Gleusdorf

Schloss Gleusdorf: Versteckte Blicke hinter die Kulissen

Der Heimbetrieb geht laut Landratsamt in Haßfurt zunächst weiter, die Welle der Empörung auch.
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Die Sanierungsarbeiten auf dem Heim und die Pflege darin gehen weiter, das Landratsamt wacht und hilft. Foto: News5
Die Sanierungsarbeiten auf dem Heim und die Pflege darin gehen weiter, das Landratsamt wacht und hilft. Foto: News5
Bürgermeister Helmut Dietz (SPD) ist "schockiert" und fürchtet um den Ruf seiner Gemeinde Untermerzbach, die aufgrund des unrühmlichen "Falles Gleusdorf" bundesweit in die Schlagzeilen geraten ist. Dietz mag es auch noch nicht glauben, was dabei über den Pflege-Skandal in der Seniorenresidenz, die er nach eigenem Bekunden zu Gratulationen immer wieder besucht hat, berichtet wird. Und dennoch reißen die Horror-Meldungen nicht ab.

Pflegeskandal Gleusdorf: Über den Tod hinaus ausgeplündert?


Dem Bürgermeister ist bei den Geburtstags-Gratulationen nie etwas aufgefallen, das sich in Richtung der Anschuldigungen deuten ließe, teilte Dietz auf Anfrage unserer Zeitung mit. Er bittet darum, von Vorverurteilungen abzusehen und das Ergebnis der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten. "Ich hoffe, dass die Ermittlungen vorangehen und zeitnah Ergebnisse bringen."


Neue Details

Diese Hoffnung dürfte kaum in Erfüllung gehen. Die Flut der Anschuldigungen ebbt nicht und bereitet der zehnköpfige Ermittlergruppe der Schweinfurter Kripo viel Arbeit. Immer mehr Details kommen ans Tageslicht und werden demnächst auch den Landtag beschäftigen.

Die 200 Einwohner im Dorf leben Tür an Tür zum Schloss, ohne zu ahnen, was sich hinter den Mauern abspielt. Viele reagierten fassungslos auf die Beschuldigungen.

Viele Anwohner führen Besuchsdienste für die oft dementen oder suchtkranken Patienten durch, die in vielen Fällen unter Betreuung stehen und selten familiären Besuch bekommen. Bei Spaziergängen werden die Bewohner begleitet, Hundehalter kamen in der Residenz vorbei, um den Bewohnern eine Freude zu bereiten. Dass hinter der Fassade des Schlosses, das nach außen edel und einladend wirkt, Kriminelles passiert sein soll, kann sich kaum einer vorstellen.

Wie das aber aussah, berichtet ein Ergotherapeut, der jetzt in Suhl lebt, gegenüber unserer Zeitung: "Ich habe Leute in den eigenen Exkrementen liegen sehen, während die beiden Geschäftsführer jeweils im AMG-Mercedes vorfuhren."

Dass der Medizinische Dienst der Krankenversicherung MDK davon nie Notiz genommen habe, habe ihn damals - 2004 - schon sehr erstaunt. "Und wenn sich Heimbewohner beschwerten, dass sie nie Obst bekommen, hieß es, das sollen ihre Angehörige mitbringen. Dabei bekamen die meisten gar keinen Besuch." Was der Heimleiter im Gespräch mit unserem Portal bestätigt hat. Stattdessen brachten Pflegerinnen etwas mit - dafür gab es Rüffel und Abmahnungen. "Wenn wir ein Fest aus der eigenen Kasse organisierten, sollten wir noch die Rechnungen abgeben, damit die Chefs die Vorsteuer absetzen können."


Wie passiert mit den einstigen Pflegekräften?

Sie haben die Sache ins Rollen gebracht und geraten darob ins Kreuzfeuer der Kritik von Außenstehenden. Den früheren Mitarbeitern in der Seniorenresidenz wird immer wieder die Frage gestellt: Warum haben Sie nicht früher gehandelt? Die Staatsanwaltschaft spricht sogar von möglicher Mitschuld.

"Ich finde es total ungerecht, uns, dem Personal, den schwarzen Peter zuzuschieben. Wir haben vor etlichen Jahren schon versucht, etwas gegen die Behandlung der Heimbewohner und die Ungerechtigkeit uns gegenüber zu tun", teilt eine Pflegekraft mit. Deswegen zogen die meisten Mitarbeiter von Gleusdorf in Schweinfurt vor Gericht.

"Dort war das Haus schon bekannt. Die Richter haben immer zu Gunsten des Arbeitgebers geurteilt. Das Gericht hat sich keine Gedanken gemacht, ob nicht doch 'was dran ist, wenn so viele Mitarbeiter eines Hauses vor Gericht ziehen. Es kotzt mich an, dass uns anscheinend immer noch nicht geglaubt wird", schreibt eine Pflegekraft auf Facebook.

Der Chef des Arbeitsgerichts in Schweinfurt, Wolfgang Pohl, bestätigt 15 Rechtsstreitigkeiten seit 2013. Es müssen aber viel mehr gewesen sein. So berichte der Vorbesitzer des Schlosses, Peter Böhnlein, der zusammen mit seiner Mutter die Einrichtung aufbaute -"als Pflegeheim, nicht als Psychiatrie" - gegenüber unserer Zeitung, dass "binnen weniger Monate unser perfektes und gut funktionierendes Personal gegangen wurde" . Einer seiner besten Kräfte, so Böhnlein, habe unter psychischem Druck sogar einen Selbstmordversuch unternommen.
Mehrere andere Pflegekräfte befinden sich noch heute in psychiatrischer Behandlung.

"Alle haben weggeschaut. Ob Heimaufsicht oder MDK oder PDL. Es ist einfach nicht zu fassen", klagen die älteren Mitarbeiterinnen.

Das sehen auch Angehörige so, die ihre Verwandten wieder aus dem Heim abzogen und sich - zumindest in einem Fall - auch bei der Heimaufsicht beschwerten und von dort die Auskunft erhielten: "Dann bringen sie Ihre Mutter halt in ein anderes Heim."

Dabei hat es nach Aussage des Heimleiters Gerhard U. gar nicht so viele Verlegungen gegeben. Im Beisein seines Anwalts und des Heim-Arztes gegenüber unserer Redaktion behauptete er: "Nur zwei in den letzten Jahren." Als wir ihm entgegneten, dass bereits drei Fälle bekannt seien, schaute er nochmals in seiner Computer: "Vielleicht waren es vier oder fünf."

Es waren viel mehr. "Mein Onkel ist nach dem Wechsel von Gleusdorf nach Eltmann regelrecht wieder aufgeblüht", schrieb ein anderer Informant.

Auch melden sich andere Heimleiter/innen zu Wort. Viele distanzieren sich von den Praktiken in Gleusdorf und versichern, dass es bei ihnen "nicht so zugeht". Zwei Insider, die drei MDK-Besuchsprotokolle einsahen, die uns Heimleiter U. in Auszügen zu seiner Verteidigung zur Verfügung gestellt hatte, urteilten nach dem Studium der Unterlagen: "Aufgrund solcher Anmerkungen hätten wir unsere Häuser schon dicht gemacht."

Ein anderer Heimleiter mit jahrzehntelanger Erfahrung meint: "Das Gleusdorfer Heim war immer schon berüchtigt. Es nahm die Klientel, die keiner haben wollte: Sozialhilfeempfänger ohne Angehörige, schwer Demenzkranke, Weglaufgefährdete, die sind für jedes Heim ein rotes Tuch." Dazu noch HIV-Infizierte und den mittlerweile verstorbenen Axt-Mörder aus Michelau.

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