Ebern
Terror

Die Spur der RAF führt in den Kreis Haßberge

Eine Spur der Baader-Meinhof-Bande führt in den heutigen Landkreis Haßberge. Ingrid Schubert, Gründungsmitglied der Rote Armee Fraktion, wurde in Ebern geboren, und wuchs in Maroldsweisach auf. Sie starb im November 1977 im "Deutschen Herbst".
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Die frisch gebackene Medizinalassistentin Ingrid Schubert  1970. In dem Jahr geriet die junge Frau aus den Haßbergen  als Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion in die Schlagzeilen. Repros: Eckehard Kiesewetter
Die frisch gebackene Medizinalassistentin Ingrid Schubert 1970. In dem Jahr geriet die junge Frau aus den Haßbergen als Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion in die Schlagzeilen. Repros: Eckehard Kiesewetter
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Die Geschichte der Ingrid Schubert erzählt von einer jungen Frau, die sich gegen die faschistischen Züge ihrer Elterngeneration auflehnte. Und es ist die Geschichte eines jungen Rechtsstaates, der auf eine harte Bewährungsprobe gestellt wurde. Die Spurensuche in heimischen Archiven, Gerichtsakten und im Internet fördert zum 35. Todestag Ingrid Schuberts Ereignisse zutage, die bislang kein Historiker im Landkreis erfasst hat.

Herbst 2012. Ingrid Schubert wäre heute 68. Anders als viele Altersgenossen in ihrem Geburtsort Ebern, ihrem Heimatdorf Maroldsweisach oder sonstwo in der Republik würde sie wohl nie den Irak-Krieg oder die Euro-Krise stillschweigend hingenommen haben, unberührt daheim Strümpfe stricken oder am Samstag vor der Haustüre kehren. Die Spielregeln des Bürgertums, bourgeoise Moralbegriffe und Anstandsregeln waren ihr verhasst. Sie dachte links, extrem links und war bereit, ihre politische Überzeugung mit Gewalt durchzusetzen.

Herbst 1977. Ingrid Schubert starb am 12. November 1977. Genau vor 35 Jahren. Ihr Schicksal verbindet sich mit dem, was als der "Deutsche Herbst" in die Geschichtsbücher eingegangen ist: eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik. Nach sieben Jahren hinter Gittern verübte die Terroristin Ingrid Schubert in München Stadelheim Selbstmord, als eines der Gründungsmitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF). Das Mädchen aus Maroldsweisach zählte zum harten Kern der Baader-Meinhof-Bande.


Kindheit in den Haßbergen

Herbst 1944. Am 7. November wurde um 7 Uhr im Eberner Krankenhaus die kleine Ingrid Eva Schubert geboren, das vierte Kind der Eheleute Franz und Hedwig Schubert. Der Vater hatte als Nationalsozialist Karriere gemacht, vertrat ab 1935 als NSDAP-Abgeordneter im Reichstag das Saarland und fungierte als Kreisleiter und Oberbürgermeister in Saarbrücken, Ludwigshafen und ab 1942 in Metz. Rechtzeitig, bevor die 3. US-Armee in Lothringen einmarschierte, hatte "Direktor" Schubert seine Familie nach Maroldsweisach in Sicherheit gebracht. Dort war er selbst 1905 geboren, und dort lebten seine Brüder.
Die Familie wohnte neun Jahre in der Herrenstraße, im Ortskern von Maroldsweisach, wo Ingrid auch Lesen und Schreiben lernte. 1953 zog die Familie nach Koblenz. Ingrid war klug.

Ab 1963 studierte sie in Bonn und Düsseldorf Medizin, ab April 1967 dann in Berlin. Mitten in der Studentenrevolte zog sie in eine WG im Herzen der Stadt und damit ins Zentrum der Protestbewegung. Der Vietnamkrieg und der Schah-Besuch, der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg und das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke hatten das Klima aufgeheizt. Dort geriet Schubert in den Dunstkreis von Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Ulrike Meinhof und anderen Linksradikalen, die sich mit dem Abebben der Studentenproteste nicht zufrieden gaben.


Wut und Hass

Zeitzeugen beschreiben Ingrids freundlichen Umgangston, das hübsche Gesicht mit graugrünen Augen und einen Schmollmund. Als Ingrid Schubert im Frühjahr 1970 an der Freien Universität die Staatsprüfung mit dem Prädikat "gut" bestand, schien nach außen hin alles auf eine sichere Zukunft für die lebenslustige und seit fünf Jahren verlobte junge Frau aus betuchtem Hause hinzudeuten.

