Wüstenwelsberg
Besinnungsort

Die Kunstoase in der "Wüste"

In Wüstenwelsberg trafen sich Künstler, die mit ihren Werken die neue "Wüstenkapelle" ausgestattet haben. Täglich zünden hier Besucher Kerzen an.
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Sieben Glasbilder von Wilfried Radtke stellen die Schöpfungsgeschichte dar und zieren knapp die Hälfte der Kapellenfenster. Sitzbänke laden innen und außen zum Verweilen ein.Bettina Knauth
Sieben Glasbilder von Wilfried Radtke stellen die Schöpfungsgeschichte dar und zieren knapp die Hälfte der Kapellenfenster. Sitzbänke laden innen und außen zum Verweilen ein.Bettina Knauth
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Vor dem Eingang wacht der Erzengel Michael, auf der Rückseite fällt Licht auf einen Glasfächer. Innen verzieren Glasbilder, die die Schöpfungsgeschichte darstellen, sieben der Fenster, ohne den Blick in die idyllische Landschaft ganz zu verbergen. Ikonen verzieren die Stirnwand, Acryl-Tauben flattern im Wind. Kurzum: Die neue Kapelle in der "Wüste", wie die Camper ihre Heimat in Wüstenwelsberg liebevoll nennen, bietet viele Hingucker.
Privatleute hatten die Initiative ergriffen, um in dem "kleinen Bergdorf" in der Gemeinde Untermerzbach ein Gotteshaus zu bauen, als Ort der Besinnung und des Gebets. Die Idee entstand 2016, als Stammgäste des benachbarten Campingplatzes sich über ihr Leben austauschten. Neben schönen Erlebnissen kamen Schicksalsschläge zur Sprache. "Wäre es nicht schön, wenn hier oben, in dieser idyllischen Umgebung, ein Ort des Innehaltens vorhanden wäre?"


Interessengemeinschaft

Schon um das Weihnachtsfest 2016 fertigten die Initiatoren ein Modell nach ihren Vorstellungen an. Am 11. Mai 2017 gründete sich dann offiziell die "Interessengemeinschaft Kapelle Wüstenwelsberg". Rasch fanden erst das Modell und dann der Bauplan, für den Hans-Karl Morgenroth (Untermerzbach) verantwortlich zeichnete, die Zustimmung der Gemeinde Untermerzbach und des Landratsamtes Haßberge.
Knapp drei Monate nach Gründung der Interessengemeinschaft, am 8. August 2017, konnten die Vorsitzende Gisela Baumann und ihre Mitstreiter den ersten Spatenstich feiern. In Eigenleistung entstand der Lärchenholz-Bau. Offiziell eingeweiht wurde das nur rund sechs Quadratmeter kleine Gotteshaus am 6. Mai.
Seither suchen täglich Menschen die Kapelle am Ortsrand auf, wie Nicole Seifert anhand der angezündeten Kerzen feststellt. Die Kennzeichen der Fahrzeuge ließen erahnen, dass viele von weit her kommen. Die Initiatoren sehen ihr Ziel erreicht, hier einen Ort der Besinnung zu schaffen.
Baumann drückte es so aus: "Die Wüstenkapelle soll Suchenden helfen, Antworten sowie neue Kraft zu finden." Hier könne jeder für sich allein und mit seiner Umwelt sein. Inspirationen sollen die hier zu bestaunenden Kunstwerke liefern.


Die Schöpfer der Kunstwerke

Der Kontakt zu deren Schöpfern kam zufällig zustande: Mechthild Schmidt lernte Baumann bei ihrer Reha-Maßnahme in Bad Staffelstein kennen. Die Tiffany-Glaskünstlerin, die sich mit ihrem Ehemann Horst in Haßlach bei Teuschnitz eine künstlerische Arche geschaffen hat, fertigte den bunten Fächer an, der hinter der Kapelle steht.
Als die 73-Jährige dann Baumann mit dem Rugendorfer Wilfried Radtke bekanntmachte, löste sie das Problem der Fenstergestaltung: Sieben Glasbilder mit Darstellungen der sieben Schöpfungstage aus der Werkstatt des Glaskünstlers zieren sieben der Kapellenfenster.
Über Nicole Seifert geriet Baumann an den Seßlacher Holzbildhauer Wolfgang Schott. Sein Erzengel Michael dominiert mit seinem Schwert die Vorderansicht der Kapelle und soll sie beschützen.


Camper spendeten die Osterkerze

Ob sie nicht für die Kapelle einige ihrer handgemalten Ikonen brauchen könnte?, fragte Irmgard Eichler aus Ebern an. Baumanns russische Schwiegertochter Anna Rahimoff suchte unter den 600 Exemplaren drei aus und ließ sie in München von einem orthodoxen Priester segnen. Camper aus den Niederlanden spendeten die Osterkerze sowie einen Metallbaum, an dem sich die Namen aller Spender finden.
Als "Herz unserer Kapelle" bezeichnete Baumann einen abwesenden Mitstreiter: Jörg Cuno, Gründer der Palliativakademie Bamberg, habe "gute Ideen" zur Kapelle beigesteuert. "Jörg hat uns gezeigt, wie man mit Trauer umgehen kann", sagte die 63-Jährige. Dieses Thema sei unter den Campern fortgeschrittenen Alters "sehr präsent". Cunos Palliativ-Tauben "Columba" finden sich in einer Acryl-Version als Mobile rechts vom Altar. In einem Trauer-Buch können Angehörige Bilder von Verstorbenen hinterlassen, ins Gästebuch schreiben Besucher, was sie bewegt.
Oben im Turm hängt eine Glocke, die Baumann erwarb. Seit kurzem erklingt sie jeden Abend um 20 Uhr. "Wer läuten möchte, trägt sich einfach in unseren Plan ein", erläuterte die ehemalige Kindergartenleiterin.
Auch auf die Außenanlagen haben die Verantwortlichen viel Wert gelegt, von der Bepflanzung mit Blumen bis zum Lindengarten. Dazu laden Sitzbänke, die Baumanns Lebensgefährte Hermann Leicht angefertigt hat, innen und außen (an zwei Seiten) zum Verweilen ein.
So fehlt der mit dem Gesamtwerk sichtlich zufriedenen Initiatorin nur noch eins: der Stromanschluss. Bisher muss die Kapelle mühsam über eine Autobatterie beleuchtet werden.
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