Gleusdorf

Was passiert hinter den Schlossmauern wirklich?

In die Seniorenresidenz Gleusdorf kehrt keine Ruhe ein. Immer mehr ehemalige Bedienstete erheben Vorwürfe wegen der Behandlung der Heimbewohner.
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Gehen bald die Lichter aus? Steht den Verantwortlichen das Wasser bis zum Hals? Bei der jüngsten Behördenkontrolle am Mittwoch fanden die Beamten wieder keinerlei Hinweise auf Missstände, wie sie einstige Mitarbeiter massiv anprangern. Foto: Ralf Kestel
Gehen bald die Lichter aus? Steht den Verantwortlichen das Wasser bis zum Hals? Bei der jüngsten Behördenkontrolle am Mittwoch fanden die Beamten wieder keinerlei Hinweise auf Missstände, wie sie einstige Mitarbeiter massiv anprangern. Foto: Ralf Kestel
Die Wahrheit ruht möglicherweise in der Tiefe von 1,80 Meter. Auf dem Friedhof in Bamberg. Dort liegt ein Verstorbener, der ein Geheimnis mit ins Grab genommen haben soll. Das Geheimnis, wohin das Geld verschwunden ist, nach dem in seinem Heimzimmer gesucht wurde, da ihm zu Lebzeiten jede Woche zehn Euro an Taschengeld ausgehändigt worden sein sollen.

Pflegeskandal Gleusdorf: Über den Tod hinaus ausgeplündert?


Daran erinnern sich zumindest ehemalige Betreuerinnen aus der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf, die schwere Vorwürfe gegen die beiden Gesellschafter der Heimleitung erheben. "Als der Mann (Name der Redaktion bekannt) verstorben war, mussten wir auf Geheiß der Chefin das Zimmer durchsuchen, weil sie wusste, dass Geld vorhanden sein muss." Für die Bewohner der geschlossenen Anstalt im Itzgrund unmittelbar an der Grenze von Ober- und Unterfranken besteht kaum Gelegenheit, es auszugeben.

Nach eigener Darstellung fanden die Pflegerinnen die Scheine auch. Statt der Weitergabe an "die Chefin" steckten sie aber diese "größere Summe" dem Aufgebahrten in die verschränkten Hände, weswegen er das Geld mit in den Sarg und ins Grab nahm. Eine Exhumierung brächte Erkenntnisse, ob die Angaben der Pflegerinnen stimmen oder nicht.

Weniger aufwändig erscheint die Beweisführung in einem anderen Fall, der von den Beschwerdeführern mit Kopien dokumentiert wird, aber schon Jahre zurückliegt. Demnach wurde das Konto eines Verstorbenen, das über 5000 Euro aufgewiesen habe, durch nachträgliche Buchungen "geplündert".

Nach dem Ableben verfügte die Geschäftsführerin laut Zeugenaussagen, dass rückwirkend Pflegeleistungen und -mittel verrechnet werden. Weil sie diese Order handschriftlich erteilte, erkennt ein Graphologe mit Sicherheit, von wem der Zettel stammt, auf dem damals dem Bezirk nur noch 648 Euro Restkontobestand gemeldet wurden.

Diese beiden Fälle bilden die Spitze des Eisbergs an Vorwürfen, die im Umfeld der Seniorenresidenz gegen die Betreiber erhoben werden. Zuletzt am Rande eines Vergewaltigungsprozesses in Bamberg oder vor laufendem Radio-Mikro.

Die beschuldigten Gesellschafter weisen sowohl in persönlichen Gesprächen wie auch schriftlichen Stellungnahmen sämtliche Anschuldigungen entschieden zurück (siehe Artikel auf der rechten Spalte), sprechen zusammen mit ihrem Anwalt von einem Rachefeldzug ehemaliger Mitarbeiter. So widerspricht der Geschäftsführer der Darstellung, wonach Heimbewohner Geld bekämen. "Die meisten sind doch Sozialhilfeempfänger."

Seit den ersten Enthüllungen unserer Zeitung, vor sechs Wochen, wonach Kripo Schweinfurt und Staatsanwaltschaft Bamberg Ermittlungen aufgenommen haben, haben sich aber mehr Leute in unserer Redaktion gemeldet, die entweder Verwandte im Schloss oder dort gearbeitet hatten. Ihre Vorwürfe wollen sie auch unter Eid aufrecht erhalten.

Ein Bamberger, der seinen Schwiegervater in dieser geschlossenen Anstalt immer wieder besuchte, formuliert die Pflegesituation so: "Selbst Menschen, die voller Energie neu ins Schloss kamen, hat man nach drei Monaten nicht mehr als solche erkannt. Denen wird der Wille genommen, noch aktiv am Leben teilzunehmen", berichtet der Bamberger.


