LKR Haßberge
GLEICHBERECHTIGUNG

Ach so, das also ist gerecht?

Die Gewerkschaftler Sandy Koppitz und Helmut Buld geben Einblick in ihre Arbeit, mit der sie vor allem Gerechtigkeit in der Arbeitswelt erreichen wollen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Sandy Koppitz und Helmut Buld (rechts) vom Kreisverband Haßberge des Deutschen Gewerkschaftsbundes machen sich oft Gedanken zum Thema Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Man könnte sagen: Das ist ihr (ehrenamtlicher) Job.  Foto: Andreas Lösch
Sandy Koppitz und Helmut Buld (rechts) vom Kreisverband Haßberge des Deutschen Gewerkschaftsbundes machen sich oft Gedanken zum Thema Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Man könnte sagen: Das ist ihr (ehrenamtlicher) Job. Foto: Andreas Lösch

Unser Wochenthema zum Jahresauftakt ist vielseitig: Gleichberechtigung ist nicht nur ein Ding zwischen Mann und Frau, es betrifft die ganze Gesellschaft und zieht sich durch viele Lebensbereiche. Sandy Koppitz (41 Jahre), Vorsitzender des Kreisverbands Haßberge des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), und sein Stellvertreter Helmut Buld (67 Jahre), sprechen im Interview mit dem Fränkischen Tag über faire Löhne, ungleiche Bildungschancen und warum es aus ihrer Sicht in manchen Betrieben gut läuft und andere nur jammern über gesetzliche Vorgaben wie den Mindestlohn - oder beim Thema Tarif. Fränkischer Tag:Sind wir beim Thema Gleichberechtigung in der Arbeitswelt schon an einem Punkt, an dem man sagen kann: Das läuft gut? Helmut Buld: Wir sind noch ein ganzes Stück weit davon entfernt, dass man sagen könnte, das läuft gut. Aber die Richtung passt. Es kommt natürlich darauf an, ob ein Unternehmen tarifgebunden ist oder nicht. Tarif sorgt für gerechten Lohn, das erhöht die Zufriedenheit der Mitarbeiter und intern gibt es weniger Reibereien.

Also wäre alles gut, wenn sämtliche Unternehmen im Land Tarif zahlen würden?

Helmut Buld (lacht): Es ist nie alles gut. Aber Gleichberechtigung fängt schon viel früher an, nämlich bei der Bildung. Jeder hat zwar ein Recht auf Bildung, aber es haben hier nicht alle die gleichen Chancen. Auch Bildung kostet Geld. Wenn zum Beispiel jemand aus einer finanziell schwächeren Familie studieren will, und er muss zu seinem Studienort 500 Kilometer zurücklegen und sich dort eine Wohnung suchen und bezahlen, dann kann das sehr schwierig werden.

Sandy Koppitz: Dazu kommt noch: Die Ungleichheit zwischen Land und Stadt ist enorm. Die Stadt hat weniger Probleme mit der Infrastruktur, aber dafür mit dem bezahlbaren Wohnraum, die Mieten sind oft extrem hoch. Auf dem Land ist es umgekehrt: Da hast du zwar bezahlbaren Wohnraum, aber dafür ist die Infrastruktur nicht gegeben. Deswegen hat der DGB bei den vergangenen Bundes- und Landtagswahlen die regierenden Parteien darauf aufmerksam gemacht, dass die Infrastruktur auf dem Land und die Situation auf dem Wohnungsmarkt in der Stadt verbessert werden müssen.

Und, haben die Parteien dieses Problem ernst genommen? Koppitz: Es kam ja dann auch die Idee auf, die der DGB unterstützt, dass man auf dem Land öffentliche Verkehrsmittel umsonst anbietet oder billiger. Das müsste halt gefördert werden. Und, wie bereits erwähnt, ist eine bessere Bildungspolitik notwendig.

Weil man mit Abitur und Studium mehr Geld verdient? Braucht es nicht auch normale Leute, die normale Arbeit machen?

