Zeil am Main
Investition

Das Herz wohnt noch in Franken

Roland und Ilona Doster haben das einstige Kuhn-Anwesen in Zeil nahe des Marktplatzes bereits vor 20 Jahren gekauft. Bald ist es komplett saniert. Die private Maßnahme ist ein Beispiel dafür, wie wichtig Bürgerengagement für das Leben einer Stadt ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
Es war ein schöner Moment für Roland und Ilona Doster, als die Maria frisch saniert wieder an ihren Platz am Haus kam. Es ist die Originalfigur
Es war ein schöner Moment für Roland und Ilona Doster, als die Maria frisch saniert wieder an ihren Platz am Haus kam. Es ist die Originalfigur
+24 Bilder
Roland Doster ist Individualist und Weltbürger, seine Gattin Ilona nicht minder. Die beiden Zeiler haben die Welt bereist, leben in der Schweiz, angesichts deren wunderbarer Natur Roland Doster ins Schwärmen gerät - und doch zieht es sie in ihr Zeil am Main zurück. Hier liegen ihre Wurzeln, sagt Roland Doster, und dem Familienchef ist es ein Anliegen, dass seine Kinder und Kindeskinder das auch erkennen und schätzen lernen. Denn "nirgendwo ist es so schön wie in Franken", sagt Roland Doster, und im Grunde meint er Zeil am Main.

Tiefe Verbundenheit zur Heimat

Es ist tiefe Heimatverbundenheit, aber auch Pragmatismus, denn hier sind die Wege kurz zu Arzt, Markt, Bäcker oder Metzger. Der heute 74-Jährige hat sein Projekt intensiv und zäh über Jahrzehnte verfolgt: Als das 1984 in die Schweiz ausgewanderte Ehepaar gelesen hatte, das Kuhn-Haus wäre zu verkaufen, erzählt Ilona Doster, da waren sie sich einig, "wenn wir nicht in der Schweiz wären, das Haus würden wir kaufen!" In einer Spontanaktion taten es die Dosters 1993 tatsächlich, und bereuten es bald darauf fast ein wenig, denn irgendwie war alles ganz schön kompliziert. Roland Doster knobelte über Jahre an Varianten und Ideen, wie dieses Haus sinnvoll und kostengünstig zu renovieren - und auch wieder zu verkaufen wäre, teilweise gingen seine Visionen weit über das hinaus, was Zeil akzeptieren wollte und konnte.

Das passende Konzept

"Vielleicht hatte das auch sein Gutes", bilanziert Doster, denn das jetzige Konzept mit drei hochwertigen, per Aufzug bequem erreichbaren Wohnungen, Balkonen und Garten passt, wie er überzeugt ist. In der mittleren Wohnung will Familie Doster ihr Domizil aufschlagen, sollen die Kinder Armin und Gaby und ihre Familien mit den Enkeln Christian und Franziska immer einen Platz finden, wie sich die Stammeltern wünschen.
Mit Sachverstand und Liebe hat Roland Doster, der einst in Zeil mit seiner Frau ein Hoch- und Tiefbau-Planungsbüro mit 20 Angestellten betrieben hat, sich diesem stadtbildprägenden Haus gewidmet, es mit natürlichen Materialien sanieren lassen. Die Wände sind 60 und auch 80 Zentimeter dick, die Böden verliefen über mehrere Ebenen - Indiz für etliche Bauphasen, in denen das Haus zu dem wurde, was es ist; sogar doppelte Sandsteinmauern wurden aufgefüllt. Der Hauptbau zur Hauptstraße hin, er steht auf einem mächtigen trockenen Kellergewölbe, entstand 1587, wie ein Eckstein am Adlergässchen verkündet; nach hinten hin wurde immer weiter angebaut. Die barocke Frontseite folgte 1731. Diese Zahl steht auf dem dekorativen Türsturz, der fachgerecht restauriert wurde.
Das gut isolierte und schallgedämmte Haus wird mit Strahlungswärme (Infrarot) geheizt, zwar per Strom, jedoch sparsam, sauber und somit zukunftsweisend. Das neue Dach wurde als Walmdach sogar nach hinten hin stilgerecht ergänzt - wie sich überhaupt Altes und Modernes ineinander fügen. Es war ein Ringen mit den Institutionen, Roland Doster war angesichts von immer neuen Forderungen wohl mehr als einmal so weit: "Wenn das jetzt wirklich durchgesetzt werden soll, dann ist es gestorben. Da schmeiß ich hin." Das Ergebnis - nach all den Kämpfen - kann sich sehen lassen. Mit der Marienfigur, dem Original, die nun wieder die Stirnseite des Hauses ziert, und die die Dosters farbig fassen ließen, schließt sich ihr ganz persönlicher Kreis. Denn das Paar lernte sich einst in den 1950er Jahren im guten alten Zeil kennen - bei der Marienandacht.


"Jünglings-Haus" diente einst sogar als Ersatz-Rathaus


Wer das alte Kuhn-Haus vis a vis des Marktplatzes einst baute, das bleibt wohl im Dunkel der Geschichte. Der Stadtchronist Ludwig Leisentritt hat auf unsere Bitte hin nachgeschaut, was in den Archiven über dieses Anwesen so zu finden war: Zeil ist von 1822 bis 1927 schnell gewachsen, so brauchte man das Rathaus (und nicht nur dieses) als Schulgebäude. Dafür zog die Stadtverwaltung um. Ihr "Exil" verbrachte sie im damaligen Jüngling-Haus - das heutige Haus der Familie Doster.
Die Akten zeigen: Sämtliche Vorbesitzer seit etwa 1800 waren vermögend. Der Revierförster Johann Mackert wohnt hier über zwei Jahrzehnte. Er macht 1827 eine Stiftung zu Gunsten armer Kinder. Die Zinsen fließen in warme Unterkleidung. 1827 taucht Nikolaus Kiel auf. Er betreibt eine Bäckerei und ist rund 20 Jahre als Gemeindebevollmächtigter im Stadtrat. 1843 übernimmt das Anwesen Johann Jüngling, ebenfalls Mitglied des Ratsgremiums. Über Jahrzehnte betreibt er eine Bäckerei.
Sein Sohn Franz ist von 1887 bis 1915 als Landwirt und Ökonom tätig. Ihm folgt 1925 der Metzger Gustav Neubauer. Zum Leidwesen seiner vier anderen Kollegen verwöhnt sein Geselle aus Berlin die Zeiler mit delikaten Wurstsorten. Seine Pastetenwurst duftet selbst durch die alten Archive. 1932 übernimmt der aus Mellrichstadt stammende Gustav Kuhnn das Haus. Seine Metzgereinrichtung gilt als eine der modernsten im Umkreis. Per Motorpumpe gelangt das Wasser aus dem hauseigenen Brunnen in Haushalt und Metzgerei. Zur Einrichtung gehört eine riesige Transmission, die als Antriebsquelle bis in die Wurstküche reicht. Im Gegensatz zu den anderen Metzgern, die im Winter auf der gefrorenen Altach Eis für die Sommerkühlung sägen müssen, hat Kuhn ein ammoniakbe triebenes Kühlhaus.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren