Eltmann

An Heiligabend nicht zu Hause: So feiern Kinder und Jugendliche ohne Eltern Weihnachten in Franken

Traurige Kinderaugen sind hier Fehlanzeige: In den Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe Sankt Josef in Eltmann wird Weihnachten gleich mehrfach gefeiert. Ein besonderes Geschenke-Ritual darf dabei nicht fehlen.
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Julian, Chantale, Leonie und Susanne (im Uhrzeigersinn) wissen, worauf es in der Eltmanner Wohngruppe zur Weihnachtszeit ankommt: Zusammenhalt. Foto: Teresa Hirschberg
Julian, Chantale, Leonie und Susanne (im Uhrzeigersinn) wissen, worauf es in der Eltmanner Wohngruppe zur Weihnachtszeit ankommt: Zusammenhalt. Foto: Teresa Hirschberg
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An Heiligabend vor sieben Jahren ging es Chantale gar nicht prickelnd. Das erste Weihnachten ohne Eltern und Geschwister. "Da kannst du nicht so einfach sagen: Schwamm drüber!" Diesmal wird die 15-Jährige wieder zuhause feiern. Der zwölfjährigen Susanne steht das erste Weihnachtsfest ohne ihre Familie dagegen noch bevor.

Um das hölzerne Treppengeländer im Heimbereich der Kinder- und Jugendhilfe Sankt Josef winden sich tannengrüne Girlanden. An knarzenden Dielenbrettern vorbei und Chantale hinterher in den zweiten Stock, dem Reich der Mädchen. "Nach jedem Zeltlager suchen wir neue Fotos aus und hängen sie hier auf", erzählt die 15-Jährige, als sie vor einer großen Fotocollage im Flur stehen bleibt.

Verfrühte Weihnachten im Kinderheim

Zu zwölft leben sie derzeit in der Wohngruppe 2, einem großen Bauernhaus in Eltmann, nur wenige Gehminuten vom Hauptgebäude entfernt. Sieben von ihnen werden auch über Weihnachten hier bleiben. "Wir verlegen den 24. Dezember immer vor", erklärt Chantale zurück am großen Esstisch. Direkt an Heiligabend feiern die einzelnen Wohngruppen separat, fügt Heimleiter Martin Gehring an. "Es ist heimelig und eigentlich genauso, wie man es von zuhause kennt."

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Außer der Wohneinheit in der Landrichter-Kummer-Straße gibt es noch drei weitere stationäre Gruppen. Zwischen sechs und 17 Jahre alt sind die Bewohner, manche von ihnen verbringen ihre gesamte Kindheit hier. Bevor sich ein Teil der Kinder und Jugendlichen kurz vor Heiligabend nach Hause verabschiedet, feiern alle Wohngruppen gemeinsam mit den Mitarbeitern und der Heimleitung die große Hausweihnacht. Eben wie eine "riesengroße Familie", beschreibt Gehring das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Keine Zickereien bei Hausweihnacht

Die Bewohner gehen zusammen essen und besuchen den Gottesdienst. Beim traditionellen Jahresrückblick in der Eltmanner Stadthalle lassen sie anschließend die Ausflüge und Projekte des Jahres bei einer Diaschau Revue passieren. Gehrings Zeltlager-Schnappschüsse sind dabei besonders gefürchtet: "Die sind bestimmt richtig peinlich geworden!", prophezeit Chantale und lacht. Heimweh sei an diesem Abend Fehlanzeige: Bei der Hausweihnacht herrsche immer ausgelassene Stimmung. "Wir lachen uns alle kaputt bei den Zeltlager-Bildern", beschreibt die 15-Jährige. "Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand auf der Weihnachtsfeier angezickt hätte."

Nach dem Krippenspiel und Chorauftritt suchen die Wohneinheiten ihre Geschenke unter dem großen Weihnachtsbaum in der Stadthalle. Jede Gruppe hat vorher diskutiert, was sie sich in diesem Jahr von der Heimleitung wünscht, der jeweilige Gruppensprecher leitet die Entscheidung dann an Gehring weiter. Zuletzt gab es einen Kicker-Tisch - eben etwas, was die Gruppe später gemeinsam nutzen kann. "Danach bringen wir das Geschenk nach Hause und packen es am Esstisch aus", erzählt Chantale. "Das haltet ihr so lange aus?", fragt Mitarbeiterin Gaby Schmitt verwundert. "Das ist unser Ritual", betont Chantal mit ernstem Blick. "Es gab noch nie was anderes."

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Die Eltern der Kinder sind an diesem Abend nicht eingeladen. "Bei der Hausweihnacht ist kein Besuch erwünscht", erklärt Gehring. "Wenn Eltern dazukommen würden, wären das für die anderen Kinder Fremde. Das würde nicht passen." Für die sieben Kinder, die Heiligabend im Heim verbringen, gibt es noch eine zweite, kleinere Variante der Hausweihnacht: gemeinsames Kochen und Essen, einen Gottesdienstbesuch, die zappelige Vorfreude aufs Christkind und schließlich die Bescherung. "Danach setzen wir uns meistens zusammen und schauen noch ein paar Weihnachtsfilme", beschreibt Chantale. Einer der Mitarbeiter bleibt auch an Heiligabend bei den Kindern.

Gefühle kommen hoch

In der Vorweihnachtszeit werde es im Kinderheim immer deutlich emotionaler. "Es ist viel los: Krippenspiel, Nikolausbesuch, dekorieren und basteln", zählt Schmitt auf. "Und an Heiligabend sind die Kinder hibbelig, die kleinen ganz besonders." Bei manchen von ihnen sei die Sehnsucht nach Zuhause dennoch zu spüren. "Wir wollen die Familie ja nicht ersetzen oder bessere Eltern sein", betont Gehring. "Aber die meisten Kinder haben hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden." Einen allzu kumpelhaften Umgang zwischen dem Personal und den Kindern gebe es dennoch nicht. "Diese Art von Nähe ist es nicht, sondern eher eine mentale", differenziert Gehring.

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"In der Zeit vor den Weihnachtsferien versuchen wir immer, uns besonders zu zeigen, dass wir uns lieb haben", sagt Chantale. "Natürlich gibt es auch ein paar, die es nicht so gut wegstecken. Aber wir wissen, dass wir füreinander da sind." Fließen doch mal Tränen, bauen sie sich gegenseitig auf. "Wir sind einfach dankbar, dass wir hier mit unserer zweiten Familie leben können", bringt es die 15-Jährige auf den Punkt. Susanne ist erst kurz vor den Sommerferien ins Heim gezogen. Bisher hat sie Weihnachten immer daheim mit ihren Geschwistern verbracht. Im Gegensatz zu ihr dürfe ihre Schwester heute bei den Eltern feiern, erzählt die Zwölfjährige leise. Doch dann kehrt das Lächeln zurück auf ihr Gesicht: "Aber mir geht's hier gut!"

4 stationäre Wohngruppen gibt es in Eltmann: zwei sozialpädagogische, eine heilpädagogische und eine therapeutische; zusätzlich die Inobhutnahme-Stelle mit zwei Plätzen.

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