Zeil am Main
Bühne

Das Leben ist wie ein Garten

Die Kinder aus der Singschule von Monika Schraut setzten in Zeil das Musical "Der eigensüchtige Riese" in Szene.
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Der kleine Junge (Jakob Maier) erweicht das egoistische Herz des großen Riesen (Nick Naumann), so dass dieser ihm sogar hilft, auf den Baum zu klettern.  Ralf Naumann
Der kleine Junge (Jakob Maier) erweicht das egoistische Herz des großen Riesen (Nick Naumann), so dass dieser ihm sogar hilft, auf den Baum zu klettern. Ralf Naumann
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Im digitalen Zeitalter Märchen erzählen? "Ja, bitte!", antworteten die Kinder aus der Singschule von Monika Schraut am Wochenende gleich zwei Mal. Samira Beuerlein, Alina Feustel und Emilia Holzause, alle drei gewandet als englische Ladys, trafen sich sowohl am Samstag als auch am Sonntag im Rudolf-Winkler-Haus anlässlich des Singsschul-Musicals zum Tee und erzählten mit bewegten Stimmen das Märchen "Der eigensüchtige Riese" von Oskar Wilde.

Immer wieder unterbrachen sie den Text, damit der 30-stimmige Singschulchor zusammen mit den Musikern Anna-Lena Hülbig, Luis Sauer (beide Piano), Maja Wöhrl (Querflöte) und dem gebürtigen Zeiler Schlagzeuglehrer Norbert Weinhold passende Lieder zum Geschehen präsentieren konnte. Letzterer verstand es auch, professionell auf einer Vielzahl von Percussionsinstrumenten die Stimmungen des Märchens einzufangen, sie zu verstärken und ausdrucksstark zu untermalen. Weinhold studierte am Drummer's Focus in München und Stuttgart modernes Schlagzeug und machte dort auch seine Lehrerausbildung bei Coly Petersen, einem der gefragtesten Ausbilder im Deutschland. Nach langen Tourneen und Konzerten weltweit wohnt er mit seiner Familie nun wieder in seiner Heimat in Krum.

"Märchen erzählen? Unbedingt!", sagte derweil Monika Schraut als Singschullehrerin und Gesamtleiterin des Projektes. "Märchen gehen weit über den Text hinaus in die Tiefen des menschlichen Empfindens. Nichts wird beschönigt, nichts wird ausgespart." Zum Beispiel die Szene, in dem der Riese stirbt. "Die Kinder waren in der Vorbereitung sehr interessiert an den Gesprächen, in denen es um den Abschied aus diesem Leben ging. Sie erzählten von eigenen Erfahrungen und formulierten Gedanken, wie sie sich ein Leben nach dem Tod vorstellen könnten", fasste Schraut die Erlebnisse der Musical-Vorbereitungen zusammen. Oskar Wilde bietet in seinem Märchen die Idee an, dass das Leben einem Garten gleicht, in den man andere Menschen einladen oder eigensüchtig aussperren kann. Nachdem er das Sterben als ein Vorbeiziehen des gesamten Lebens beschreibt, sinkt der Riese am Ende in den ewigen Schlaf und wird im Tod in einem neuen Garten, dem Paradies, erwartet.

Die schauspielenden Kinder stellten auch den Weg des Trauerns dar. Die anfänglich verstummende Traurigkeit ging über in ein Erinnern und Erzählen von den Erlebnissen mit dem Toten und endete in der Erkenntnis, das Leben, so wie es jetzt gerade ist, wertzuschätzen, bestmöglich zu leben und lieben zu lernen. So sang der Chor in seinem Schlusslied: "Lasst uns spielen, in dem Garten, der unser Leben ist. Zusammen gehen auf große Fahrten, die man nie vergisst."

Unvergessen dürften für die Zuschauer auch die vielfältigen Darstellungsarten der Märchenfiguren gewesen sein. Nick Naumann, der als zweieinhalb Meter großer Riese eine Stunde lang auf Stelzen über die Bühne schritt, verstand es meisterhaft, die gesamte Gefühlspalette von Ärger und Wut bis hin zu Sehnsucht und innerer Freude darzustellen. Sein Sologesang ging dem Publikum ebenso zu Herzen wie der seines kleinen Gefährten, den Jakob Maier spielte. Dieser schaffte es, das harte Herz des eigensüchtigen Riesens zu erweichen und zur Erkenntnis zu führen: Das, was du anderen durch dein Verhalten antust, das tust du auch deiner eigenen Seele an. Und was eine Seele - dargestellt als herrlicher Garten - im Laufe eines Lebens alles erfahren kann: Da gibt es bunte, blütenreiche Zeiten, die von den Kindern der musikalischen Grundausbildung dargestellt wurden.

Neben spielerisch bewegten Momenten gab es aber auch das hartherzige Einmauern, welches die Bauarbeiter aus dem Kinderchor mit militärischer Strenge demonstrierten. Und manchmal ist das Leben kalt und eisig. Mit ausdrucksstarken Kostümen, Gesten und Tänzen wurden Schnee, Hagel, Frost und Wind präsentiert. Es brauchte dann verschiedene zarte Versuche von außen, um wieder auftauen zu können. Diese Anrufe des Lebens wurden leicht und grazil von Mia Leisentritt als Schmetterling und Lilly Marquardt als Frühlingsvogel getanzt. Der große Applaus am Ende der Vorstellungen bestätigte, wie bereichernd es ist, Lebensphilosophie als Erzählung zu erleben. Mit anderen Worten: Alte Märchen? Ja bitte!

Die Mitwirkenden waren: Erzählerinnen: Samira Beuerlein, Alina Feustel, Emilia Holzause; Riese: Nick Naumann; kleiner Junge: Jakob Maier; Frost: Hannah Mühlbauer, Alexander Schuster; Hagel: Stella Grieshaber, Juliana Hirt; Schnee :Annalena Schneider, Angeline Tschiggfrey; Nordwind: Hanna Erlwein, Anika Schneider; Hänfling: Lilly Marquardt; Bauarbeiter: Marlon Nikolaus, Jonas Metz, Felix Mühlbauer, Nils Naumann, Veit Nüßlein, Luca Tschiggfrey, David Wacker; Schmetterling: Mia Leisentritt; Kinder: Anna-Lena Achtziger, Jule Doster, Lilly Heurung, Emilia Jäger, Nele Metz, Lisamarie Mühlbauer, Paulina Reinwand, Simon Wahl, Patrizia Wolf, Lenya Zösch, Sera Zösch; Blumen: Sophia Beck, Mia-Sophia Diehm, Elias Düring, Emilia Kraft, Luna Koslovsky, Emily May, Jonathan Wolf, Katharina Zimmer; Percussion: Norbert Weinhold; Querflöte: Maja Wöhrl; Piano: Anna-Lena Hülbis, Luis Sauer.

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