Untermerzbach
Geschichte

Dem Gewissen treu bis in den Tod

Als Priester verweigerte Pallottiner-Pater Franz Reinisch den Fahneneid auf Hitler. Dafür bezahlte er 1942 mit dem Leben. In Untermerzbach erinnert eine Wanderausstellung an seinen bewegenden Widerstand.
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Bürgermeister Helmut Dietz, Iris Wild, Vorsitzende des Träger- und Förderverein der Synagoge Memmelsdorf, und Grundschulleiterin Anja Schmidt (von links) waren sich bei der Ausstellungseröffnung einig, wie wichtig die Erinnerung an historische Ereignisse und Vorbilder ist.  Pia Bayer
Bürgermeister Helmut Dietz, Iris Wild, Vorsitzende des Träger- und Förderverein der Synagoge Memmelsdorf, und Grundschulleiterin Anja Schmidt (von links) waren sich bei der Ausstellungseröffnung einig, wie wichtig die Erinnerung an historische Ereignisse und Vorbilder ist. Pia Bayer
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"Sie sind verurteilt vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat und gehen dafür in den Tod. Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes", prangt es heute in großen schwarzen Lettern an der Wand in der Gedenkstätte Brandenburg-Görden. Nach seiner Weigerung, den Fahneneid auf Adolf Hitler zu leisten, findet Pallottiner-Pater Franz Reinisch 1942 hier den Tod durch Enthaupten. Reinisch wird damit zum einzigen katholischen Priester, der den Wehrmachtseid verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt hatte.

Seine Hinrichtung ist am 21. August 1942 für 4.56 Uhr vorgesehen. "Zersetzung der Wehrkraft" lautet das Urteil. Um 3 Uhr gibt Franz Reinisch alle Dinge ab, die er noch bei sich hat: das Tüchlein, in das die Eucharistie gehüllt ist, das Sterbekreuz, den Rosenkranz, einige Bücher und den Abschiedsbrief an seine Eltern und Geschwister. Um 3.30 Uhr nimmt man ihm Schuhe und Strümpfe ab, fesselt seine Hände auf den Rücken und führt ihn in den Keller vor dem Hinrichtungsraum. Ein kurzes Surren, ein dumpfer Schlag. Um 5.03 Uhr fällt das Beil der Guillotine im Gefängnis Brandenburg-Görden und tötet einen unbeugsamen Christen - sieben Minuten später als angeordnet. Der Sarg stand nicht rechtzeitig bereit.

Mit einer Ausstellung erinnert die Gemeinde Untermerzbach seit Sonntag für einen Monat an den Pallottiner-Pater Franz Reinisch. Vier Jahre lang lebte er als Novize im Schloss Untermerzbach, hielt Philosophievorlesungen und wirkte nachweislich auch in Nachbargemeinden bei gottesdienstlichen Feiern mit, zum Beispiel in Mürsbach und Zaugendorf. Ingo Hafenecker vom Bürgerverein Ebern machte die Gemeinde auf die Möglichkeit der Wanderausstellung aufmerksam.

Etwas verlassen wirken die Besucher zwischen 14 Schautafeln im Untermerzbacher Gemeindezentrum "Komm" bei der Eröffnung am Sonntag. Von den geladenen 50 Gästen sind gerade einmal ein Dutzend erschienen. Von den Pfarrern der Umgebung, die allesamt eine Einladung erhalten haben, ist gar einzig Pfarrer Norbert Lang aus Seßlach gekommen. Dabei ist Pater Franz Reinisch durch das ehemalige Kloster im Schloss Untermerzbach hier verwurzelt, sein offener und öffentlicher Protest bis heute von höchster Aktualität.

"Hochwürden, wir wollen doch zum Einstand zusammen eine Zigarette rauchen", wird Franz Reinisch am 3. November 1928 als Neuankömmling im Noviziat der süddeutschen Pallottiner in Untermerzbach zitiert, das von 1922 bis 2009 im Schloss Untermerzbach untergebracht war. Novizenmeister Pater Bender verlangt daraufhin die Herausgabe aller Zigaretten, da das Rauchen im Noviziat nicht erlaubt sei. Reinisch gibt 150 Zigaretten ab und ringt anschließend drei Wochen mit sich selbst. Er will die Flucht über die rund zwei Meter hohen Mauern rund um das Schloss ergreifen. Als er an der Lourdes-Grotte im Park vorbeikommt, gibt er seinen Entschluss auf. Dieser Abend wird für ihn zum Schlüsselerlebnis seiner Berufung.

Vier Jahre verbringt er anschließend im Noviziat der Pallottiner. Weil kein Dozent für philosophische Fächer zur Verfügung steht, unterrichtet Reinisch vom 4. Oktober 1930 bis 8. August 1932 Philosophie. Er liest in lateinischer Sprache nach den Lehrbüchern von Jesuitenpater Donat. Von Untermerzbach aus geht er zum Abschlussjahr in Theologie nach Salzburg.

