Sand am Main
Gemeinschaft

Vereine sind das Getriebe in Sand

Eine Hauptversammlung jagt die nächste. Die Zeitung ist voll damit. Doch wen interessiert das noch? Vereine überaltern, Vorstände finden keine Nachfolger. Oder doch nicht? In Sand kennt man die Wahrheit.
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Roland Mahr, Vorsitzender des Organisationskomitees Altmain-Weinfest, stößt mit Ruth Knorr vom TV Sand auf ein gelungenes Sander Weinfest an - mit alkoholfreiem Wein, der 2015 erstmals ausgeschenkt wurde. Foto: Archiv/Andreas Lösch
Roland Mahr, Vorsitzender des Organisationskomitees Altmain-Weinfest, stößt mit Ruth Knorr vom TV Sand auf ein gelungenes Sander Weinfest an - mit alkoholfreiem Wein, der 2015 erstmals ausgeschenkt wurde. Foto: Archiv/Andreas Lösch
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Hauptversammlung. Zu Beginn des Jahres für einen Zeitungsredakteur das Wort, das er am gefühlt häufigsten schreibt - dicht gefolgt von Fasching. Derzeit treffen sich die Vereinsverantwortlichen im Kreis wieder fleißig, um das Jahr zu besprechen, den Vorstand zu bestätigen oder neu zu wählen.

Da stellt sich die Frage, wie viele Vereine es eigentlich im Landkreis gibt. Anruf beim Amtsgericht Haßfurt: "Da müssen Sie sich an das Registergericht in Bamberg wenden", erklärt der Mitarbeiter. Anruf beim Registergericht in Bamberg: "Da können Sie im Internet unter Handelsregister.de nachsehen. Das ist aber nicht nach Landkreisen sortiert. Und es stehen dort auch Vereine, die eventuell nicht mehr aktiv sind." Dennoch: Gesagt, getan.


2933 eingetragene Vereine

Die Internetseite verrät, dass beim Registergericht (Stadt und Kreis Bamberg, Kreis Forchheim, Kreis Haßberge) 2933 eingetragene Vereine verteilt auf 92 Gemeinden gemeldet sind. Beim Überfliegen liest man häufig Bamberg oder Forchheim. Und Sand. Sand am Main im Landkreis Haßberge. 34 eingetragene Vereine gibt es - bei 3100 Einwohnern. Zum Vergleich: Haßfurt hat mit rund 75 eingetragenen Vereinen gerade mal doppelt so viele bei stolzen 10 000 Einwohnern mehr.

Roland Mahr, Vorsitzender des Sander Weinfest-Organisationskomitees winkt ab: "Ach, eigentlich gibt es aber nochmal viel mehr. Jede Schulklasse gründet als Erstes einen Stammtisch."


Die Sander Mentalität

Sein Vereinskollege Ludwig Göpfert erklärt: "Um in Sand aufgenommen zu werden, muss man nur feiern können." Die beiden Männer sind Sander mit Leib und Seele. "Ich weiß nicht, was hier anders ist - vielleicht die Mentalität", antwortet Mahr auf die Frage, warum es in Sand noch so viele mitgliederstarke Vereine gibt. Doch was ist die Sander Mentalität? "Vielleicht ist es das französische Blut", und außerdem "haben die Korbmacher halt schon immer gerne gefeiert", scherzen die beiden. Was es nun auch ist, eines steht fest: Es gibt kaum einen Sander ohne Vereinsmitgliedschaft.

Auf der Suche nach Gesprächspartnern zum Thema Vereinsleben antwortet der Mitarbeiter im Rathaus nur trocken: "Da können Sie fast jeden Sander fragen. Ein echter Sander ist in mindestens drei Vereinen."

Tatsächlich. Bei Ludwig Göpfert sind es drei "oder vier", erklärt er, "da müsste ich mal meine Kontoauszüge durchsehen". Roland Mahr ist gar in sieben Vereinen. Noch dazu sind sie ganz vorne aktiv. Göpfert ist Kassier beim Turnverein und beim Weinfest-Organisationskomitee, bei dem Mahr wiederum Vorsitzender ist. Sie wissen also, wovon sie sprechen. "Nachwuchssorgen haben wir kaum in den Vereinen", erklärt Mahr. Das Blasorchester finde immer junge Leute, "auch aus anderen Orten". Der TV zählt 555 Mitglieder derzeit, weiß Göpfert.

"Gerade zugezogene junge Familien finden über den Turnverein schnell Anschluss, weil wir Eltern-Kind-Turnen anbieten", erklärt er. Und fügt hinzu, dass genau solche Angebote einen Ort ja interessant machen: "Es kommen aus dem ganzen Landkreis Leute zum Eltern-Kind-Turnen. Das ist eben das Tolle, dass wir das hier in Sand anbieten können." Vereinen brächten das Leben in die Gemeinde. Doch auch in Sand, in diesem Ort voller Vereinsmitglieder, ist nicht alles Gold, was glänzt. "Ich wollte mein Amt eigentlich niederlegen", verrät Göpfert. Aber man habe im TV niemanden dazu überreden können, Kassier zu werden.

Woran liegt das? "An der Bürokratie", bricht es aus den beiden unisono heraus. "Es ist ein riesiger Aufwand inzwischen", schimpft Göpfert. Vierteljährlich müsse er eine Steuererklärung machen. "Ich darf mich keine zehn Tage verspäten, sonst gibt es Ärger."

Diese Verantwortung schrecke ab. "Es wird einem der Spaß am Ehrenamt genommen", sagt Mahr. Es ist also nicht die Stimmung im Verein, Streitigkeiten unter den Mitgliedern, die einem Verein Schwierigkeiten bereitet. Das bestätigt Jurist Gerald Krieger aus Zeil, selbst in Vereinen aktiv und firm im Vereinsrecht: "Aus meinem Berufsleben kenne ich keine Fälle, in denen Streitereien innerhalb eines Vereins vor Gericht gekommen sind."


Bürokratie zerstört Gemeinschaft

Es sind eher Widrigkeiten von außen, die Vereinen schaden. So erzählt Roland Mahr, dass das Sander Blasorchester 2012 "aus heiterem Himmel" rund 10 000 Euro an die Künstlersozialkasse zahlen musste (der FT berichtete damals). "Das hat den Verein schwer mitgenommen. So zerstört man funktionierende Gemeinschaft", sagt Mahr.

Eine Gemeinschaft, die es geschafft hat, eine sympathische 3000-Einwohner-Gemeinde weit über die Landkreisgrenzen hinweg bekannt zu machen. "Denn ohne die Vereine gäbe es weder das Sander Weinfest noch den Faschingsumzug."

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