Ebern
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Weihnachten 2015 nach Christus: Familie auf der Flucht

Übers Meer und Gebirge geflohen, mit einem traumatisierten Kind und Datteln im Gepäck. Von Schleppern betrogen und voller Heimweh - die Geschichte von Ejad, Najoud und Kinan.
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Najoud und ihr zweijähriger Sohn Kinan. Der Kleine hat im Verlauf der Flucht einiges durchmachen müssen.  Foto: Ronald Rinklef
Najoud und ihr zweijähriger Sohn Kinan. Der Kleine hat im Verlauf der Flucht einiges durchmachen müssen. Foto: Ronald Rinklef
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September 2015: Auf dem Weg zur Arbeit schlägt unmittelbar neben Ejad eine Bombe ein. Er selbst wird nicht verletzt, aber die Angst will nicht mehr weichen. Die Angst, dass er irgendwann weniger Glück hat. Er, seine Frau, sein kleiner Sohn. Die Angst hat sich bei ihm über Wochen und Monate eingenistet.

Ejad ist Syrer, 40 Jahre alt. Er hat Ökonomie studiert und arbeitet in seiner Heimatstadt in einem international tätigen Unternehmen. Seit Latakia zunehmend ins Visier der Bürgerkriegsparteien gerät, ist alles anders. Entführungen und Erpressungen sind an der Tagesordnung. Immer mehr junge Männer werden für eine der Bürgerkriegsparteien zwangsrekrutiert.

Früher hatte die Stadt, im syrischen Nordwesten an der Küste gelegen, knapp 500.000 Einwohner. Seit das Landesinnere immer unsicherer geworden ist, wichen viele Syrer nach Latakia aus. Von hier stammt auch Syriens Präsident Assad. Über zwei Millionen Einwohner leben inzwischen hier.


Keine Perspektive mehr

Aber: Der Bürgerkrieg bahnt sich seinen Weg auch in Richtung Latakia. Für sich, seine 33-jährige Frau Najoud, eine Bauingenieurin, und den zweijährigen Sohn Kinan sah Ejad keine Perspektive mehr. Am 11. September macht sich die kleine Familie mit dem Bus auf den Weg Richtung Libanon. Sie flieht vor dem Krieg und manövriert sich in ein lebensgefährliches Fluchtabenteuer.

Schon an der Grenze zum Libanon beginnt der Flüchtlingsalltag. Ejad, seine Frau und der kleine Kinan stehen zwölf Stunden an der Grenze, ehe sie passieren dürfen. Nicht sitzen oder liegen, stehen. Revanche für den Einmarsch der Syrer Jahre zuvor. Die Demütigung trifft, wie meist, die Falschen.

Die Familie schlägt sich per Schiff bis an die türkische Küste durch. Hier ruhen sie sich völlig erschöpft vier Tage aus, ehe es weiter geht Richtung Griechenland. Aber wie übers Meer kommen? Ein Schlepper verspricht Pässe und eine sichere Überfahrt mit einem großen Schiff. Er nimmt Tausende von Euro, einen Großteil der Barschaft der Flüchtlinge, und verschwindet. Auch für den kleinen Kinan wird alles zu viel. Er hat Heimweh, sehnt sich nach seinen Cousins, kann die ständig wechselnden Personen auf der Flucht nur schwer ertragen.


Kinan wird von seiner Mutter getrennt

Es wird noch schlimmer, als sie sich mit einem kleinen, völlig überfüllten Jetboot auf den Weg Richtung griechische Inseln machen. Der kleine Kinan wird von seiner Mutter getrennt, ist danach völlig traumatisiert. Kaum an Land, muss sich die Gruppe durchs Gebirge in die nächste Stadt vorarbeiten. Fünf Stunden Klettern über Fels und Stein. Und das mit Kinan, der seiner Mutter nicht mehr von der Seite weicht und getragen werden muss. Najoud ist in kürzester Zeit völlig erschöpft.

Immerhin, für den Kleinen hat man Datteln und Milch als Proviant dabei. Mit einem Fährschiff gelangt man nach Athen, von dort weiter nach Thessaloniki. Von hier aus geht es mit Bus, Bahn und, wenn nichts anderes zur Verfügung steht, zu Fuß weiter Richtung Deutschland.

Die "klassische" Route also, über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Ungarn. Die Menschen entlang der Route hätten immer geholfen, sie mit Lebensmitteln oder Kleidung versorgt. Einzig in Kroatien sei die Polizei brutal gegen Flüchtlinge vorgegangen.


Erstaufnahmelager statt Hauptstadt

Endlich in Deutschland, wollte die kleine Familie per Bus nach Berlin reisen. Dort lebt eine Schwester von Najoud. Da sie noch nicht registriert waren, wurden die drei bei Hof von der Polizei aufgegriffen. Es ging in die Erstaufnahmelager Zirndorf und Schweinfurt, von da nach Haßfurt, schließlich nach Ebern. In eine Gemeinschaftsunterkunft in der früheren Bundeswehrkaserne.

Viel Platz gibt es da nicht. Einen kleinen Tisch, zwei Betten, kahle Wände. Dazu ein kleines Badezimmer, für das man besonders dankbar ist. Gekocht wird in einer Gemeinschaftsküche. Radio oder Fernseher - Fehlanzeige. Informationen besorgt man sich via Handy im Internet.


Sprachkurs zur Jobvorbereitung

Trotzdem: Die kleine Familie ist erstmal zufrieden, weil man ein Dach über dem Kopf hat. Und sich wieder einigermaßen sicher fühlen kann. Wünsche? Oh ja, die hat man. Seit fast drei Monaten wartet Ejad auf die Anhörung, die erfolgen muss vor der Entscheidung, ob die Familie als Asylbewerber anerkannt wird.

Die Chancen dafür stehen eigentlich sehr gut, aber das lange Warten zerrt an den Nerven. "Das Schlimmste ist die Ungewissheit, das Warten, und nicht arbeiten zu können", bekennt Ejad. Zusammen mit Najoud hat er jetzt einen Sprachkurs begonnen. Die neben der Anerkennung als Flüchtling wichtigste Voraussetzung, um eine Arbeit aufnehmen zu können. Und Najouds größter Wunsch: "Wenn ich meine Eltern und Brüder wiedersehen könnte."

Die Hoffnung auf eine Rückkehr haben die beiden Syrer nicht aufgegeben. Sobald in ihrem Heimatland wieder Frieden herrscht, möchten sie zurück. Und warum nicht in Deutschland bleiben? Deutschland sei gut, erklärt uns Ejad, der besonders mit den ehrenamtlichen Helfern in Ebern gute Erfahrungen macht. Aber: "Syrien ist nun mal meine Heimat".


Ein Kommentar von Redakteur Klaus Angerstein - Auch Jesus war Flüchtling:

Ejad, Najoud und Kinan, die kleine Familie aus Syrien, steht beispielhaft für die gut eine Million Flüchtlinge, die in diesem Jahr vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Deutschland registriert wurden. Sie flohen vor Bürgerkrieg, Hunger, Verfolgung. Weltweit sind derzeit etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht.

Auch jetzt, an Weihnachten, wagen Menschen in ihrer Verzweiflung die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer. Skrupellosen Schleppern ausgeliefert, die aus der Not der Flüchtlinge ein Milliardengeschäft machen.

Neu sind die Formen von Flucht und Vertreibung nicht. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Im vierten und fünften Jahrhundert erlebten wir eine regelrechte Völkerwanderung Richtung Europa. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine riesige Flüchtlingswelle von Menschen aus Deutschland nach Amerika.

Und nach dem zweiten Weltkrieg folgte ein weiterer Exodus, als zwölf Millionen Deutsche aus ihrer Heimat im Osten vertrieben wurden. Gerade in diesen Weihnachtstagen sollten wir nicht vergessen, dass auch ein Jesus von Nazareth unmittelbar nach seiner Geburt zum politischen Flüchtling wurde. Auf der Flucht vor den Häschern des Herodes machte sich die Heilige Familie auf und floh nach Ägypten.

Mit Blick auf die Verfolgten dieser Tage sollte deshalb in christlichen Gesellschaften Solidarität mit den Schwachen und Verfolgten oberstes Gebot sein. Deutschland hat sich dieser Verantwortung gestellt. Nicht zuletzt dank der großartigen Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer, die dort helfen, wo die Not am größten ist.

Solidarität und Menschenrechte, das sind Werte, die Europa in seiner Gesamtheit ausmachen, sich nicht auf einige wenige Nationen beschränken dürfen. Statt Stacheldraht, Mauern oder gar Fremdenfeindlichkeit brauchen wir gerade im Jahr 2016 ein Mehr an Solidarität in Europa. Um denen helfen zu können, die die Hilfe dringend benötigen.

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