Obwohl Pater Franz Reinisch ein Mensch war, dessen Biografie sich kaum an Orten festmachen lässt - zu lange war er zunächst auf der Suche nach seinem Platz, dann wurden zügige Versetzungen zu unterschiedlichen Seelsorgebereichen ein Mittel der Wahl, um seine Einberufung möglichst lange zu umgehen -, gehört Untermerzbach zu den Orten, an denen er am längsten war. Rückblickend nennt er es "eine Zeit herrlichster seelischer Blüte, an die ich mich immer mit Wehmut und Sehnsucht erinnere".

1938 ist Franz Reinisch wieder in Untermerzbach. Diesmal flieht er nachts wirklich über die Mauer. Er liebt die Musik, das Kartenspiel, die Geselligkeit. Gleichzeitig fühlt er die Berufung, Priester zu sein.

Nachdem er sich zunächst kritisch, zunehmend dann radikal ablehnend gegenüber dem herrschenden nationalsozialistischen Regime äußert, erhält Reinisch 1940 ein Predigt- und Redeverbot für das Gebiet des gesamten Deutschen Reiches von der Gestapo. Am Osterdienstag 1942 erreicht ihn die endgültige Einberufung in die Wehrmacht. Damit beginnt sein letzter Lebensabschnitt.

Absichtlich und im vollen Bewusstsein der Folgen kommt er einen Tag später in der Kaserne Bad Kissingen an, als der Gestellungsbefehl es fordert. Auf die Frage des Feldwebels, ob er nicht Wert darauf lege, sich rechtzeitig zu melden, antwortet Reinisch: "Ich würde Wert darauf legen, wenn das gegenwärtige Regime nicht am Ruder wäre." Den Fahneneid auf Hitler lehnt er aus Gewissensgründen ab.

Franz Reinisch ist einer von vielen Millionen, die unschuldig dem blutigen Regime von Adolf Hitler zum Opfer fallen. Allein im Zuchthaus Brandenburg-Görden, in dem auch Reinisch ein Opfer des Fallbeils wird, werden ab dem 1. August 1940 genau 2743 Menschen hingerichtet, davon 1722 aus politischen Gründen. Im Unterschied zu anderen herausragenden Märtyrern wie Edith Stein, Hans und Sophie Scholl oder Maximilian Kolbe hätte Franz Reinisch sein Todesschicksal bis wenige Woche vor seiner Hinrichtung wenden können.

Immer wieder versuchen Freunde und Vorgesetzte, Reinisch doch noch zum Fahneneid zu bewegen. Sie bedrängen ihn, sie wollen sein Leben retten. Am Ende soll ihm gar mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft der Pallottiner gedroht werden, um ihn zum Eid zu bewegen. Franz Reinisch bleibt bei seinem Entschluss: "Sooft ich auch mein Gewissen überprüfe, ich kann zu keinem anderen Urteil kommen. Und gegen mein Gewissen kann und will ich mit Gottes Gnade nicht handeln. Ich kann als Christ und Österreicher einem Mann wie Hitler niemals den Eid der Treue leisten. Es muss Menschen geben, die gegen den Missbrauch der Autoritäten protestieren; und ich fühle mich berufen zu diesem Protest."

"Es war nicht einfach Kriegsverweigerung, sondern religiös motiviert", zeigt Pfarrer Lang aus Seßlach sich während der Ausstellungseröffnung in Untermerzbach von der Aufrichtigkeit und Gewissenstreue Pater Reinischs beeindruckt. Mit 14 Roll-Ups in rot, schwarz und weiß scheint die Ausstellung auf den ersten Blick wenig spektakulär. Umso aufrüttelnder ist ihr Inhalt. Konzipiert vom Direktor des Paulusheims in Bruchsal und anschaulich von Schülern des Gymnasiums St. Paulusheim aufgearbeitet, behandelt sie am bewegenden Beispiel eines Einzelnen ein Thema, dessen Brisanz bis heute aktuell ist: die Treue zum eigenen Gewissen, in widrigsten Zeiten, den Umständen zum Trotz.

Einen Bogen vom Leben Franz Reinischs in die Gegenwart spannte deshalb auch Bürgermeister Helmut Dietz (SPD) in seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung. "Wie Reinisch muss heute jeder die Augen offen halten", betonte das Gemeindeoberhaupt und mahnte zu persönlichen Konsequenzen, Aufrichtigkeit und aufrechtem Gang, wie es das Beispiel des Pallotiner-Paters Reinisch lehre.

Am 7. Juli 1942 wird Franz Reinisch schließlich vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt. Sechs Stunden vor seiner Hinrichtung am 21. August schreibt der Pallottiner im Alter von 39 Jahren bewegende Zeilen an seine Eltern: "Darum freut euch, wenn ihr diesen Brief in den Händen haltet. Dann wißet: ich bin ewig glücklich! ... Liebe Mutter, herzlichen Dank auch noch für dein Päckchen. Es war ein Vorverkosten der himmlischen Seligkeit."

Die Ausstellung über Pallottiner-Pater Franz Reinisch, sein Wirken und seine Überzeugung ist bis 22. November im Gemeindezentrum "Komm" in Untermerzbach zu sehen. Die Öffnungszeiten sind montags 9 bis 11 Uhr, dienstags bis donnerstags 16 bis 18 Uhr und freitags 10 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am Dienstag, 19. November, wird im Rahmen der Ausstellung um 18 Uhr auch ein Film über Pater Reinisch gezeigt.

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