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Ernährung

Abgelaufene Lebensmittel: Alternativen zur Mülltonne

Zu viele Lebensmittel landen auf dem Müll. Das muss nicht sein. Auch wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist, gibt es noch sinnvolle Nutzung - nicht nur für Mülltaucher.
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Abgelaufene Lebensmittel landen häufig in der Mülltonne. Dabei wären sie noch genießbar, wie unser Symbolbild aus Ebern zeigt. Foto: Johanna Eckert
Abgelaufene Lebensmittel landen häufig in der Mülltonne. Dabei wären sie noch genießbar, wie unser Symbolbild aus Ebern zeigt. Foto: Johanna Eckert
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Immer wieder taucht sie mitten in der Nacht unter. Ausgestattet mit Rucksack und Stirnlampe. Leise quietscht es, das wusste Sabine, aber dann hat sie den Container mit einem Ruck geöffnet. Sabine ist eine junge Frau, irgendwo aus dem Kreis Haßberge. Die Nächte verbringt sie oft in Bamberg und tingelt zusammen mit anderen von Supermarkt zu Supermarkt. Besser gesagt von Hinterhof zu Hinterhof, denn dort stehen die Container der Einkaufsmärkte, in denen täglich angefaulte Bananen, abgelaufene Joghurts und aufgerissene Netze mit Kartoffeln landen.

Sabine ist eine sogenannte Mülltaucherin. Sie ernährt sich von Lebensmitteln, die eigentlich noch genießbar sind, in den Supermärkten aber aufgrund der Lebensmittelkennzeichen-Verordnung (LMKV) und der Lebensmittelinformations-Verordnung (LMIV) oft im Müllcontainer landen müssen. Und da liegen wirklich Tonnen an Lebensmitteln. Groß- und Einzelhändler produzieren jährlich 550.000 Tonnen von Lebensmittelabfällen in Deutschland.

"Das ist alles eine Sache der Disposition", erklärt Klaus Rother, der Seniorchef im Edeka-Markt in Ebern. Wer richtig bestellt, der hat auch wenig wegzuwerfen. "Natürlich gibt es mal Exoten, die nicht so gut ankommen bei den Kunden. Irgendwelche Pilze beispielsweise."

Aber wenn diese noch genießbar sind, fischt Sabine sie auch aus dem Container, denn: "Produziertes Essen sollte genutzt werden. Schließlich sind von der Produktion über den Transport bis hin zum Lebensmittelgeschäft viele Ressourcen genutzt worden", sagt sie.

Vorschriften und Vorgaben

Wann Lebensmittel aus den Regalen der Supermärkte verschwinden müssen, das geben das Mindesthaltbarkeitsdatum und das Verbrauchsdatum an. Wenn Letzteres abgelaufen ist, beispielsweise bei Geflügelfleisch und Fisch, darf das Produkt nicht mehr in den Verkehr gebracht werden. "Aber ein Joghurt mit Mindesthaltbarkeitsdatum 10. Februar kann danach auch noch vier bis sechs Wochen verzehrt werden", informiert Dr. Werner Hornung vom Verbraucherschutz im Landkreis Haßberge, "denn da kann nicht viel passieren."

Doch viele Supermärkte haben interne Vorschriften und lassen sich auf kein Risiko mit abgelaufenen Lebensmitteln ein. Kurz bevor das Datum überschritten wird, werden Joghurt, Wurst, Käse und Co. meist zu einem günstigeren Preis angeboten. Das ist nicht nur gängige Praxis beim Edeka-Markt in Ebern, sondern auch beim Mio-Dorfladen in Untermerzbach.

Dort gibt es keinen Container, in dem der Müll landet. "Die reduzierten Dinge kommen bei uns an einen gesonderten Platz, wo man sie auch schnell sehen kann", gibt das Team vom Mio-Dorfladen in Untermerzbach Auskunft, "und dann sind die meisten Dinge auch sehr schnell weg."

Sabine weiß, dass sie sich mit ihrer nächtlichen Sucherei in Containern von Supermärkten in eine rechtliche Grauzone begibt. Deshalb will sie nicht viel über sich erzählen. Auch wenn sie sich eigentlich nur an dem Abfall anderer bedient und viele Container auch abgeschlossen sind. "Es ist Diebstahl und somit strafbar. Denn der Container und die sich darin befindenden Sachen gehören immer noch dem Lebensmittelmarkt", teilt die Polizeiinspektion in Haßfurt mit. In deren Einsatzgebiet gab es bisher so gut wie noch keine Eigentümer eines Lebensmittelmarktes, die gegen Mülltaucher Anzeige erstattet haben.

In den "Tafel"-Laden

Die meisten Lebensmittel, die sowohl beim Edeka-Markt und auch beim Rewe-Markt Ebern wegen des entsprechenden Datums das Regal räumen müssen, landen bei der "Tafel" in Haßfurt und Eltmann. Dort werden sie an bedürftige Menschen abgegeben. "Einmal in der Woche holen die ehrenamtlichen Mitarbeiter die Sachen ab", erklärt Juniorchef Sebastian Rother aus Ebern. Grünzeug aus der Gemüseabteilung wird an Hasenbesitzer gegeben. Somit reduziert sich der Lebensmittelabfall auf ein Minimum: "Für die Menge, die wir verkaufen, ist das, was wir wegschmeißen, relativ wenig und kaum der Rede wert."

Die meisten Lebensmittelabfälle werden nicht von den Supermärkten "produziert", sondern von den Privathaushalten. Entsprechend einer Studie des Bundesernährungsministeriums im Jahr 2012 werden von den Privathaushalten bundesweit jedes Jahr 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt: "Im Schnitt wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 81,6 Kilogramm weg. 65 Prozent dieser Lebensmittelabfälle wären völlig oder zumindest teilweise vermeidbar.

Der Wert der vermeidbaren Lebensmittelabfälle wird pro Kopf auf jährlich 235 Euro geschätzt. Bei einem Vier-Personen-Haushalt summiert sich der Betrag im Schnitt pro Jahr auf rund 940 Euro", erklärt das Ministerium.

Sabine kann es sich leisten, auch "ganz normal" im Supermarkt einkaufen zu gehen. Manchmal macht sie das. "Das ist keine Sache des Geldes", gibt die junge Frau zu - und spricht von Werten und Moral. "Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass Massen an Lebensmitteln in die Tonne wandern, wo es doch zwischen arm und reich, zwischen einem Leben im Überfluss und dem Hunger in Ländern des globalen Südens eine so große Kluft gibt." Wenn Sabine erzählt, was sie macht, fragen sie viele: "Wie kannst du nur? Ist doch eklig." Aber für sie ist es der Einsatz für einen nachhaltigeren und ressourcenschonenderen Umgang mit der Erde.

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