Haßfurt
Kultur

"Apfelbäume können warme Tage über 20 Grad zählen"

Der bekannte Förster und Autor Peter Wohlleben erzählte in Haßfurt vor über 400 Besuchern von seinen Vorstellungen und seinem Wissen zur Natur.
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Vor 420 Zuhörern  in Haßfurt sprach der Autor und  Förster Peter Wohlleben über das Leben in der Natur.  Christian Licha
Vor 420 Zuhörern in Haßfurt sprach der Autor und Förster Peter Wohlleben über das Leben in der Natur. Christian Licha
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Einen wahren Menschenansturm erlebte der "Silberfisch", das Ganztagesbetreuungsgebäude am Haßfurter Schulzentrum, am Donnerstagabend. Stolze 420 Zuhörer fanden den Weg zum Vortrag des renommierten Försters und Autors Peter Wohlleben, der von der Haßfurter Buchhandlung Osiander in Kooperation mit dem Bibliotheks- und Informationszentrum (Biz), dem Umweltbildungszentrum Oberaurach (Ubiz) und der Volkshochschule Landkreis Haßberge veranstaltet wurde.

"Das geheime Leben der Bäume" ist der Titel des Buches, das 2015 auf weltweites Interesse stieß. Im Veröffentlichungsjahr sowie auch noch 2016 hielt sich Peter Wohlleben damit an der Spitze der Bestsellerlisten und auch heute noch ist es eines der beliebtesten Sachbücher. Der 54-Jährige aus der Eifel war 23 Jahre im Staatsdienst tätig, ehe er wegen seiner Kritik an den klassischen Bewirtschaftungsmethoden das Beamtenverhältnis im Jahre 2006 kündigte. Nach einer Zwischenstation als angestellter Förster bei einer Gemeinde konzentriert sich Wohlleben heute auf seine Anfang 2017 gegründete Waldakademie. Dort führt er Veranstaltungen, Seminare und Wanderungen durch und bewirtschaftet und betreut Forstbetriebe.

In seinem kurzweiligen und humorvoll gestalteten Vortrag erzählte der "Baumversteher" allerlei interessante Dinge, die die Zuhörer faszinierten. Der Forstingenieur schilderte seine eigenen Naturerfahrungen und die Schlüsse, die er daraus zieht und mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt. So bestätigte ihm ein Experte beim Besuch seiner Waldakademie, dass Bäume, ähnlich wie Menschen, auch schmerzunterdrückende Substanzen haben. Auch reagieren Bäume als Einheit, wobei der wichtigste Teil unterirdisch ist. Im Winter sieht es aus, als ob die Bäume schlafen, jedoch ist unter der Erde "volle Pulle" etwas los. Ebenso kommunizieren Bäume miteinander, und zwar über Duftstoffe, die Wurzeln und Pilzgeflechte. Zum Beispiel bei einem Borkenkäferbefall sendet ein Baum Signale aus, um seine Artgenossen zu warnen und aufzufordern, mehr Harz zu produzieren.

Verblüfft war das Publikum auch, als Wohlleben berichtete: "Apfelbäume können warme Tage über 20 Grad zählen." Erst wenn eine bestimmte Anzahl erreicht ist, fängt der Obstbaum an auszutreiben. Genauso können sich Bäume, die den trockenen Sommer 2018 das erste Mal miterlebt hatten, sich daran erinnern, und werden in Zukunft ihr Wasser besser einteilen. Dies habe zur Folge, dass sie ihr Leben lang langsamer wachsen, so der Baumexperte.

Auch in der Tierwelt gibt es nahezu unvorstellbare Sachen. "Eichelhäher merken sich bis zu 10 000 Orte, an denen sie Vorräte verstecken. Wenn sie sich beobachtet fühlen, wählen sie lieber ein anderes Versteck, an dem es sicherer ist", beschrieb der Buchautor eindrucksvoll. Und auch Krähen können bewusst täuschen. Wenn ihr Weibchen in der Nähe ist, vertreiben sie demonstrativ Konkurrentinnen. Sind sie aber alleine, wird jede Krähe angebalzt.

"Bäume können nicht nur hell und dunkel unterscheiden, sondern richtig sehen." Dieser Aussage wird Wohlleben in seinem nächsten Buch nachgehen, wie er ankündigte. Der Autor, der schon sehr viel Erfahrung mit öffentlichen Auftritten hat, ist auch im Fernsehen präsent. Als Natur- und Wanderführer erkundet Peter Wohlleben in der Serie "Der mit dem Wald spricht - Unterwegs mit Peter Wohlleben" verschiedene Waldgebiete im Südwesten Deutschlands. Die ersten sechs Folgen sendete der Südwestrundfunk im vergangenen Herbst.

Auch im Ausland ist der anerkannte Experte sehr gefragt. Unter anderem stehen Vorträge in Frankreich und Kanada auf seinem Programm. Deshalb beschränkt er auch seine Auftritte in Deutschland auf sechs Stück pro Jahr.

Die Filialleiterin Stefanie Schleicher von der Osiander-Buchhandlung freute sich umso mehr, dass sie den Zuschlag für diese Veranstaltung bekommen hatte: "Fünf Jahre haben wir uns immer wieder beworben und jetzt hat es endlich geklappt." Als kleines Dankeschön an Wohlleben überreichte Schleicher eine Urkunde, mit der Osiander bescheinigte, sich mit 25 Quadratmetern an seinem Urwaldprojekt zu beteiligen. Bei dieser Aktion kann man helfen, Buchenwälder zu retten und eine Fläche für 50 Jahre pachten.

Eine besondere Beziehung zu der hiesigen Region hat Peter Wohlleben in zweifacher Hinsicht. Zum einen hatte seiner Urgroßmutter vor langer Zeit einmal das Hotel "Goldner Stern" in Königsberg gehört und zum anderen steht er als Ehrenmitglied dem Verein Nationalpark Steigerwald sehr nahe. "Die Buchenwälder des Steigerwaldes gehören zu meinen Lieblingswäldern", sagte der Förster und freute sich, dass auch eine Abordnung des Vereins mit dem Zweiten Vorsitzenden Florian Tully aus Gerolzhofen an der Spitze in Haßfurt war. "Die Arbeit der Staatsforsten ist nicht schlecht, aber es muss ein großes Schutzgebiet geben, das aus der Nutzung genommen wird", stellte Tully klar und freute sich mit Wohlleben, einen prominenten Mitstreiter an seiner Seite zu haben, der den Verein fördert.

Nach seinem Vortrag nahm sich Wohlleben sehr viel Zeit für ein persönliches Gespräch mit seinen Lesern und für die Signatur seiner Bücher. "Das war ein klasse Abend", freute sich auch zum Beispiel Rudi Ruß. Der Sander bekam die Eintrittskarte als Weihnachtsgeschenk und interessiert sich sehr für die Natur und deren Zukunft. "Ein richtig oder falsch gibt es nicht, aber die Natur muss man leben lassen", resümierte der begeisterte Zuhörer.

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