Ganz aktueller Besuch

Die Liste der Vorwürfe ist lang. Bei Besuchen des medizinischen Dienstes (MdK), schon vier in diesem Jahr aufgrund anonymer Anzeigen, sind keine gravierenden Verstöße festgestellt worden, wie auch die Heimaufsicht am Landratsamt in Haßfurt keine Anordnung erlassen oder Auflagen verhängt hat. Erst am Buß- und Bettag sind Vertreter der Heimaufsicht wieder vorstellig geworden: "Bei einer erneuten Begehung der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf am 16. November wurden erhebliche Mängel nicht festgestellt. Das Ergebnis des bei der Staatsanwaltschaft Bamberg anhängigen Strafverfahrens bleibt weiterhin abzuwarten", lautet die schriftliche Antwort aus dem Landratsamt in Haßfurt.

Tatbestände, wonach Zimmer nach dem Tod eines Bewohners schnellstmöglich neu belegt wurden, den Angehörigen des Verstorbenen aber weiter Investitionskosten in Rechnung gestellt wurden, wie von Ex-Angestellten behauptet wird, dürften die Heimaufsicht weniger interessieren, dafür aber die Kriminalpolizei. Auch dass die Bekleidung von Verstorbenen verwahrt worden sei, um sie zu Weihnachten, gegen Rechnung, an andere Heimbewohner weiterzugeben.


Dienstpläne und Dokumentation

Unabhängig voneinander berichten mehrere Beschäftigte, dass Dienstpläne und Dokumentationen geschönt und die Stempeluhr manipuliert worden seien. "Wenn der MdK ins Haus kam, wurde rumgerufen und wir mussten uns ins Haus schleichen, um die vorgegebene Personalstärke nachzuweisen."
Ein schwerer Vorwurf lautet, dass Medikamente verabreicht werden, um die Heimbewohner ruhig zu stellen (Jargon: "Die werden abgeschossen, damit sie weniger essen und trinken") oder höchstmögliche Pflegestufen zu erreichen.

Kann nicht sein, erwidern Geschäftsführer und der Stammarzt im Heim, weil die Medikamente abgepackt und versiegelt von der Apotheke kämen. Darüber wache der Hausarzt bei seinen wöchentlichen Visiten ("Ich bin jeden Mittwochnachmittag im Haus") wie auch der betreuende Arzt des Bezirksklinikums Werneck.

An die wöchentlichen Visiten des Doktors haben unsere Informanten ganz andere Erinnerungen. "Der saß doch nur bei der Heimleiterin im Büro, die ihm diktiert hat, was er auf die Rezepte schreiben soll."

Ansonsten habe er die Katze der Heimleiterin gegrault und Kaffee getrunken. Der Katze gehe es, so die Schilderung zweier Pflegerinnen, besser als den meisten Heimbewohnern. Während viele bei Beginn des Nachtdienst über Hunger klagten und ihnen die von Verwandten mitgebrachte Salami abgenommen wurde, habe die Katze Putenfilet - Marke Gutfried - erhalten.

Eine einstige Nachtwache erklärte dazu in dieser Woche ins Aufnahme-Mikro eines Rundfunk-Redakteurs: "Das Siegel der Apotheke war an nicht einem Tag mehr zu. Es verging kein Tag, an dem Tabletten nicht ausgetauscht wurden." Auch ins Essen seien sie beigemischt worden, damit die Schutzbefohlenen gar nichts davon bemerken, ergänzte eine Kollegin.

Dass Besucher kontrolliert werden und teils auch Sachen abgenommen werden, führt der Heimleiter auf medizinische wie organisatorische Notwendigkeiten zurück. "Es kann ja nicht sein, dass die Leute mit offenem Feuer in ihren Zimmern hantieren." Da es sich in vielen Fällen um Suchtkranke handele, müsse auch überwacht werden. "Es wurde schon versucht, einen Flachmann in einer Melone rein zu schmuggeln."

Dem Vorwurf des Essens in nicht ausreichender Menge entgegnet der Heim-Chef mit "regelmäßigem Wiegen alle 14 Tage". Ein namhafter Neffe eines aktuellen Heimbewohners aus Ebern erklärt dazu, dass sein Onkel seit seiner Verlegung nach Gleusdorf vor einigen Wochen "sogar zugenommen hat". Er hält seinen Onkel für "gut aufgehoben".

Voller Begeisterung über die gute Betreuung meldete sich auch eine Tochter, deren Mutter seit über einem Jahr in Gleusdorf lebt, beim FT.

Feststellungen, die eine examinierte Altenpflegerin aus Rentweinsdorf nicht nachvollziehen kann. "Ich habe von Zuhause zur Nachtschicht Essen mitgebracht. Kaffee und Tee wurden den ganzen Tag über nur gestreckt, sogar Duschgel mit Wasser verdünnt."

Eine frühere Pflegedienstleiterin, die später zur Leiterin eines Heims in Würzburg aufstieg und sich mittlerweile im Ruhestand befindet, weiß noch genau, dass "die Demenzkranken mit Puddingsuppe vollgestopft wurden, nur damit sie dick werden".

