Ein Bayer stand 15 Jahre lang an der Spitze des Deutschen Bauernverbands. Sein Einfluss bei agrarpolitischen Themen war groß. Jetzt gibt der 63-jährige Gerd Sonnleitner sein Präsidentenamt aus Altersgründen ab. Und sein Nachfolger wird kein Bayer sein. Aller Voraussicht nach führt künftig ein Baden-Württemberger den Verband: Joachim Rukwied, 50 Jahre alt, will sich heute beim Bauerntag in Fürstenfeldbruck zum DBV-Chef wählen lassen, es gibt keine weiteren Bewerber. Es sei denn, jemand kandidiert spontan.


Keine Bedenken


"Haben wir alles schon gehabt", sagt Klaus Merkel, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Landkreis Haßberge. Bevor die Wahl zu Ende ist, will er sich nicht festlegen, wer der neue Präsident sein wird. Läuft alles normal, heißt er Joachim Rukwied. Für Merkel kein Problem, aber er gibt zu: "Die optimale Konstellation war natürlich für uns ein bayerischer Präsident, der auch deutscher Präsident ist." Wenn er von Sonnleitner spricht, dann nur in höchsten Tönen: Seine Politik war "äußerst erfolgreich", seine Kontakte seien hervorragend gewesen und er habe bei den Entscheidungsträgern immer "gutes Gehör" gefunden. Für den voraussichtlichen Nachfolger Rukwied wünscht er sich, dass es diesem gelingt, an Sonnleitners Erfolge anzuknüpfen. Dafür sieht Klaus Merkel gute Voraussetzungen: "Er ist ja nicht unerfahren. Die Kontakte sind vorhanden." Nun komme es darauf an, wie er das persönlich schafft. "Bedenken habe ich nicht", sagt Merkel. Rukwied ist seit 2006 Präsident des Baden-Württembergischen Bauernverbands und hat bereits jahrelang in der Führungsriege des DBV mitgewirkt.


Unter Druck


Bei Klaus Merkel genießt der neue Präsident also erstmal einen Vertrauensvorsprung. Abwarten und beobachten lautet die Devise des 46-jährigen Landwirts aus Haßfurt. "In nächster Zeit stehen schwerwiegende und richtungweisende Entscheidungen an. Da braucht man ein glückliches Händchen", sieht Merkel den neuen DBV-Chef zwar unter Druck, traut ihm aber auch einiges zu. Mit richtungweisend meint Merkel zum Beispiel die anstehenden Entscheidungen zum Thema "Greening". "Greening" bezeichnet einen Teilbereich der EU-Agrarpolitik, bei der die ökologischen Bedingungen verbessert und die Umwelt geschützt werden sollen. Die Bauern sollen demnach sieben Prozent ihrer Äcker unbewirtschaftet lassen. "Ökologische Ausgleichsflächen" nennt das die EU, "Stilllegung" nennt es Klaus Merkel. Inakzeptabel findet er die Pläne aus Brüssel und er hofft, dass der DBV viel Einfluss nehmen wird, um sie zu verhindern. "Wir genügen bereits höchsten ökologischen Ansprüchen und betreiben Landwirtschaft auf hohem Niveau", sagt er über deutsche Bauern. Es stimme, dass es eine intensive Bewirtschaftung der Flächen gebe, aber auch eine verantwortungsvolle. Sieben Prozent Ausgleichsflächen seien enorm viel, wenn man es auf Europa hochrechne. Auf diesen Flächen könnte für 23 Millionen Menschen Nahrung produziert werden, sagt Merkel. Eine Still legung "ist nicht zu verantworten". Gegen Umweltbewusstsein hat er nichts einzuwenden, jedoch begrüßt er nur Maßnahmen, die die Bauern freiwillig umsetzen könnten: "Die Akzeptanz bei Landwirten ist da schon immer sehr hoch gewesen. Der Zwang von Oben dagegen wird immer zu Widerstand führen", meint Klaus Merkel. Joachim Rukwied jedenfalls wird die Diskussion um die EU-Naturschutzpläne verfolgt haben. Es gilt als sicher, dass er das Thema auf der Agenda hat.


Strengere Tierschutzregeln


Ein weiterer Punkt, der die Bauern in Deutschland bewegt, ist eine Reform der Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) für strengere Tierschutzregeln. Eine Debatte, die die Bauern angesichts des Verbraucherverhaltens etwa in Bezug auf Massentierhaltung ohnehin mit großem Interesse verfolgen. Aber nicht alles, was Aigners Pläne vorsehen, finden die Bauern auch gut. Dass etwa junge Ferkel, die ohne Betäubung kastriert werden, während der Prozedur stark leiden, sieht Kreisobmann Merkel anders: "Das ist keine Tierquälerei."
Sein Fachgebiet sei zwar der Ackerbau, aber auch mit der Tierhaltung habe er während seiner Ausbildung Erfahrung gemacht, unter anderem hat er dabei Ferkel kastriert. "Das einzige, was sie spüren, ist der Schnitt", sagt er. Vergleichbar sei das, wenn man sich mit einem Küchenmesser in den Finger schneide. "Das Ferkel beruhigt sich wieder ganz schnell." Ein guter Bauer behandle seine Tiere nicht schlecht, denn schließlich erhofft er sich gute Qualität und einen hohen Ertrag. Der DBV dazu: Die Landwirte wollen einen Kodex für die Nutztierhaltung voranbringen. Freiwilligkeit statt Zwang scheint ihnen auch hier das Allerliebste.