Ebern
Gemeindediener

Amtspost wird gepostet und von Post zugestellt

Die Stadt Ebern setzt bei der Information der Bürger in den Dörfern aufs Internet und andere Dienste. Die Amtsboten haben damit ihre Schuldigkeit getan und können gehen.
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Finstere Mienen, bisweilen bedröppelt: Die Gemeindediener sollten sich erklären, ob sie künftig für Spezialeinsätze noch zur Verfügung stehen.
Finstere Mienen, bisweilen bedröppelt: Die Gemeindediener sollten sich erklären, ob sie künftig für Spezialeinsätze noch zur Verfügung stehen.
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"Die da drinnen werden ihr blaues Wunder schon noch erleben." Eben hat Hilmar Becht seine letzte Amtsboten-Post in der Stadtverwaltung abgeholt, die er mit "Die da drinnen" gemeint hat. Und als ob es eines Beweises bedurft hätte, zieht der Reutersbrunner Gemeindediener aus den Briefen, die in seinem Fach hinterlegt worden waren, einen heraus, der - von der Verwaltung - falsch adressiert wurde. "Diesen Namen gibt es bei uns im Dorf gar nicht. Bei so einer Anschrift werden viele Postboten scheitern und der Brief kommt als unzustellbar wieder zurück. Ich weiß, für wen er bestimmt ist."

Becht ist einer der 16 Amtsboten, die am Mittwochnachmittag mit einem Geschenk, salbungsvollen Worten von Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) bei Kaffee, Gebäck und Faschingskrapfen von ihren Aufgaben entbunden wurden.
Dazu gab es einen warmen Händedruck, den Plunder rührte kaum jemand an.

Über die Entlassung, die der Bürgermeister nicht als solche bezeichnen will, ist nicht nur der einstige Ortssprecher von Reutersbrunn enttäuscht. "Die da drinnen haben ja keine Ahnung, was wir ihnen an Arbeit abgenommen haben." Damit meint er nicht nur das Austragen des Amtsblattes, das Bestücken der Amtstafeln und das Zustellen der Behördenpost. "Was wir zwischen Bürger und Verwaltung vermittelt haben, ahnen die da drinnen doch gar nicht."

Viele Aufgaben weggefallen?

Und wieder folgte der Beweis prompt: Sprach der Bürgermeister bei der Verabschiedung den Wegfall vieler Aufgaben durch Internet und andere Umstellungen an, so korrigierte Adolf Mahr aus Vorbach, mit 56 Dienstjahren auf dem Buckel der "Stubenälteste", die Vorlage der Verwaltung: "Die Viehzählungen haben wir immer noch gemacht."

So manche Frage wurde im unmittelbaren Bürgergespräch im Vorfeld geklärt, oder direkt an die zuständigen Stellen weitergeleitet, erzählt Hilmar Becht. "Wir alle haben für unsere Leute so manche Tätigkeit nebenher übernommen." Es wurden viele "halbamtlichen" Anfrage weitergegeben.

Und selbst als Dorfpolizist waren sie im Einsatz: "Weil wir die Zettel für die Hundesteuer verteilt haben, wussten wir doch sofort, welcher Hund gemeldet ist und welcher nicht", verriet ein Ortssprecher, der nicht genannt werden will, dem Bürgermeister.

"Seit wir in Reutersbrunn kein Wahllokal mehr haben, wurden am Wahlsonntag in meinen privaten Briefkasten noch Stimmzettel eingeworfen, die ich dann am späten Sonntagnachmittag halt noch nach Ebern gefahren habe", beschreibt Hilmar Becht ein ganz neues und aktuelles Problemfeld. Zu dena, da drinnen hat er die Wahlbriefe gebracht.

Dafür gab es am Mittwoch zwar ein Dankeschön, aber die Schlüssel für die Gemeindekästen mussten sie doch abgeben.

Der Bürgermeister führte viele Argumente für das Umdenken innerhalb der Verwaltung an, wobei das Mindestlohngesetz nur eine untergeordnete Rolle gespielt habe. "In den Gremien der Stadt hat es keine strittige Diskussion darüber gegeben", versicherte Hennemann.

