LKR Haßberge
Interview

"Das zeigt, wie unsensibel manche Männer doch sind"

Was ist Flirt, was Belästigung? Wo liegt die Grenze? Was macht moderne Partnerschaften aus? Gleichstellungsbeauftragte Christine Stühler gibt Antworten.
Artikel drucken Artikel einbetten
Christine Stühler, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Haßberge, im Gespräch mit infranken.de
Christine Stühler, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Haßberge, im Gespräch mit infranken.de
Im Gespräch mit infranken.de erklärt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Haßberge, Christine Stühler, was eine moderne Partnerschaft ausmacht. Sie hat Antworten auf die Fragen, wann die Grenze zwischen "harmlosen Flirt" und "sexueller Belästigung" überschritten ist und warum die Gesellschaft Debatten braucht, die das Thema offensiv angehen, Stichwort "#MeToo" - unter diesem Hashtag haben in den vergangenen Monaten überwiegend Frauen im Internet von ihren persönlichen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichtet.

infranken.de:Wenn man die sexuelle Komponente mit einbezieht, ist ein Großteil der Beziehungen zwischen den Geschlechtern von Trieben bestimmt. Männer genießen da keinen allzu guten Ruf, was ihr Verhalten angeht. Wenden sich Arbeitnehmer oder Außenstehende auch an Sie, wenn es um das Thema "sexuelle Belästigung" geht?

Christine Stühler: Ja, auch das gehört zum Aufgabenfeld der Gleichstellungsbeauftragten. Ich selber führe keine Beratungen durch, aber wir sind mit den verschiedenen Anlaufstellen in Sachen sexueller Gewalt, in welcher Form auch immer die ausgeübt wird, gut vernetzt. Kommt jemand mit seine Anliegen zu mir, ist es meine Aufgabe, Verständnis zu zeigen und zuzuhören und Wege aufzuzeigen, welchen Schritt man als nächstes gehen könnte. Das muss immer im Einvernehmen mit der betroffenen Person geschehen. Und vertraulich. Ohne, dass man irgendwo registriert ist.


Warum konzentriert sich der gesellschaftliche Diskurs überhaupt so darauf, Männern oder Frauen eine bestimmte Rolle zuzuschreiben? In dem Zusammenhang verwendete Begriffe wie "Geschlechterkampf" machen dabei noch zusätzlich Stimmung..

Ich finde das auch nicht gut, es ist kein Kampf. Das klingt nach Aggressivität. Natürlich gibt es auf beiden Seiten immer Extreme. Nehmen wir Feministinnen und ihre Gegner, was da nicht alles für Vorwürfe aus beiden Lagern laut werden. Aber man muss auch ganz ehrlich sagen: Wenn wir die Feministinnen die ganzen Jahre nicht gehabt hätten, hätten wir vielleicht kein Frauenwahlrecht und viele andere Dinge, die sich Frauen erst erstreiten mussten. In einigen Fällen wird vielleicht auch mal ganz bewusst überzogen, um sich Gehör zu verschaffen und etwas zu erreichen. So ist es ja oft bei Spielchen um Macht und Ziele. Aber als Kampf würde ich es nur ungern bezeichnen. Denn viele Männer sind zum Beispiel froh, wenn ihre Partnerin einen adäquaten Job hat, der angemessen bezahlt wird, davon hat ja die gesamte Familie etwas.


Glauben Sie, dass Frauen eventuell keine Hilfe suchen, weil sie glauben, sie werden nicht ernst genommen? Folgendes Beispiel: Eine Frau wird auf einer Party mehrfach von einem Mann begrapscht und sexuell bedrängt. Dann geht sie zur Polizei oder zu einer anderen Anlaufstelle, schildert ihren Fall und bekommt gesagt: "Das ist bedauerlich, aber kommen Sie wieder, wenn es was Konkretes gibt."