Doch in dem 1,63 Meter großen Energiebündel mit dem braunen Haar hatte sich Hass aufgestaut. Gegen den Staat, den amerikanischen Imperialismus und aus Wut auf ihre eigene Herkunft als Tochter eines Nazi-Vaters. In einem Brief schilderte sie im November 1970, "wie aus einer wohlbehüteten Bürgertochter eine Knastlerin werden kann". Sie beschrieb, wie die "Systeme der Unterdrückung" für sie immer deutlicher wurden, "ausgehend von der Familie, sich erweiternd auf die Gesellschaft, den Staat die Herrschaftssysteme, die Mächte, es erdrückt einen". Am Ende liest man dort: "Und irgendwann begriff ich, dass ich konsequent zu sein hatte."
Ingrid Schubert wurde Teil der "Stadtguerilla", die den Umsturz militant und mit Gewalt durchsetzen wollte. Brandsätze in Kaufhäusern machten den Anfang. Später folgten bewaffnete Banküberfälle. Bei mehreren davon war Ingrid Schubert, Deckname "Nina", beteiligt.

Als Andreas Baader gefasst und verurteilt wurde, beschloss die Gruppe, ihn aus der Haft zu befreien. Auch bei dieser spektakulären Aktion im Deutschen Zentralinstitut, bei der ein Angestellter lebensgefährlich, ein weiterer leicht verletzt wurde, mischte die gebürtige Ebernerin maßgeblich mit. Die Befreiungsaktion am 14. Mai 1970 gilt als Geburtsstunde der RAF.

Mit der Gruppe ließ sich Ingrid Schubert im Sommer 1970 einige Wochen lang in einem Camp der palästinensischen Fatah-Organisation in Jordanien militärisch ausbilden. In den folgenden Monaten und Jahren folgte eine Serie von Terrorakten, wie sie die Republik noch nicht erlebt hat: Morde und Attentate, Entführungen, Banküberfälle und Sprengstoffanschläge. Mindestens 61 Tote gab es auf beiden Seiten, über 200 Menschen wurden verletzt.

Direkt hatte Ingrid Schubert mit dieser Entwicklung bald nichts mehr zu tun. Aber sie bekam die volle Strenge der Justiz zu spüren. Und die Unbarmherzigkeit eines in die Enge gedrängten Staates, der sich nicht erpressbar machen lassen wollte.

Herbst 1970. Ein unbekannter Anrufer gab den entscheidenden Tipp. Die Polizei fasste Ingrid Schubert und einige ihrer Komplizen am 8. Oktober 1970 in einer Berliner Wohnung.

Wegen der Baader-Befreiung, gemeinschaftlich versuchten Mordes und mehreren Banküberfällen wurde die Medizinalassistentin zu einer Gesamtstrafe von 13 Jahren verurteilt. In Frankfurt-Preungesheim saß sie ein, teilweise in strenger Isolationshaft. Sie und weitere Aktivisten der RAF, die ebenfalls bald gefasst wurden, verlegten sich darauf, im Hungerstreik ihre Gesundheit als Waffe einzusetzen, mit Briefen und über die Anwälte öffentlich gegen die "Isolationsfolter" zu agitieren. So gelang es, weitere Sympathisanten gegen den Staat aufzubringen. Die Häftlinge setzten auch durch, gemeinsam in den eigens ausgebauten Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim verlegt zu werden. Als von dort aus weitere Terrorakte gesteuert wurden, mit denen die Häftlinge freigepresst werden sollten, zeigte der Staat absolute Härte.


Die Gewalt eskalierte

Herbst 1977. Alles kulminierte im so genannten "Deutschen Herbst" (siehe rechts oben) Die Gewalt eskalierte und der Staat demonstrierte Unnachgiebigkeit. Die Häftlinge wurden nach einer "Gefängnismeuterei" wieder separiert. Ein neues "Kontaktsperregesetz" verdammte sie wochenlang zu absoluter Isolation. Persönlichkeitszerstörend, wie es später häufig hieß.