Zum 1. Februar erfolgte nun die Umsetzung. "Der Bürgermeister kündigt den Gemeindedienern nicht, wir organisieren die Verteilung und den Informationsfluss nur anders", betonte Hennemann. Das machte Yvonne Greul aus Fischbach stutzig: "Bin ich jetzt gekündigt oder nicht? Ich habe doch einen Vertrag unterschrieben." Etwas kleinlaut wurde darauf verwiesen, dass nach der Feierstunde im Büro nebenan noch "etwas" unterschrieben werden müsse. Der Aufhebungsvertrag.

Dort durften auch die Schlüssel für die Gemeindekästen abgeben werden. Die werden künftig nicht mehr zeitnah bestückt. "Da fährt dann halt einer mal rum", so der Bürgermeister. Für den fristgerechten Aushang diene nur noch die Schautafel vor dem Ämtergebäude in der Rittergasse. Dies hatte der Stadtrat mit seiner neuen Geschäftsordnung festgelegt. Somit könne eine Bekanntmachung auf den Dörfern eine Woche später ausgehängt werden.

Eine der Aufgaben, die weggefallen sind, was Hennemann als "Wandel der Zeit" titulierte, zu denen er auch das Internet zählt. "Die jetzt beschlossenen Veränderungen sind nicht gegen Sie als Personen gerichtet, sondern eine Reaktion auf neue Rahmenbedingungen."

Mehr Verwaltungsaufwand

Das hänge zwar mit dem Mindestlohngesetz und dem Mehraufwand für die Verwaltung durch die Stundenaufzeichnungen zusammen, wäre aber bei der Haushaltsberatung sowieso diskutiert worden, so der Bürgermeister weiter. "Im Durchschnitt fallen für jeden Gemeindediener zwei Briefe pro Woche an." Dafür gebe es von der Post Sondertarife, die zu Einsparungen führen, ebenso wie die Verteilung des Amtsblattes über eine Firma. "Mit allen Nebenkosten spart die Stadt 12 000 Euro. Sie bekleiden zwar ein Ehrenamt, waren aber auch Beschäftigte." Hennemann bot den Amtsboten an, sie bei Sonderaktionen (Austragen des Müllkalenders oder Wahlbenachrichtigungen) einzusetzen.

Die Vergütungen erfolge dann auf der Basis von Stundenabrechnungen. Ansonsten würden solche Aufträge an Ferienarbeiter oder Schüler vergeben. Was wie eine Drohung klang, ebenso wie der Hinweis, dass manche Gemeindediener Teile ihrer Aufgaben gar nicht selbst verrichteten, sondern delegierten. In diesem Zusammenhang fiel der Begriff "Schwarzarbeit".

Auch sieht der Bürgermeister in den Gemeindedienern kein Sprachrohr vor Ort. "Dass da nichts Falsches reininterpretiert wird: Unsere Sprachrohre sind die Ortssprecher, weil das sind die gewählten Vertreter."

Das Angebot, für Einzelaktionen eingesetzt zu werden, nahmen am Mittwoch nur drei der anwesenden zehn Stadtteilbürger an. Sechs waren gar nicht gekommen. Bei der flapsigen Bemerkung, sie könnten die Amtstafeln ehrenamtlich bestücken, wenn sie Spaß daran haben, erfolgte gar keine Reaktion. Viele hatten ihre Schlüssel zur Rückgabe schon in der Hand.


Die einstigen Gemeindediener: Adolf Mahr (Vorbach, 56 Jahre lang), Lydia Hofmann (Unterpreppach, 40), Erwin Giebfried (Fierst, 33) sowie Yvonne Greul (Fischbach, 2), Günther Hümmer (Eyrichshof, 1), Hilmar Becht (Reutersbrunn, 18), Maria Suhl (Neuses, 12), Hedwig Kaffer (Bischwind, 14), Gerlinde Reuter (Frickendorf, 8), Anita Güßbacher (Bramberg, 16).

Nicht gekommen waren: Klaus Barthelmann (Weißenbrunn,5 ), Patrizia Mönch (Heubach, 1), Georg Scharpf (Albersdorf, 10), August Bohley (Jesserndorf, 14), Walburga Rauscher (Eichelberg, 13) und Luise Stubenrauch, Welkendorf, 23).
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