßberge in Haßfurt die Stilllegung des Betriebes. Das Verwaltungsgericht in Würzburg hob den Bescheid der Landkreisbehörde jedoch gleich wieder auf. Allerdings darf Loacker seit dem Frühjahr nur noch Kabelschrott aufarbeiten und keinen Elektroschrott mehr.
Und auch die eingeschränkte Produktion läuft nicht reibungslos, wie mehrere Störfälle seither dokumentieren.


Erst in die Kirche, dann zur Demo



Die Wonfurter haben die Nase voll, dass sich seit eineinhalb Jahren so gut wie nichts getan hat und die Situation immer noch die gleiche ist. Mit ihrem Demonstrationszug am Samstag unterstrichen sie ihre Forderungen gegenüber dem Unternehmen und der Aufsichtsbehörde (Landratsamt).

Bevor sich der Protestzug in Bewegung setzte, trafen sich etwa 60 Teilnehmer in der Kirche zu Gebet und Besinnung. Auch die Kirche hat in dem Fall klar Position bezogen: "Durch den Giftskandal ist deutlich geworden, wie verantwortungslos zum Teil mit der Schöpfung umgegangen wird", steht an der Tür der Kirche.

Vor der Kirche versammelten sich die Demonstranten. Unter ihnen die Zweite Bürgermeisterin Isolde Schuck (CSU), die derzeit für den erkrankten Bürgermeister Dieter Zehendner (CSU) die Geschäfte führt, Dritter Bürgermeister Rudolf Weidenbacher (Wonfurter Liste), der stellvertretende Landrat Bernhard Ruß (SPD) sowie Landes- und Bundespolitiker: die drei Landtagsabgeordneten Bernd Weiß (CSU), Sabine Dittmar (SPD) und Christian Magerl (Grüne; er ist Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Umwelt im Landtag) sowie die Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell (Grüne) und Eva Bulling-Schröter (Linke; sie ist in Berlin Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit). Der Demonstrationszug führte durch die Hauptstraße ins Gewerbegebiet vor das Gelände der Firma Loacker. Dort gab es eine Kundgebung.


Landratsamt: keine Gefährung



Die Demonstration und die Kundgebung leitete der Sprecher der Bürgerinitiative, Peter Werner. Er ging aktuell auf die Pressemitteilung des Landratsamtes vom Vortag ein und kritisierte scharf den Inhalt, der die Situation völlig verharmlose. Das Landratsamt hatte am Freitag unter Berufung auf ein Gutachten des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit verkündet, dass es keine unzumutbaren Belastungen und keine Gefährdungen gebe. Das Landesamt stützt sich auf Messungen um den umstrittenen Betrieb herum.

Peter Werner wies die Aussagen des Landesamtes und des Landratsamtes zurück. Sie dienten nur dazu, "uns einen Schuss vor den Bug zu hauen", sagte er. Das Gutachten solle nur beruhigen. Die Messergebnisse sind nach seiner Darstellung nicht aussagekräftig, weil die Messungen nicht im Normalbetrieb des Unternehmens angestellt worden seien, weil die Stoffmengenströme nicht bekannt seien und weil es keine Aussagen zu Kombinationswirkungen verschiedener Substanzen gebe.

Gleichwohl spreche das Gutachten von gefährlichen und bedenklichen Stoffen. Und Werner erinnerte daran, dass vor Monaten ein Gutachten einer anderen Behörde, des Landesamtes für Umweltschutz, sehr wohl von erheblichen Konzentrationen und Überschreitungen von Grenzwerten, etwa beim Kupfer, gesprochen habe. Wie passe das zusammen?, fragte er.

Näher auf das aktuelle Gutachten des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ging der Arzt und Toxikologe Peter Jennrich ein. Erwies darauf hin, dass die Untersuchungen der Behörde einräumten, dass in der Nähe von Loacker Schwermetalle und Giftstoffe wie Dioxine, Cadmium, Kobalt, Nickel, Blei, Kupfer, Quecksilber "denkbar" oder "zu vermuten" seien. Die Schlussfolgerung, dass solche Konzentrationen zumutbar seien, hält der Experte für falsch und "eine Frechheit".


Studie belegt zu hohe Arsenbelastung



Er stellte eine Studie der Universität Erlangen vor, wonach eine Frau aus einem Nachbarbetrieb von Loacker medizinisch und toxikologisch untersucht worden ist. Dabei sei eine um das 17-Fache über dem Referenzwert liegende Konzentration bei Arsen festgestellt worden. Bei einer späteren Untersuchung immerhin noch das Vierfache. Arsen ist nach Jennrichs Darstellung noch vor Blei das gefährlichste Schwermetall. Und beide Stoffe gehören, wie er erläuterte, zu den Substanzen, die beim Elektro- und Kabelschrott-Recycling anfallen.