Obwohl längst mit ihrer Gleusdorfer Zeit abgeschlossen ("Ich war mit den Nerven völlig fertig") hat die Unterfränkin noch die Bilder vor Augen, wie "Patienten auf Befehl der Chefin gedreht wurden. Aber nicht, dass sie sich nicht wund liegen, sondern so, dass die Siffe auf den letzten trockenen Fleck der Windel fließt". Das deckt sich mit Beschwerden einer Nachtschwester: Sie musste stets um Einlagen betteln, obgleich die in einem Raum gehortet wurden, was sogar bei einer Feuerschau aufgefallen sei.

Eine ihrer Kolleginnen erzählt ebenfalls von solchen Engpässen während der Nacht, dass "wir einfach nur noch Handtüchern benutzt haben, die wir dann kurz vor Schichtwechsel schnell noch gewaschen haben, damit es keinen Ärger mit der Frühschicht gab".

Ein Arzt durfte bei Problemen in der Nacht nie in Eigenverantwortung gerufen werden. "Erst musste die Chefin verständigt werden", die im südlichen Landkreis Bamberg wohnt.

Der Heimarzt wirbt wegen dieser Order um Verständnis. "Wenn jemand wegen eines Fieberanfalls ins Krankenhaus kommt und am nächsten Morgen wieder da ist, zieht das nur einen Rattenschwanz an Formularen nach sich."

Stellungnahme der Beschuldigten

Zu den gegen die Einrichtung erhobenen Anschuldigungen nimmt Heimleiter Peter Uhlig wie folgt Stellung: "Seit 2002 ist die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf unter unserer Leitung eine anerkannte Adresse für stationäre Pflege in der Region. Unser Haus ist seit Jahren voll belegt, wird ohne Beanstandungen gut bewertet und unsere Bewohner und deren Familien entscheiden sich bewusst für einen Aufenthalt bei uns. Das liegt vor allem an einem engagierten Team in der Pflege, der Betreuung und den übrigen Bereichen. Viele dieser Mitarbeiter sind bereits seit vielen Jahren in der Seniorenresidenz tätig.

Nachdem wir uns im Frühjahr 2016 von einigen Mitarbeitern trennen mussten, sehen wir uns seit einigen Monaten massiven Vorwürfen gegenüber, die jeglicher Grundlage entbehren.


Behörden-Kontrollen

Dies wurde uns auch durch verschiedene Aufsichtsbehörden bestätigt, die bei Kontrollen ihrerseits keine Mängel festgestellt haben: Der MDK Bayern erteilte im Januar in einer Überprüfung die Note 1,5 und stellte auch bei weiteren Begehungen aufgrund der anonymen Beschuldigungen im Laufe des Jahres keine Mängel fest, die Heimaufsicht des Landratsamtes Haßberge stellte im September ebenfalls keine Besonderheiten fest und erteilte keine Auflagen, zuletzt gingen am 16. November medizinischer Dienst und Heimaufsicht gemeinsam den haltlosen Beschuldigungen nach, kamen nach intensiver Begutachtung der Bewohner sowie aller Räume erneut zu einem mängelfreien Ergebnis.

Damit haben die Unterstellungen lediglich zu unnötigem Aufwand für die Behörden und für große Störungen des Alltages in unserem Haus gesorgt. Dennoch wurden die von offizieller Seite entkräfteten Anwürfe Gegenstand von öffentlicher Berichterstattung, was für unsere Mitarbeiter/innen sehr belastend war und ist.

Denn neben Vorwürfen gegen die Unternehmensführung findet sich in den anonymen Behauptungen auch massive Kritik an der Arbeit unseres Teams. Diese weisen wir entschieden zurück. Die Arbeit mit pflegebedürftigen und oftmals geronto-psychiatrisch veränderten Menschen ist eine tägliche Herausforderung, der sich Mitarbeiter/innen mit hoher Professionalität und großem persönlichen Einsatz stellen. Dafür gilt ihnen unser Dank.


Qualität-Standards anerkannt

Die Qualität ihrer Arbeit wird durch die in der stationären Pflege üblichen intensiven Überprüfungen von Heimaufsicht und MDK immer wieder belegt. Die Unterstellungen sind unwahr und verleumderisch.

Nach unseren Erkenntnissen handelt es sich um einen nicht nachvollziehbaren Rachefeldzug von engen Verwandten einer ehemaligen Mitarbeiterin, der wir nicht konkret nachweisen konnten, dass sie - so unser Verdacht, weil sie sich falsch beurteilt fühlte - die Initiatorin massiver Vorwürfe gewesen ist. Zum Schutz unseres Unternehmens und im Sinne unserer Mitarbeiter/innen werden wir gegen diese Angriffe auch mit strafrechtlichen Mitteln vorgehen."

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