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Flüchtlinge

Wie laufen die Deutschkurse für Asylbewerber im Kreis Haßberge?

Integrationskurse im Kreis Haßberge: Die Motivation ist groß, aber Lehrkräfte fehlen. Eine Reportage aus einem Bildungsträger in Haßfurt.
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Integrationslehrerin Saima Weber kontrolliert die Arbeiten der Asylbewerber Rizkar Ali (Mitte) und Charwat Talobe. Fotos: Ronald Heck
Integrationslehrerin Saima Weber kontrolliert die Arbeiten der Asylbewerber Rizkar Ali (Mitte) und Charwat Talobe. Fotos: Ronald Heck
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Täglich kommen Asylbewerber mit zahlreichen Papieren in der Hand ins Büro von Birgit Wolfrum-Reichel. Geduldig geht sie die Formulare zur Anmeldung zum Integrationskurs durch. Die 58-Jährige koordiniert die BDP Peters GmbH in Haßfurt, einen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zugelassenen Bildungsträger. Das BDP und drei weitere Einrichtungen im Landkreis Haßberge bieten Kurse für Asylbewerber an. Bringen sie etwas und wo gibt es Probleme?


Papierkrieg

Bei jeder Erstanmeldung werde geprüft, ob der Asylbewerber für den Kurs berechtigt oder sogar verpflichtet ist, erklärt Wolfrum-Reichel. Dafür müsse er Dokumente vorweisen: Pass oder Aufenthaltstitel, Berechtigungsschein, Leistungsbescheide vom Jobcenter oder Einkommensnachweise. "Die Bürokratie ist enorm. Wir haben deswegen hausintern einen Leitfaden für die Anmeldung formuliert," sagt die Koordinatorin des BDP.

Grundsätzlich muss jeder die Kosten für den Kurs selbst zahlen (155 Euro pro 100 Unterrichtsstunden). Das Bamf übernimmt die Hälfte der Kosten, wenn man den Kurs erfolgreich abschließt. Wer bereits finanzielle Unterstützung vom Staat erhält (Arbeitslosengeld, Wohngeld, Bafög, Sozialhilfe), bekommt alles gezahlt. Das treffe auf die allermeisten Asylbewerber zu, erläutert Wolfrum-Reichel, aber die Fahrtkosten müssten sie zum Beispiel vorstrecken. "Dass alles geschenkt wird, habe ich noch nicht mitbekommen", sagt Sabine Osmanovic, die auch im Büro des BDP arbeitet.


Einstufungstest

Der erste Schritt für jeden Schüler ist ein Einstufungstest, um das Sprachniveau einzuschätzen. An diesem Tag ist Galina Dietz dafür zuständig, ein Dutzend Menschen nehmen teil. Die freiberufliche Sprachlehrerin fragt zu Beginn, wer nicht schreiben und lesen könne. Eine Dolmetscherin übersetzt ins Arabische. Fünf Menschen melden sich. Die anderen bekommen einen schriftlichen Fragebogen, für den sie 30 Minuten Zeit haben. Anschließend folgt ein 15-minütiges Interview mit Galina Dietz. Je nach Ergebnis kommen die potenziellen Schüler dann in den Alphabetisierungs- oder allgemeinen Integrationskurs. Für die Einstiegskurse (siehe Infokasten) sei kein Einstufungstest vorgesehen, sagt Dietz.


Geduld ist nötig

Nebenan hält Saima Weber einen Deutsch-Integrationskurs. Die 39-Jährige ist freie Dozentin am BDP. Sie arbeitet hauptberuflich in der Erwachsenenbildung und hat vor drei Jahren beim Bamf die Zulassung als Lehrkraft für Integrationskurse erworben. "In meinem Beruf muss man viel Empathie und Geduld haben", meint Weber. Neben Grammatik und Wortschatz steht auch Landeskunde auf dem Lehrplan.