Das würde ich nie sagen. Klar ist: Die Schwelle zur sexuellen Belästigung ist fließend, es gibt unterschiedliche Empfindungen dazu. Es gibt Fälle, die sind ganz klar. Bei Vergewaltigung oder Missbrauch würde kaum jemand sagen, dass man da jetzt erstmal diskutieren müsste, da ist die Grenze eindeutig überschritten. Es gibt aber auch Fälle, die von Außenstehenden unterschiedlich bewertet werden. Jeder hat da andere Grenzen. Ich denke, die Grenze ist dann überschritten, wenn sich jemand belästigt fühlt. Deswegen wäre es fatal zu sagen "Komm wieder, wenn es was Konkretes gibt.". Denn wenn die betroffene Person Hilfe sucht, hat der Vorfall bereits etwas in ihr ausgelöst und man sollte darüber reden.


Sexuelle Belästigung kann ja auch verbal stattfinden. Wenn ich zum Beispiel zu meiner Kollegin in der Mittagspause sage "Du bist aber heiß heute, lass uns doch mal...", ist das dann einfach eine äußerst plumpe Anmache oder sexuelle Belästigung?

Das kommt auf das Verhältnis an, dass Sie und Ihre Kollegin pflegen und aus welcher Position heraus Sie das äußern. Es gibt kein festes Raster für so etwas. Manche haben eine größere Hemmschwelle, andere sind etwas lockerer unterwegs. Manche haben das Selbstbewusstsein, solche Situationen mit einer klaren Ansage selbst zu regeln, andere fühlen sich verunsichert und angegriffen. Das nagt dann an ihnen. Die sollen dann auch eine Möglichkeit haben, darüber reden zu können.


Seit ein paar Monaten wird im Internet unter dem Hashtag "MeToo" über diese Problematik diskutiert. Dabei äußern überwiegend Frauen konkrete Vorwürfe gegen Männer, die sie sexuell belästigt, genötigt oder sogar vergewaltigt haben sollen. Die mediale Aufmerksamkeit ist enorm, das Urteilsvermögen vieler wütender Internetkommentatoren dagegen schlecht. Ist die Debatte zu einseitig geführt oder halten Sie solche Kampagnen für nötig und sinnvoll?

In der Sache ist es gut, denn viele konnten sich so Gehör verschaffen. Gerade auch deswegen, weil Frauen sonst oft einfach nicht ernst genommen wurden, wenn sie sexuell bedrängt worden sind.
Die Debatte zeigt, dass sexuelle Belästigung öfter und drastischer vorkommt, als manche glauben.


Da fallen schnell mal so Äußerungen wie "Jetzt hab dich nicht so, Schätzchen!"...

Also den Satz liebe ich ja. Das geht gar nicht! Denn das zeigt, wie unsensibel manche Männer doch sind und dann denken: Da kann ich mich ja bedienen! Deswegen ist es gut, dass diese Debatte geführt wird. So dass man sieht: Oh, die Grenzen sind wohl doch öfters überschritten worden, als geglaubt. Auch von Männern, die vielleicht gar nicht in böser Absicht gehandelt haben, aber nun dadurch gemerkt haben, dass ihr Verhalten gar nicht so gut angekommen ist. Solche Debatten zeigen, dass man vielleicht doch öfter mal intensiver nachdenken sollte, bevor man handelt.


Zum Thema Gleichstellung im Berufsleben: Geht es da hauptsächlich um die Lohnunterschiede?

Gleichstellung im Berufsleben heißt für mich, dass man für gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommt. Das ist ja nicht unbedingt in allen Sparten so. Im Landratsamt sind wir tarifgebunden, da gibt es diese Unterschiede nicht. In der freien Wirtschaft ist das anders, auch wenn es oftmals bestritten oder kleingeredet wird. Meine Aufgabe sehe ich darin, da ein bisschen zu sensibilisieren und auch Weichen zu stellen, um die Gleichberechtigung, die wir immer noch nicht ganz haben, zu fördern.


Für was sind Sie als Gleichstellungsbeauftragte zuständig und für wen sind Sie Ansprechpartner?

