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Zeil am Main
Geschichte

Über "Magie" und das "Wirken des Bösen" im spätmittelalterlichen Zeil

Die Zeit der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert in Zeil gehört zu den düstersten Kapiteln der Stadt. Vor 400 Jahren gab es die ersten Hinrichtungen.
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Die düsteren Kapitel aus der Zeit der Hexenverfolgung sind im Zeiler Hexenturm dokumentiert. Foto: Ronald Rinklef (Archiv)
Die düsteren Kapitel aus der Zeit der Hexenverfolgung sind im Zeiler Hexenturm dokumentiert. Foto: Ronald Rinklef (Archiv)
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Der Vortrag des oberfränkischen Bezirksheimatpflegers Professor Günther Dippold zum 400. Jahrestag der ersten Verbrennung angeblicher Hexen in Zeil hatte es in sich: Die Zuhörer im Schützenzimmer der Brauereigaststätte Göller wurden mit dem wohl dunkelsten Kapitel der kleinen Stadt konfrontiert.

Zunächst ging Bürgermeister Thomas Stadelmann auf den 26. November 1616 ein, als erstmals in Zeil vermeintliche Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Um an diese Zeit und die folgenden Jahre und die vielen Opfer der Hexenverfolgung zu erinnern, hat die Stadt Ende 2011 das Hexendokumentationszentrum eröffnet - mit dem Ziel, nicht nur die schreckliche Zeit des Hexenwahns in Zeil erfahrbar zu machen, sondern es sollen auch die Namen der unschuldigen Opfer bleibend in Erinnerung gerufen werden.

Seit der Eröffnung haben etwa 25 000 Personen den Zeiler Hexenturm besucht, erklärte Stadelmann. Es sei zu wünschen, dass die Dokumentationen dazu beitragen, dass die Welt ein bisschen friedlicher werde.


Notizen aus dem Mittelalter

Stadelmann überließ dann das Wort dem Bezirksheimatpfleger Dippold, denn keiner kenne die Zeiler Hexengeschichte besser als er, weshalb Dippold auch bei der Planung des Dokuzentrums eine maßgebliche Rolle gespielt habe. Der Heimatforscher begann seinen Vortrag mit einem Zitat des Zeitzeugen Johann Langhans, der später auch Bürgermeister der Stadt Zeil wurde: "Am 26. November 1616 hat man neun Zeller Weiber als Hexen hier in Zeil verbrent unt ist der erst brant gewest, deren Namen mir unbekant sein". Ihre Namen wusste Langhans also nicht zu nennen, denn sie kamen aus Zell, er kannte sie wohl nicht persönlich. Dieser einen Notiz schließen sich laut Dippold weitere, wenig ausführlichere Berichte an, Berichte von Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen, sechs im Jahr 1617. "Nun traf es Menschen aus Zeil, Langhans wusste jetzt die Namen zu nennen", erklärte der Heimatforscher.

Am 26. November 1616 habe also ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte begonnen, das zunächst zweieinhalb Jahre währte und letztlich den Auftakt bildete für die Hexen-Verfolgungswelle ab 1626, die "planmäßiger durchgeführt war, die aus Verfolgersicht effizienter ausgestaltet wurde und die weit mehr Menschen in den Tod riss", wie Dippold ausführte. Aber: "Nicht diese zweite, größere, brutalere Phase der Ermordung Unschuldiger soll heute im Fokus stehen, sondern die ersten Zeiler Verfahren gegen vermeintliche Hexen und Zauberer." Zeitzeuge Langhans berichte in seinem "Schreib und Lehe[n]buch" häufig von "Unholden", in den amtlichen Quellen ist gelegentlich von "Druden und Drudnern" die Rede. "Ich will versuchen, Ihnen aufgrund neuer Quellen darzulegen, wie es zum 26. November 1616 kam und welche Folgen er hatte", sagte Dippold.

Zwar hatte es auch in den Jahrhunderten zuvor Hexenverfolgung gegeben, der Glaube an Zauberei und Druidentum zog sich gar "bis ins späte 18. Jahrhundert hinein" - es herrschte bei Eliten wie bei einfachen Leuten die Überzeugung, "dass Menschen mit magischen Mitteln Nutzen stiften und Schaden anrichten könnten". Im Spätmittelalter verbreitete sich zudem eine neue Sicht, dass bei zauberischen Praktiken "stets der Teufel seine Hand im Spiel habe".