In ihrem Vormittagskurs sind die meisten Schüler syrische Asylbewerber. Die anderen kommen aus Ländern wie Polen, Russland, Italien oder Algerien. Die Kursteilnehmer arbeiten die meiste Zeit konzentriert mit: Sie antworten auf die Fragen der Lehrerin und haben ihre Hausaufgaben gemacht. "Frau Weber ist eine gute Lehrerin", sagt Rizkar Ali, der vor acht Monaten aus Syrien geflüchtet ist. Seit Anfang Dezember letzten Jahres besucht er den Integrationskurs. Er möchte Deutsch lernen, einen Beruf finden und in Deutschland bleiben. In seiner Heimat arbeitete der 27-Jährige als Elektriker. Das schwierigste am Deutschkurs sind für ihn die Grammatik und die Aussprache, so Ali, aber es werde immer besser. Das eigentliche Problem sei die Wohnungssuche; die anderen Asylbewerber stimmen ihm zu.


Zu wenige Lehrer

Saima Weber findet, die Hürden, um als Integrationslehrerin zu arbeiten, seien ziemlich hoch. Laut Bamf braucht man mindestens ein Hochschulstudium. Außerdem müssen die Lehrer Erfahrung in der Erwachsenenbildung und interkulturelle Kompetenzen nachweisen. Das Bamf bietet Kurse zur Zusatzqualifizierung an. Die meisten Lehrkräfte in Integrationskursen arbeiteten auf Honorarbasis, so Weber, und finanziell lohne es sich für viele nicht. Die Anforderungen an die Integrationslehrer seien dagegen groß. "Man ist ja auch Psychologe", meint Weber: "Interkulturelles Können ist gefragt. Es gibt fähige Leute, aber der Anreiz ist einfach nicht da." An der Qualität der Lehrkräfte zu sparen, ist ihrer Meinung nach aber nicht der richtige Weg.

Das sieht die Leiterin des BDP, Birgit Wolfrum-Reichel, genauso; sie könne aber nicht mehr Geld zahlen als bisher. Die Nachfrage an Sprachkursen für Asylbewerber sei aber hoch: "Es gibt Wartelisten für alle unsere Kurse. Es fehlt aber an Dozenten." Ein großes Potenzial an fähigen Integrationslehrern sieht Wolfrum-Reichel in pensionierten Studienräten.

Dann klingelt das Telefon von Wolfrum-Reichel: Ein ehrenamtlicher Asylbetreuer aus Ebelsbach möchte zwei Flüchtlinge für einen Alphabetisierungskurs anmelden. "Tut mir leid. Alle Plätze sind verplant."


Deutschkurse für Asylbewerber im Landkreis Haßberge

Folgende Einrichtungen bieten im Kreis Haßberge (vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassene) Sprachkurse für Asylbewerber und Zuwanderer an: BDP Peters GmbH, Volkshochschule Landkreis Haßberge e.V., BSI gGmbH und Euro-Schulen Bamberg. Laut Landratsamt Haßberge laufen bei diesen Bildungsträgern circa 20 Sprach- und Integrationskurse mit ungefähr 340 Plätzen. Abgesehen davon gibt es noch ehrenamtliche Sprachkurse.

Im Januar 2016 waren 972 Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz im Kreis Haßberge untergebracht. Anfang 2015 waren es rund 400 Personen.

Bei den Sprach- und Integrationskursen unterscheidet man zwischen drei offiziellen Maßnahmen: Erstens gibt es Alphabetisierungskurse für Menschen, die die lateinische Schrift weder lesen noch schreiben können. Dafür sind 960 Unterrichtsstunden vorgesehen. Im Anschluss sollen die Teilnehmer nach Möglichkeit einen Integrationskurs besuchen. Zweitens werden Einstiegskurse für Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive angeboten. Hier werden per Gesetz Personen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak speziell gefördert. Der Kurs (maximal 320 Unterrichtsstunden) soll Basiskenntnisse der deutschen Sprache vermitteln. Auch hier folgt im Normalfall ein Integrationskurs. Die dritte Maßnahme sind allgemeine Integrationskurse für Migranten. Die Kursteilnehmer sollen die deutsche Sprache und Kultur lernen. Das Zertifikat "Integrationskurs" ist wichtig für Arbeitssuche, Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung oder Einbürgerung. Der Kurs besteht aus einem Sprachkurs mit 600 Unterrichtsstunden und einem Orientierungskurs ("Leben in Deutschland") mit 60 Stunden.
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