Ab August 1977 war Ingrid Schubert als einzige weibliche Gefangene in der JVA München-Stadelheim untergebracht, in einer 405 mal 185 Zentimeter großen Zelle, hermetisch abgeschlossen von allen Mitgefangenen. Bei Hofgängen blieb sie allein, und die Nachbarzellen waren nicht besetzt. Der Kontaktsperre folgten massive Überwachungen, wobei Schubert rund um die Uhr viertelstündlich kontrolliert wurde. Nachts schreckte sie das Zellenlicht aus dem Schlaf, später wurde permanent brennendes blaues Dämmerlicht eingesetzt.

Die zunehmend aggressiv auftretende Gefangene hat dies als "Psychoterror" erlebt. Sie schilderte ihre "totale innere Leere", "teilweise Desorientierung", Angstzustände und "Dauerstress".


Der Tod in der Zelle

Sie soll - erst recht nach dem Selbstmord von Baader, Ensslin Raspe und Co (Originalton Schubert: "Die, die ich am meisten liebe, sind tot") - keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben. So heißt es zumindest in Gefängnisunterlagen. Selbst hat sie Suizidabsichten stets dementiert und noch an ihrem letzten Tag eine Schreibmaschine angefordert, um philosophische Texte durcharbeiten zu können.
Vielleicht raubten ihr auch angebliche Sprengstoff-Funde in Stammheim und die Vorhaltung, sie habe versucht, die Wand ihrer Zelle auszuhöhlen, den letzten Widerstandsgeist. An eine vorzeitige Haftentlassung war spätestens jetzt nicht mehr zu denken.

Am Samstag, 12. November 1977, um 19.15 Uhr wurde Ingrid Schubert tot aufgefunden. An den Gitterstäben ihres Zellenfensters hatte sie sich mit einem aus Bettlaken geflochtenen Seil erhängt.


Die Jahre danach

Herbst 1986
. Hartnäckig hielten sich Zweifel am Suizid der Ingrid Schubert. Sie wurde dadurch für die nächste Terror-Generation zu einer der Märtyrerinnen der RAF hochstilisiert.
Als am 10. Oktober 1986 der Ministerialdirigent im Auswärtigen Amt, Gerold von Braunmühl, erschossen wurde, nannten sich die bis heute unbekannten Täter "Kommando Ingrid Schubert".

Herbst 2012.
Heute steht ein anderer Name am ehemaligen Wohnhaus der Familie Schubert. In Maroldsweisach ist mit Onkel Alfred vor Jahren bereits der letzte hier wohnende Verwandte der Terroristin Ingrid Schubert gestorben. Und kaum mehr einer erinnert sich an das nette Schulkind von damals.


Eine kurze Chronik der RAF

1968 Brandanschläge als Protest gegen den Vietnamkrieg.

1970 Bewaffneter Überfall zur Befreiung An dreas Baaders. Die Geburtsstunde der RAF.

ab 1970: Brand- und Sprengstoffanschläge auf Einrichtungen von Staat, Wirtschaft, Militär und Polizei.

1972 Verhaftung der RAF-Führung (Baader, Meinhof, Raspe, Ensslin). Verurteilung zu lebenslanger Haft, kollektive Hungerstreiks, Isolationshaft im Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim.

1975 Der Staat gibt nach: Freipressung von Inhaftierten durch Entführung des Politikers Peter Lorenz; Besetzung deutsche Botschaft in Stockholm, Mord an Botschaftsangehörigen.

1976 Suizid Ulrike Meinhofs.

1977 "Deutscher Herbst": Entführungen und Ermordungen (Generalbundesanwalt Buback; Dresdner Bank-Vorstand Ponto), um Inhaftierte freizupressen. Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 87 Personen an Bord nach Mogadischu (von der Polizei-Truppe GSG 9 erstürmt und befreit), Tötung des Arbeitgeberchefs Hanns-Martin Schleyer. Selbstmord von Baader, Ensslin, Raspe. Die Bundesregierung lehnt RAF-Forderungen ab. Großer Krisenstab. Der Staat führte Anti-Terror-Gesetze und Ermittlungsverfahren (Rasterfahndung) ein. Größte Fahndung in der Geschichte der Republik.

Ab 1978 Weitere Bombenanschläge und Überfälle; Zersplitterung der Terrorzellen, beginnende Auflösung der RAF; weitere Festnahmen, aber auch erste Begnadigungen

1998 Die RAF erklärt ihre Selbstauflösung.


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