Woher weht der Wind? Um diese Frage zu beantworten, begeben sich die Mitglieder des Regionalen Planungsausschusses am Dienstag (24. Juli) nach Oerlenbach am Rand der Rhön, wo die Frage an sich mit dem angefeuchteten Zeigefinger leicht zu beantworten sein sollte: Die Rhön hat Berge, auf den Bergen weht der Wind. Warum aber gerade die Rhön eine komplett windkraftfreie Zone bleiben soll, ist eines der vielen Fragezeichen, die hinter der aktuellen Energieplanung stehen.

Damit nicht jede Gemeinde für sich Windkraftpläne schmiedet, hat man sich in der Region Main-Rhön mit den Kreisen Haßberge, Schweinfurt, Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen darauf verständigt, die Energiewende und ihre Folgen in diesem Bereich überörtlich zu planen. So will man verhindern, dass ein Wildwuchs von Windkraftanlagen entsteht, und sicherstellen, dass die besten Standorte für diese Form der Energiegewinnung gefunden werden.

"Die ideale Ebene"


"Die Ebene der Regionalen Planungsverbände bietet für ein solches Konzept die ideale Größenordnung", sagt der Vorsitzende des Regionalen Planungsverbandes, der Haßberge-Landrat Rudolf Handwerker (CSU). Bisher hat ihm niemand in diesem Punkt widersprochen, was sich aber ändern könnte: Denn die Windkraftplanung auf regionaler Ebene ist zu einem mehr als zähen Ringen geworden; sie könnte sich zur unendlichen Geschichte auswachsen.

Die Gemeinden der Region waren zunächst heilfroh, dass ihnen die Windkraft-Planung abgenommen wurde. Anfangs, lange vor Fukushima, weil niemand Windräder haben wollte und man sich darauf verlassen konnte, dass die ersten Planentwürfe, die 2009 bei der Regierung von Unterfranken "ausgebrütet" worden waren, den Bau von Windrädern eher erschweren als erleichtern würden. Damals rüttelte in Bayern kaum jemand an der Kernenergie, und die Horrorvision der verspargelten fränkischen Landschaft machte die Runde.

Mit dem Reaktorunfall in Japan und dem Wiedereinstieg in den Aussteig änderte sich nicht nur die Energiepolitik in Berlin und in München, sondern auch die Haltung der Gemeinden zur Windenergie: Nun wollte fast jeder die "Spargel" wachsen sehen und ein Stück vom Energiekuchen abhaben.

Auch unter diesen Vorzeichen war man in den 26 Rathäusern des Landkreises erleichtert, dass die Planungshoheit beim Regionalen Planungsverband und der Regierung von Unterfranken blieb - das Thema, bei dem sich viele Fachbereiche überschneiden, hätte jedes Bauamt überfordert, ganz abgesehen von unvermeidlichen Konflikten zwischen den Nachbargemeinden.

Wie schwierig die Windkraftplanung ist, zeigt sich aber auch auf der höheren Ebene. Der Plan, der im Regionalverband im Sommer 2011 vorgestellt worden war, lieferte Zündstoff, der im Falle Riedbach sogar in die Gründung einer Bürgerinitiative mündete ("Gegen WK 88" - benannt nach dem großen Windkraftgebiet mit der Nummer 88 in der Regionalkarte).

"Bei diesem Plan wurde so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann", sagt hinter der vorgehaltenen Hand ein Verbandsrat. Ein wenig diplomatischer drückt sich ganz offen der Sander Bürgermeister Bernhard Ruß (SPD) aus: "Uns wurde ein Kartenwerk vorgesetzt, das in den Vorbesprechungen noch ganz anders ausgesehen hat", schickt er die Kritik in Richtung Verbandschef. Das Ergebnis dieser Unzufriedenheit war ein Anhörungsverfahren, das zunächst bis zum Jahresende 2011 durchgepaukt werden sollte, dann um drei Monate verlängert wurde und in Oerlenbach in die letzte Runde gehen könnte; wenn die Verbandsräte mit dem Entwurf zufrieden sind.

Die Wahrscheinlichkeit dafür schätzt der Verbandsrat mit der vorgehaltenen Hand so ein: "Ein Sechser im Lotto ist leichter."

Und auch Ruß sieht im neuen Planentwurf, vorsichtig ausgedrückt, "nicht den großen Wurf", und das nicht etwa in erster Linie deshalb, weil das von der Gemeinde Sand vorgeschlagene Windkraft-Gebiet auf dem Ebersberg keinen Eingang gefunden hat.

Tatsächlich ist die neue Windkarte nahezu identisch mit der vom letzten Jahr; neue Flächen kamen kaum dazu, dafür fielen zahlreiche Gebiete weg oder wurden verkleinert. Regionsweit wird die Fläche für die Windenergie um etwa ein Viertel von 12 000 auf 9000 Hektar verkleinert. Noch heftiger wütete der Rotstift im Landkreis Haßberge: Hier sind statt 2400 nur noch 600 Hektar Bauland für Windräder vorgesehen.

50 bis 70 Windräder


Das passt erst einmal ins Konzept, weil die Landkreis-Energiegesellschaft (GUT) davon ausgeht, dass im Landkreis 50 bis 70 Windräder gebaut werden müssen, um die Stromversorgung langfristig zu gewährleisten. Bislang drehen sich erst vier Windräder in den Haßbergen: zwei bei Untermerzbach und zwei bei Theres/Buch.
Dennoch ist der neue Wind-Plan alles andere als ausgewogen, was besonders beim Blick in den Landkreis Haßberge ins Auge sticht: Östlich einer gedachten Linie von Wohnau im Süden und Neuses (Bundorf) im Norden findet sich kein einziger neuer Standort; auch der gesamte Steigerwald geht leer aus. Dafür ist die Gemeinde Riedbach mit dem umstrittenen "WK 88" im Plan die Windkraft-Hauptstadt des Landkreises; hier ballen sich etwa 80 Prozent der Windkraft-Flächen zusammen. Weitere kleinere Gebiete finden sich in dem Entwurf rund um Theres/Buch, Oberhohenried und Rügheim, bei Dampfach und zwischen Kimmelsbach und Stöckach (Gemeinde Bundorf).

Weiße Flecken auf der Karte


Dass weite Teile der Region, darunter fast die gesamte Rhön, weiße Flecken auf der Wind-Landkarte sind, liegt daran, dass die Regionalplaner einen großen Bogen um mögliche Konfliktgebiete gemacht haben. So wurden nicht nur die Abstände zur Wohnbebauung, Straßen und Hochspannungsleitungen großzügig bemessen, sondern auch Luft gelassen zu Naturschutzgebieten und zu den Kureinrichtungen in der Bäder-Region.

Der Systemfehler, der schon den ersten Kartenwerken zugrunde lag, ist auch das Manko des Entwurfs, der nun kontrovers diskutiert werden dürfte: Die Datenbasis der Regionalplaner war der Bayerische Windatlas, der so ungenau ist, dass er zurzeit neu gezeichnet werden muss. Denn das Werk, dass die Regionalplaner nutzten, stammt aus einer Zeit, als man im Freistaat noch nicht ahnte, woher der Wind 2012 wehen wird.

Das Ergebnis ist, um ein letztes Mal den Verbandsrat mit der vorgehaltenen Hand zu zitieren: "Ein schöner Plan. Leider weht der Wind gerade da nicht, wo ihn die Planer gerne hätten."