Die Position der Gemeinde unterstrichen Zweite Bürgermeisterin Isolde Schuck und Rudolf Weidenbacher. Die Kommune identifiziere sich, wie beide betonten, mit der Bürgerinitiative und ihren Zielen. "Der Schutz unserer Bürger steht an erster Stelle", sagte Schuck. Die Demonstration solle dokumentieren, dass Wonfurt "für ein nachhaltiges und giftfreies Recycling" ist. Recycling sei wichtig und richtig, erklärte Isolde Schuck, dürfe aber "nicht auf Kosten der Natur und der Gesundheit der Menschen" betrieben werden. "Wir wollen ohne Angst leben können", betonte Weidenbacher. Isolde Schuck und Rudolf Weidenbacher forderten: die Einhausung der Produktionsanlagen, die Beseitigung der Mängel in der Produktion und die Stilllegung des Unternehmens, bis die Einhausung erfolgt ist. Isolde Schuck machte deutlich, dass die Firma Loacker wegen ihres bisherigen Verhaltens jegliches Vertrauen verspielt habe.


Das Verfahren zieht sich



Die Einhausung der derzeit offenen Hallen ist Kernpunkt eines Verfahrens, das seit einigen Monaten läuft. Dazu hatte die Firma Loacker einen Antrag auf bauliche und technische Verbesserungen eingereicht, entsprechend einer Forderung des Landratsamtes. Zwar hatte Loacker die Unterlagen, nachdem das Landratsamt eine Frist gesetzt hatte, gerade noch rechtzeitig vorgelegt. Sie waren aber offensichtlich lückenhaft, und die Firma musste nachbessern.

Die Folge: Das Verfahren zieht sich hin, und es geht nicht voran. Das ist ein weiterer Grund für die Wut der Wonfurter und Ansatzpunkt für heftige Kritik an den Behörden, vor allem am Landratsamt.

Peter Werner warf Landrat Rudolf Handwerker (CSU) vor, dass er sich hinter Grenzwerten und Gesetzen verstecke. Der Sprecher der Bürgerinitiative wünscht sich vom Landrat, dass er die Firma Loacker in die Mangel nimmt und moralisch unter Druck setzt. Aber der "Provinz-Patriarch", wie Werner den Landrat bezeichnete, sei nicht in der Lage zu handeln. Aus früheren Vorfällen wie dem Umweltskandal in Roßstadt habe er nichts gelernt. Peter Werner kündigte an, dass sich die Bürgerinitiative vorbehalte, juristische Schritte gegen das Landratsamt einzuleiten.


Fast alle Parteien unterstützen die Wonfurter



Bei der Protestkundgebung gegen die Recyclingfirma Loacker am Samstag in Wonfurt hat sich eine große Koalition der Politiker gebildet. Eine ganze große Koalition sogar. CSU, SPD, Grüne und Linke sind sich in ihrer Einschätzung und ihren Forderungen gegenüber dem Unternehmen, das wegen der Umweltbelastungen stark in der Kritik steht, und gegenüber dem Landratsamt einig.

Christian Magerl (Grüne), der Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt und Gesundheit im bayerischen Landtag, sieht "dringenden Handlungsbedarf" im Fall Loacker. Er plädierte für eine Stilllegung der Produktion, bis die Grenzwerte "deutlich unterschritten werden". Schlimm findet der Politiker, dass das Unternehmen das Recycling, das er in der heutigen Zeit für erforderlich hält, diskreditiere.

Eva Bulling-Schröter (Linke), die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im deutschen Bundestag, forderte: "Die Einhausung muss passieren, so schnell wie möglich." Und sie verlangte, dass die Beweislast umgekehrt wird. Nicht die Gemeinde oder die Bürgerinitiative müsse beweisen, dass eine Umweltbelastung da ist, sondern die Firma müsse beweisen, dass sie "keinen Dreck naushaut".

Sabine Dittmar (SPD), Landtagsabgeordnete aus Maßbach, findet es klasse, dass die Gemeinde hinter der Bürgerinitiative steht (die Gemeinde hatte sogar die Schirmherrschaft für die Demonstration am Samstag). Sie forderte, dass das Unternehmen die bestmögliche Technik einsetze, um Umweltbelastungen zu vermeiden. "Ich kann dieses Grenzwert-Gequatsche manchmal nicht mehr hören." Die Ärztin kann "nicht verstehen, warum das Landratsamt so lange herumeiert".

Der Stimmkreisabgeordnete Bernd Weiß (CSU), sieht das Landratsamt in Haßfurt "überfordert". Das Verfahren der Firma, das bauliche und technische Verbesserungen bringen soll, dauere zu lange, rügte er. Der Landtagsabgeordnete kündigte an, dass alle Parteien im Landtag eine Anfrage an die Staatsregierung stellen sollten, um "die Behörden auf Trab zu bringen".
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