Ebern
Häusliche Pflege

Wenn häusliche Pflege über die persönlichen Grenzen geht

Für Betroffenheit sorgten bei einer Diskussionsveranstaltung in Ebern die Berichte von Betroffenen aus dem Landkreis Haßberge über ihre Erfahrungen und Nöte bei der Pflege ihrer angehörigen. Bei der Veranstaltung von Eberner Alternative Liste und Bündnis 90/Die Grünen geht esd aber auch um Tipps und Impulse für die Zukunft in der Pflege.
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Die Teilnehmed er Podiumsdiskussion (von links):Ursula Lang aus Königsberg, pflegende Angehörige, Kerstin Celina, sozial-, familien- und arbeitsmarktpolitische Sprecherin im Bayerischen Landtag, Rita Stäblein, Kreisrätin und Landratskandidatin (beide Bündnis 90/Die Grünen),Gudrun Greger, Leiterin des Haßfurter Mehrgenerationenhauses und Dorith Böhm-Näder von der Fachstelle für pflegende Angehörige in Haßfurt (von links). Foto: Oliver Kröner
Die Teilnehmed er Podiumsdiskussion (von links):Ursula Lang aus Königsberg, pflegende Angehörige, Kerstin Celina, sozial-, familien- und arbeitsmarktpolitische Sprecherin im Bayerischen Landtag, Rita Stäblein, Kreisrätin und Landratskandidatin (beide Bündnis 90/Die Grünen),Gudrun Greger, Leiterin des Haßfurter Mehrgenerationenhauses und Dorith Böhm-Näder von der Fachstelle für pflegende Angehörige in Haßfurt (von links). Foto: Oliver Kröner
Es wird still im Saal, wenn Ursula Lang aus Königsberg von zwei Wochen Pflegealltag mit Ihrem an Parkinson erkrankten Mann und ihrer an Demenz erkrankten 94-jährigen Mutter erzählt, die noch in ihren eigenen vier Wänden 60 Kilometer von ihr entfernt lebt. Ursula Lang erzählt von einem strengen Wochenplan, bei dem neben den häuslichen Verrichtungen die Besuche der Pflegestation, Arzttermine, Besuche bei Logopädie und Ergotherapie und häusliche Umbauten zu bewältigen sind.

Für ihre persönlichen Bedürfnisse oder Auszeiten vom Pflegealltag bleibe da kaum Zeit. Mit einem Augenzwinkern bemerkt sie: "Meine Mutter ist dement und ich habe die Demenz-Erscheinungen". Sie spielt damit darauf an, dass es vor lauter Pflegestress schon passieren könne, dass sie vergisst, rechtzeitig die Mülltonne raus zu stellen.

Wie Ursula Lang berichten bei einem Diskussionsabend zum Thema "Häusliche Pflege", zu dem die Haßberg-Grünen und die Eberner Alternative Liste (EAL) eingeladen haben, weitere Teilnehmer von ihrem Pflegealltag, ihren Sorgen und Nöten und ihren Wünschen nach Unterstützung.

Pflege kostet den Arbeitsplatz

Betroffenheit macht sich breit, als ein weiterer Teilnehmer erzählt, wie er seine seit über 25 Jahren an Multipler Sklerose erkrankte Frau und zusätzlich seinen 87-jährigen Schwiegervater pflegt. Nach dem pflegebedingten Verlust seines Arbeitsplatzes leben er und die Familie mittlerweile von Hartz IV-Leistungen.

Neben dem Erfahrungsaustausch geht es an diesem Abend vor allem darum, pflegenden Angehörigen aufzuzeigen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es für sie gibt, beispielsweise durch ambulante Pflegedienste.

Einstufung entscheidet

Welchen Umfang diese Unterstützung hat, hängt laut Gudrun Greger vom Haßfurter Mehrgenerationenhaus jedoch maßgeblich davon ab, wie der Pflegebedürftige vom medizinischen Dienst eingestuft wird, sprich in welchem Umfang Leistungen aus der Pflegeversicherung gewährt werden. Viele Patienten würden bei der Einstufung versuchen, ihre Situation zu schönen, was dann geringere Leistungen und einen geringeren Pflegeinput nach sich ziehe. Die Fachstellen für pflegende Angehörige in Haßfurt (Bayerisches Rotes Kreuz), Ebern (Caritas) und Maroldsweisach (Diakonie) könnten hier Unterstützung leisten. Dorith Böhm-Näder von der Fachstelle für pflegende Angehörige in Haßfurt ergänzt, dass die Krankenkassen nur Katalogleistungen bezahlen, die Kataloge aber nicht alle notwendigen Leistungen abdecken.

Außerdem weist Dorith Böhm-Näder darauf hin, wie wichtig für pflegende Angehörige ein gutes soziales Netzwerk sei, besonders in Haushalten mit zu pflegenden Angehörigen, in denen auch noch Kinder leben. Auch hier bieten die Fachstellen Schulungen an und helfen dabei, Unterstützung zu organisieren.

Ursula Lang erzählt, dass sie sich ein bis zwei Mal im Jahr ihre Auszeiten nimmt und auch therapeutische Unterstützung in Anspruch nimmt, um mit den Belastungen des Pflegealltags dauerhaft zurecht zu kommen. Besonders wichtig sei ihr die Mitarbeit in einer Parkinson-Selbsthilfegruppe. Der Erfahrungsaustausch mit anderen betroffenen und die fachlichen Impulse zur Parkinson-Erkrankung ihres Mannes seien ihr eine große Unterstützung.

"Aktion Pflegepartner"

Eine Teilnehmerin verweist auf die "Aktion Pflegepartner" der Diakonie, bei der sie als Helferin einmal die Woche für vier Stunden eine pflegende Familie unterstützt hat. Darüber hinaus ist sie als Hospizbegleiterin des Malteser Hilfsdienstes tätig.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Kerstin Celina merkt an, dass sich auch in den Köpfen der Menschen noch einiges an der Einstellung zu und dem Umgang mit pflegebedürftigen Menschen ändern müsse.
Es müsse selbstverständlich sein, beispielsweise mit demenzerkrankten Menschen eine Gaststätte zu besuchen. Was Kindern an "Auffälligkeiten" zugestanden werde, gelte für ältere und pflegebedürftige Menschen leider oft noch nicht. Vermeintlich verstörende oder peinliche Situationen dürften nicht in einem Rückzug der pflegenden Angehörigen enden.

Beeindruckende Zahlen

9,1

950.000Personen sine derzeit bundesweit in der Pflege beschäftigt, davon etwa 660.000 in der stationären und rund 290 000 in der ambulanten Pflege. Der Personalbedarf in der professionellen und häuslichen Pflege betrage bis zum Jahr 2013 bis zu 500.000 zusätzliche Stellen, sagt Kerstin Celina.



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