Die kommunalen Gleichstellungsbeauftragten haben eine Doppelfunktion. Einmal intern für die Beschäftigten des Hauses und auch für den gesamten Landkreis Haßberge bin ich Ansprechpartnerin. Als Leitfaden dient dabei das Gleichstellungsgesetz, darin geht es um die Gleichstellung von Frauen und Männern und auch um die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.


Wie schaut das in der Praxis dann aus?

Seit 2014 ist der Landkreis Haßberge Projektpartner in der Initiative "Familienorientierte Personalpolitik Main-Rhön". Ich als Gleichstellungsbeauftragte vertrete unseren Landkreis im Organisationsteam und bin Ansprechpartnerin für den Bereich Haßberge. Diese Initiative wurde gegründet vom Landkreis Schweinfurt und der Agentur für Arbeit, da sind inzwischen auch die Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld dabei. Es geht um familienbewusste Arbeitszeiten und Strukturen. In Arbeitskreisen versuchen wir, möglichst viele Unternehmen zu gewinnen, die sich dieser Idee anschließen, sie neugierig zu machen auf familienbewusste Firmenmodelle. Dabei geht es nicht ausdrücklich nur um Frauen, sondern um Frauen UND Männer und die Familie im Gesamten. Gleichstellung ist ja nicht nur Frauenförderung. Es gibt auch alleinerziehende Männer, die familienfreundliche Arbeitszeiten haben wollen. Eine entsprechende Personalpolitik nützt auch den Firmen, denn wenn die Beschäftigten sich gut aufgehoben fühlen und auf ihre persönlichen Bedürfnisse eingegangen wird, wenn also nicht nur die Arbeitskraft gesehen wird, sondern der ganze Mensch, dann wirkt sich das auf ihre Motivation und Arbeitsleistung positiv aus.


Das Thema Gleichstellung betrifft auch das Privatleben, zum Beispiel die Familie. Gibt es da irgendwo eine Schnittstelle zum Berufsleben, an der eine Behörde noch einhaken kann oder sind Ihre Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, eingeschränkt?

Als Behörde können wir in das Privatleben natürlich nicht so einfach eingreifen. Gleichstellung ist aber auch ein Thema in den Familien. In Partnerschaften der älteren Generationen herrschen manchmal die traditionellen Rollenbilder noch stark vor, bei jüngeren Generationen hat sich dieses Bild geändert, da sind Partnerschaften fast immer gleichberechtigt. Da überlegt man zum Beispiel, wenn dann einmal Kinder da sind, wie man das aufteilt mit der Hausarbeit. Da sind junge Frauen mittlerweile selbstbewusst genug, die wollen auch nicht ständig Putzen, Kochen und den Haushalt alleine erledigen. Dieses Umdenken finde ich spannend, aber als Behörde können wir nur bedingt eingreifen. Wir können sensibilisieren, wir haben zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Servicestelle "Frauen und Beruf" immer wieder Workshops für Frauen im Programm, da geht es zum Beispiel um Themen wie selbstbewusst "Nein" sagen, Wege zu finden, wie man Lasten und Pflichten gerechter verteilt. Und natürlich auch das Schöne: Die Kindererziehung. Da ist es längst so, dass sich auch die Männer, besonders die der jüngeren Generation, daran erfreuen und Verantwortung übernehmen.


Wenn es die jüngere Generation bereits verstanden hat, reicht es dann nicht, die ältere Generation einfach auszusitzen? Ältere Semester gelten doch eher als unbelehrbar.

Unbelehrbar ist etwas hart formuliert. Ich glaube, man kann in jedem Alter dazulernen und die eigenen Muster überdenken. Aber es ist schon so, dass man schwieriger aus einem Verhaltensmuster herauskommt, wenn man es jahrelang gelebt hat und irgendwann nimmt man es dann einfach hin. Da ist es auch Aufgabe im Sinne der Gleichstellung, ein bisschen wachzurütteln. Gerade Altersarmut ist ein großes Thema bei Frauen: Viele haben zwar ihr Leben lang für die Familie gearbeitet, aber auf dem Papier keine berufliche Qualifikation vorzuweisen, vielleicht haben sie immer mal wieder Minijobs angenommen, um Geld dazu zu verdienen. Man muss bedenken, dass keine Rentenbeiträge bezahlt werden durch diese Minijobs. Wenn dann der Ehemann stirbt, was an sich schon tragisch ist, können finanzielle Schwierigkeiten dazukommen. Das kann auch bei einer Trennung oder Scheidung der Fall sein. Dann wissen die Frauen oftmals nicht, wie es für sie weitergeht.