Die Verfolgung wird intensiviert

In welcher Form angebliche Hexerei verfolgt und bestraft wurde, hing stets eng mit den Überzeugungen der örtlichen Machthaber zusammen. Anfang des 17. Jahrhunderts kam es in dieser Hinsicht in der Region zu entscheidenden Veränderungen: "1609 hatte das Domkapitel den 33-jährigen Johann Gottfried von Aschhausen auf Druck aus Würzburg und München zum Bamberger Bischof gewählt", berichtete Dippold. "Kurz darauf ernannte er zu seinem Generalvikar den Domprediger Dr. Friedrich Förner, der zwei Jahre darauf zusätzlich das Amt des Weihbischofs erlangte." Ab dieser Zeit bekleidete Förner eine einflussreiche Position, "er dirigierte unangefochten die Kirchenpolitik im Hochstift Bamberg". Förner, laut Dippold am Germanicum in Rom, dem päpstlichen Priesterseminar für die Deutschen, einer Eliteschmiede, geschult, zeichnete sich durch seine Gelehrsamkeit aus und gleichermaßen durch seine Härte gegen Andersgläubige.

Bei einer durch Förner 1611 veranlassten Visitation des Bistums Bamberg befanden die Visitatoren, dass an etlichen Orten magische Praktiken üblich seien. Förner sah darin das Wirken des Bösen. Deshalb galt es für ihn, diejenigen, die mit dem Teufel im Bund standen, auszurotten. Wie Dippold berichtet, herrschten unter Rechtsgelehrten durchaus Bedenken gegen Hexereiprozesse. Selbst wenn sie die Existenz von Hexen anerkannten, mahnten nicht wenige Juristen vor einem "unbedachten Vorgehen" und vor der "Preisgabe verfahrensrechtlicher Regeln". Denn der Teufel führe die Verfolger in die Irre, daher seien Unschuldige in Gefahr. Solche Sorgen teilten die Befürworter einer harten Linie offenbar nicht. Die "Hardliner" gewannen in der Ratsstube der weltlichen Regierung an Gewicht, und "Förner war, wie es scheint, die entscheidende Stimme, die in diese Richtung mahnte und trieb", sagte Dippold.

Weitere Faktoren förderten die Entwicklung: 1616 war ein Missjahr. Schon das Jahr 1615 hatte Ertragseinbußen mit sich gebracht, wie Johann Langhans bemerkt: "ist ein gar dürrer summer gewest, das dann ein grosser mangel am futter bey den viehe ist gewest, aber das getreit ist wolgerathen, der wein aber ist uber das halbe theil umb Walburgi, da es grün gewest, sehr erfroren [ ... ]. Anno 1616 ist noch ein dürrerer summer gewest, das man das vihe ehr hinweg hat mussen thun, wegen des mangels am futter, das dan gar kein krummet ist gewachsen unt das getrait sehr erfroren, wie es geblüet hat, der wein aber erfroren, daß der 10 theil nicht blieben ist."
Man musste jetzt, im Sommer 1616, aufpassen, dass man nicht durch unvorsichtiges Verhalten in den Verdacht der Hexerei geriet. "Magisches Handeln" wurde kriminalisiert, mehr als je zu-

vor. Bei Verdächtigen suchte man nach Indizien für den Bund mit dem Bösen. In Zeil nahm das Unheil denn seinen Lauf: "Die erste Hinrichtung fand heute vor 400 Jahren statt", sagte Dippold am Samstag vor den Zuhörern. Neun Frauen aus Zell endeten nahe Zeil auf dem Scheiterhaufen. Am 6. März 1617 seien dann die ersten Personen aus Zeil hingerichtet worden, wie Johann Langhans überliefert: Barbara Ziegler, Heinz Engel, Clara Biedermann und Nikolaus Glock.


Insgesamt über 400 Opfer

Viele weitere Opfer folgten, bevor die Hexenverfolgung in Zeil zunächst vorüber schien. Doch 1626 wurde die kleine Stadt zum Mittelpunkt weiterer Prozesse, sogar Bamberger Angeklagte wurden hierher geschafft. Allein in den ersten anderthalb Jahren der neuen Welle wurden in Zeil 62 Frauen, 22 Männer und zwei Kinder hingerichtet. Ein Ende kam erst, als Juristen im Umfeld des Kaisers und des Bayernherzogs sich eindeutig gegen die Bamberger Verfolgungspolitik wandten. Erst nach 1630 war der Schrecken weitestgehend vorüber, "der hier in Zeil heute vor 400 Jahren begonnen hatte" und dem insgesamt über 400 Menschen zum Opfer fielen.

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