Ebern
Bleiberecht

"Angst, nur Angst"

Der Familie von Olha und Leonid Hurko droht die Abschiebung. Dabei sind sie in Ebern integriert und fest beschäftigt. Die Stadt engagiert sich für sie.
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Familie Hurko in ihrem Garten: Das Lachen fällt nicht leicht bei dem Gedanken, dass das Damoklesschwert der Abschiebung über ihnen schwebt. Das Foto zeigt hinten von links Seva, Rostik, Leonid und vorne von links Olha und Amina. Helmut Will
Familie Hurko in ihrem Garten: Das Lachen fällt nicht leicht bei dem Gedanken, dass das Damoklesschwert der Abschiebung über ihnen schwebt. Das Foto zeigt hinten von links Seva, Rostik, Leonid und vorne von links Olha und Amina. Helmut Will
Seit Dezember 2014 lebt der 34-jährige Leonid Hurko mit seiner Familie in Ebern. Zu dieser zählen seine Frau Olha, 34 Jahre und drei Kinder. Als Ein-Euro-Jobber hat Leonid im Bauhof der Stadt Ebern begonnen, aber aufgrund seiner guten Leistungen und seines Engagements wurde er nach 18 Monaten beim Bauhof in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. Nun sollen er und seine Familie abgeschoben werden. Das hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschieden.

Welche Gefühle bewegen die Familie? Mutter Olha hat die Frage nicht gleich verstanden. Sie blickt ihren elfjährigen Sohn Rostik fragend an, der die Mittelschule in Ebern besucht und perfekt deutsch spricht. Dieser übersetzt die Frage, worauf sich die Miene von Mama Olha verfinstert: "Angst, nur Angst" sagt sie.


"Wir brauchen ihn"

Diese ist auch im Gesicht ihres Sohnes Seva zu sehen, der neun Jahre alt ist, während sein Bruder Rostik angespannt schaut und die kleine fünfjährige Schwester Amina unbekümmert drein blickt. In seiner ukrainischen Heimat, er kommt aus der Stadt Chereson, die 295 500 Einwohner hat, hatte Leonid eine Baufirma, in der er vier Mitarbeiter beschäftigte. Er hat sich an seinem Arbeitsplatz im Bauhof Ebern durch seine kollegiale Art, sein Können und Wissen, Achtung verschafft, ist dort sehr beliebt.

"Er ist zu gebrauchen und wir brauchen ihn", sind sich Bürgermeister Jürgen Hennemann und Bauhofleiter Christian Raehse einig. Er sei ein "Musterbeispiel für Integration" sagen Hennemann und Raehse.

Mutter Olha hat in der Ukraine sechs Jahre Jura studiert und auch schon als Referendarin gearbeitet. "Ich hätte noch Prüfungen ablegen müssen, um Volljuristin zu sein", sagt sie. Sie fand bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Ebern eine Arbeit in der Mittagsbetreuung in der Mensa der Grundschule.


Kinder fanden schnell Anschluss

Der elfjährige Rostik besuchte gleich, nachdem sie in Deutschland waren, die Grundschule, jetzt ist er in der Mittelschule. Seine Geschwister, Seva, jetzt neun Jahre, und Amina, jetzt fünf Jahre, besuchten den Kindergarten bzw. Seva jetzt die Grundschule. Alle fanden sich in ihrer Umgebung und im Schul- oder Kindergartenumfeld schnell zurecht. Auch Freunde haben die Kinder der Familie Hulko gefunden. Rostik ist ein aufgeweckter Junge, der dem Gespräch mit seinen Eltern aufmerksam folgt.

Was wäre dein Wunsch Rostik? "Dass wir hier bleiben dürfen. Hier kann man vieles machen und sich wohl fühlen", sagt er. Wenn er zurück in die Ukraine müsste hätte er ein Problem. Welches? "Ich kann nur russisch und jetzt deutsch, aber nicht ukrainisch sprechen", sagt er nachdenklich. Vermisst Rostik seine ehemaligen Freunde in der Ukraine? Sein Blick wandert zu seinem Vater Leonid und dann sagt er: "Na ja, wenn ich sie mal besuchen könnte, wäre das schön, aber eigentlich habe ich sie schon vergessen." Karatesport hat er in der Ukraine betrieben sagt er und in Deutschland hat er einige Zeit beim SV Heubach Fußball gespielt. Angst, abgeschoben zu werden, hat auch Rostik. "Es dauert halt alles schon so lange und man weiß nicht, wie es noch endet", sagt er mit leiser Stimme.


Petitionen blieben erfolglos

Alles passt eigentlich. Leonid und seine Familie könnten zufrieden sein wenn nicht das Damoklesschwert der Abschiebung über ihnen schweben würde. Ihre Hoffnung auf ein neues Leben in Deutschland scheint zu zerplatzen wie eine Seifenblase. Die Familie weiß, dass auch andere Familien betroffen sind. Wie sehen Leonid und Ohla die Probleme anderer Migranten, die nicht auf eine Unterstützung wie sie zählen können? Das Ehepaar sieht sich an, weiß um die Probleme anderer. "Ja, sagt Leonid, ich weiß schon, das Gerichte entscheiden", dann stockt er und sagt: "Ich hoffe, wir haben Glück und können bleiben. Ich danke allen, die uns unterstützen."

Einiges hat Bauhofleiter Christian Raehse, dem Leonid als Arbeitskollege ans Herz gewachsen ist, unternommen. Er hat sich an Bundes- und Landespolitiker, Kommunalpolitiker und Flüchtlingsorganisationen mit der Bitte um Unterstützung für ein Bleiberecht der Familie gewandt. Nach einer Anhörung im November 2017 vor dem Verwaltungsgericht Würzburg erfolgte eine Ablehnung.

Leonid lehnt sich zurück und sagt: "In der Ukraine droht mir möglicherweise wegen Fahnenflucht Gefängnis." Er erzählt, dass sich die Polizei in der Ukraine schon bei dortigen Bekannten nach ihm erkundigt hat. Auch eine weitere Einzelfallentscheidung vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof war erfolglos. Der Beschluss lautet auf Abschiebung, auf dem Asylweg gibt es kein Bleiberecht.


Schreiben an Söder

Ärgerlich und traurig für die Familie Hurko, unverständlich für alle, die mit ihr zu tun haben, die sie schätzen. Nichts hat die Familie unterlassen, in Deutschland fest Fuß zu fassen. Olha könnte ab September eine Ausbildungsstätte als Hauswirtschafterin auf einem Bauernhof antreten, aber dazu fehlt ihr die Erlaubnis der Zentralen Ausländerbehörde in Schweinfurt, mit Hinweis auf die Ablehnung des Asylantrags. Sind die Würfel gefallen?

Bürgermeister Jürgen Hennemann will nichts unversucht lassen, hat sich persönlich mit einem Brief an den Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gewandt, ihm die Situation ausführlich geschildert, wie er mit einem Brief an unsere Redaktion darlegte. "Wünschenswert wäre, wenn über das Visum der Familie Hurko in Deutschland entschieden werden könnte, um der Familie eine Ausreise und Wiedereinreise zu ersparen und um sicherzustellen, dass der Familie Hurko eine Wiederausreise aus der Ukraine gestattet wird", schreibt Hennemann in seinem Brief an Söder. Auch wenn Asyl nicht greifen könne, müsse man Wege finden solche Menschen behalten zu können, sagt der Eberner Bürgermeister.

Für die Familie gibt es zahlreiche Unterstützer. Christian Raehse und Bürgermeister Jürgen Hennemann wollen noch lange nicht aufgeben. Sie werden alles versuchen, damit Deutschland für ihren hervorragenden Arbeiter Leonid und seiner Familie zur Heimat werden kann.
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