Bei dem Thema dreht sich also vieles um Frauen, die benachteiligt sind. Kommen auch Männer auf Sie zu, die sich benachteiligt fühlen?

Es heißt schon lange nicht mehr "Frauenbeauftragte", sondern "Gleichstellungsbeauftragte". Natürlich ist unser Angebot auch für Männer gedacht. Die kommen aber eher, wenn es um Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, bei Alleinerziehenden sind die Probleme ja sehr ähnlich gelagert, da spielt das Geschlecht keine Rolle. Wenn nun ein Mann gerne in Teilzeit arbeiten möchte, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist das manchmal ganz schwierig, weil der Arbeitgeber sagt: "Wie, ein Mann und er will in Teilzeit?" Bei Frauen wird das per se immer ein wenig mit einkalkuliert. Deswegen kommen auch Männer zu uns und holen sich Rat.


Womit wir wieder bei gesellschaftlichen Erwartungen wären: Männer sollen halt männlich sein und Mut und Tapferkeit und Arbeitswillen beweisen. Wer als Mann in Teilzeit arbeitet, gilt womöglich als Memme.

Ja, leider. Aber wer zu uns kommt, braucht sich keine Sorgen zu machen, dass wir darüber urteilen. Unsere Türen stehen immer offen. Andernorts geht man sogar noch andere Wege: In Nürnberg zum Beispiel gibt es sogar einen Männerbeauftragten seit letztem Jahr. Der war bei der jährlichen Tagung der Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungstellen in Bayern dabei und hat erzählt, dass er gut zu tun hat. Der Bedarf nach Unterstützung ist also bei Männern wie Frauen da.


Sind nicht vielleicht Männer wie Frauen mit ihren "neuen" Rollen prinzipiell überfordert? Männer fürchten Machtverlust, Frauen setzen sich enorm unter Druck: Sie sollen Beruf, Kinder, Familie, Partnerschaft unter einen Hut bringen und werden von der andere Seiten beobachtet, ob ihnen das alles auch gelingt, und verhöhnt, wenn sie scheitern.

Ja, aber da ist schon wieder der Fehler im Denkansatz. Warum ist das das Problem der Frau? Warum soll sie den Druck allein haben? Wenn man Kinder will, da gehören in der Regel zwei dazu. Der Idealfall wäre eben, dass sich die Partner auf Augenhöhe, mit Wertschätzung und mit gegenseitiger Achtung ein Modell überlegen, wie das gut funktioniert. Und in diese Richtung bewegen wir uns bereits: Männer heute wollen auch etwas von ihren Kindern haben, sie denken nicht "Die Frau macht das schon". Lange Zeit war Erziehung die Verantwortung der Frau. Heute stellen sich Partner den Herausforderungen eher gemeinsam: Wann wollen wir Kinder, wie machen wir es mit dem Job, beide in Teilzeit gehen? Bleibt die Frau ganz zuhause und der Mann arbeitet? Oder bleibt der Mann zuhause und die Frau arbeitet? Betreuung in der Kita? Diese gemeinsame Verständigung macht den Unterschied. Das ist meine Vorstellung einer gleichberechtigten Partnerschaft, da müssen wir hin. Es wird nicht überall klappen und wir werden wohl noch einige Zeit brauchen. Das Modell der Zukunft zeigt beide Elternteile in Teilzeit, die bei ca. 60 Prozent für jeden liegen kann, so dass sich beide im Beruf verwirklichen und um die Kinder und die Familie, zum Beispiel auch pflegebedürftige Angehörige, kümmern können.


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren