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Ebern
Informationsbesuch

Umwelt-Erlebniswelt in Ebern rückt näher

Bei einer Rundfahrt des Landesvorstands des Bund Naturschutz im Landkreis kündigt BUND-Vorsitzender Weiger eine Unterstützung durch die Bundesstiftung an.
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Professor Hubert Weiger, Beate Rutkowski aus Traunstein, Doris Tropper aus Erlange und stellvertretender BN-Landesgeschäftsführer Stefan Maurer halten im Bild fest, was Klaus Mandery in Händen hält: die berühmte wie einzigartige Dickfühler-Weichwanze. Fotos: Ralf Kestel
Professor Hubert Weiger, Beate Rutkowski aus Traunstein, Doris Tropper aus Erlange und stellvertretender BN-Landesgeschäftsführer Stefan Maurer halten im Bild fest, was Klaus Mandery in Händen hält: die berühmte wie einzigartige Dickfühler-Weichwanze. Fotos: Ralf Kestel
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Wer hätte das gedacht: Ebern ist eine Millionen-Stadt - zumindest bei in Alkohol getränkten Insekten. So viele passen in ein Haus. Besser noch: In einen Keller - und der befindet im Institut für Biodiversität im obersten Block der einstigen Kaserne, an der Schwelle zum früheren Übungsplatzgelände.

Das sich zum Dorado in Sachen Artenvielfalt gemausert hat, wie Biodiv-Papst Klaus Mandery herausgefunden hat und vom Landesvorstand des Bund Naturschutz (BN) bei einem Besuch am Freitag überprüft wurde.

Doch der Besuch war kein Kontrollgang, sondern ein nächster Schritt zur Weiterentwicklung, denn der BUND (Bund Naturschutz in Deutschland) und der Trägerverein des Biodiversität-Institutes streben einen ganzheitlichen Ansatz an: die Umsetzung g der BiodiversitätsErlebnisweltEbern (BEE).

Dazu gehören die bereits laufenden Ökologie-Seminare im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes, ebenso wie die Million präparierter Insekten im Keller, aber auch die in Deutschland einzigartige Essigrosen-Dickfühler-Weichwanze, die es den Mitgliedern des BN-Landesvorstandes mit Professor Hubert Weiger an der Spitze besonders angetan hatte.


Im Wanzen-Fieber

Die Millimeter große Wanze, die sich beim Bummel am Freitagnachmittag freundlicherweise auch noch entdecken und fotografieren ließ, ist eine von 6803 Arten, die Mandery mittlerweile auf dem 270 Hektar großen Gelände aufgestöbert und katalogisiert hat. Die Bundeswehr hat in diesem Bereich ihre Schutzfunktion im übertragenen Sinne vorbildlich erfüllt.

Doch die Truppe hat sich zurückgezogen und dem BN-Kreisvorsitzenden Mandery das Feld, die Wälder und die Wiesen überlassen. Beim Besuch des damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel im Februar 2008 hatte er Vorkommen von 2354 Arten nachgewiesen. Seit Freitag sind 6803. "Das ist das best untersuchte Areal in ganz Deutschland", ist sich Mandery sicher, sieht aber noch viel Bedarf für wissenschaftliche Forschung. So hat noch keiner die Eier der Essigrosen-Dickfüller-Weichwanze erspäht.

Dass das Interesse an der Umwelt-Vorzeigeeinrichtung groß ist, machen Mandery und Weiger an den Bufdi-Seminaren fest. Derzeit läuft das 27. dieser Art, da in Ebern junge wie ältere Menschen, die einen Freiwilligendienst leisten wollen, ihr ökologisches Rüstzeug erhalten.

"Das Bufdi-Zentrum des Bund Naturschutz für Süddeutschland hat eine bundesweite Bedeutung, da einige hundert Stellen besetzt werden. Die Mischung aus Freiland-Labor und Erfahrungsraum bildet hierzu die ideale Kombination. Das wollen wir über unsere Bundesstiftung in Kooperation mit der Stadt noch ausbauen", versichert der BN-Präsident

Eine Aufgabe, der Hubert Weiger große Bedeutung einräumt: "Die Artenkenner sind genauso vom Aussterben bedroht wie die Arten selbst", beklagt er den Mangel an "Biologielehrern, die auch noch raus an die frische Luft gehen".

An den Universitäten würden nur noch Genetiker, aber keine Freiland-Botaniker mehr ausgebildet, weiß seine Stellvertreterin Doris Tropper aus Erlangen von der dortigen Uni. Weiger: "Wir haben die besten Bestimmungsbücher aller Zeiten. Aber keiner kann sie mehr lesen." In Weigers Lesart heißt das: "Es gibt schon einen Analphabetismus der Artenvielfalt."

So freuten sich die BN-Spitzenvertreter aus ganz Bayern über die Eberner Initiativen mit Flüchtlingskindern (Mandery: "Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht") wie auch ausgewählte Gymnasiasten, die "bei uns das Präparieren gelernt haben und so ans Thema herangeführt werden".

An der Orchideen-Wanderung zuletzt hätten sich sich über 40 Naturfreunde beteiligt.

Aktuell beschäftigten zwei Bufdi-Damen, Ceyda Erturun und die aus Kemmern stammende Agrar-Ingenieurin Christina Schug, mit der Bestimmungen einiger hundert Rosen-Gallwespen und deren Parasiten
"Wir stehen am Scheideweg: Tun wir aktiv etwas für die Artenvielfalt, oder nicht? Am Bienenstreben erkennen wir ja; Ohne Bienen gibt's kein Obst", so Hubert Weiger.

Daher sei der einstigen Bundeswehr-Übungsplatz in Ebern bundesweit modellhaft, wie mit einer Konversion ökologische Qualitäten positiv nach vorne gebracht werden, auch wenn dabei Kompromisse eingegangenen wurden wie mit den Photovoltaikflächen, so Weiger.

Noch nicht weiter gediehen sind die Bestrebungen der Regierung von Unterfranken, Teile des Geländes als Naturschutzgebiet auszuweisen. "Dazu müsste die Stadt erstmals einmal den Bebauungsplan Fahrsicherheitszentrum zurücknehmen", hieß es auf Nachfrage. "Bei uns in Erlangen hat das doch auch funktioniert" wunderte sich Doris Tropper.

Auch mit einem Leader-Projekt sei man noch nicht weitergekommen, bedauerte Klaus Mandery. "Dazu müsste uns die Stadt eine Gebäude zur Verfügung stellen."

Vor dem Besuch im Biodiversitätszentrum in Ebern hatte sich Delegation die Power-toGas-Anlage in Haßfurt angeschaut. "Da ziehe ich meinen Hut vor dieser bundesweit einzigartigen Initiative in Haßfurt, wo der Ansatz zur dezentralen Energiepolitik aufgegriffen wurde", so Professor Weiger.

Weiter hatten sich die Umweltexperten bei der Hofheimer Allianz informiert und kamen dabei zur Einschätzung, dass im Zusammenhang mit dem Landesentwicklungsplan modellhafte Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zersiedlung und Landschaftsverbrauch zu stoppen. "Die Allianz sollte man nicht nur unterstützen, sondern die Förderung dorthin lenken, damit bayernweit andere Kommunen diese Ideen aufgreifen. Denn die Stärkung der Dorfmitten ist besser, als ständig neue Bauflächen auszuweisen."
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