Koppitz: Sicher, deswegen würde es auch schon zu wesentlich mehr Gleichberechtigung führen, wenn man anständige Gehälter bezahlt. Zum Beispiel: Jemand, der als Frisör oder Frisörin oder auf dem Bau oder im Einzelhandel arbeitet, verdient als einfacher Angestellter sehr wenig. Dass die Gewerkschaften einen Mindestlohn für wichtig erachten, hat genau damit zu tun, weil sonst in manchen Branchen noch weniger gezahlt werden würde. Die Unternehmen haben vor der Einführung des Mindestlohnes gejammert, dass können sie sich nicht leisten. Aber durch die Mindestlöhne sind die Sozialleistungen verbessert worden, weil ja mehr eingezahlt wurde, und die Kaufkraft ist gestiegen. Das hat den Binnenmarkt gestärkt, die Produktion im Land ist gestiegen, weil die Nachfrage höher war. Der Mindestlohn ist ein echter Erfolg. Arbeitsplätze sind dadurch nicht weggefallen, im Gegenteil, es sind sogar welche entstanden.

Der aktuelle allgemeine gesetzliche Mindestlohn beträgt 9,19 Euro. Wer Vollzeit arbeitet, kommt da gerade mal auf rund 1600 Euro brutto.

Koppitz: Ja, das ist nicht viel. Aber der Mindestlohn ist ein Anfang gewesen, die Situation zu verbessern. Und es muss weiter daran gearbeitet werden.

Es herrscht Vollbeschäftigung, aber viele Unternehmen sprechen von Fachkräftemangel. Dabei haben wir doch reichlich gut ausgebildeten Nachwuchs. Was läuft da verkehrt?

Koppitz: Fachkräfte sind genügend da bei uns in Deutschland. Die Frage ist: Will derjenige überhaupt für das gebotene Geld arbeiten? Oder sucht er sich eine Firma, die ihm neben anständiger Bezahlung auch ermöglicht, Beruf und Familie gut unter einen Hut zu bringen? Es gibt ja Unternehmen in Deutschland, die das längst erkannt haben, da ist ein regelrechter Wettbewerb entstanden, wer die besseren Arbeitsbedingungen schafft. Das sind oft große Firmen, sie klagen meist auch nicht über Fachkräftemangel. Große Firmen sind auch meist im Tarif.

Können sich überhaupt alle, also vor allem auch kleine Firmen, Tarif leisten?

Buld: Ja. Es gibt doch auch Unternehmen, die über Tarif bezahlen, also freiwillig. Es sind meiner Meinung nicht die Kosten. Als ob die Firmen durch den Tarif pleite gehen müssten... Das würde nur wenige Betriebe in bestimmten Situationen treffen. Aber gerne wird halt bei den Lohnkosten gespart...

Koppitz: ... und das ist aus unserer Sicht der falsche Ansatz. Statistiken und Befragungen zeigen: Wo nach Tarif bezahlt wird, sind die Beschäftigten deutlich zufriedener als in nicht tarifgebundenen Unternehmen, sowohl was die Arbeitszeiten als auch die Entlohnung betrifft (gemäß der IG-Metall-Beschäftigtenbefragung von 2017, an der rund 680 000 Menschen teilgenommen haben, herrscht in Tarifunternehmen bei 76 Prozent der befragten Mitarbeiter Zufriedenheit, während bei nicht tarifgebundenen Unternehmen nur 50 Prozent zufrieden sind, die Red.).

Was sagen Sie als Gewerkschafter dazu, dass Frauen und Männer in gleichen Berufen immer noch unterschiedlich bezahlt werden?

Buld: Die Gewerkschaft vertritt die Auffassung: Gleiche Arbeit, gleiches Geld. Aber tatsächlich sind Frauen noch benachteiligt in der Arbeitswelt.

Koppitz: Und das nicht nur, was die Bezahlung betrifft, sondern auch mit Blick auf Karrieremöglichkeiten. Die Frauenquote war deswegen etwas, das der DGB stark mit vorangetrieben hat. Und dann haben wir in Sachen Gleichberechtigung nicht nur das Problem Mann und Frau, sondern auch Ost und West. Im Westen haben wir die 35-Stunden-Woche, im Osten sind wir noch bei 38 und mehr. Die Gleichberechtigung spielt eine enorm große Rolle für die eigene Zufriedenheit, unabhängig vom Geschlecht, der Herkunft und des Alters. Die Fragen stellte unser Redakteur Andreas Lösch.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren