Ebern
Hausärzte-Notdienst

Über 2300 Unterschriften für eine Bereitschaftspraxis in Ebern

Im nördlichen Landkreis hält der Proteststurm gegen die geplante (einzige) Bereitschaftspraxis in Haßfurt an. Sorgt eine Gesetzesänderung aus Berlin doch noch für ein Umdenken oder gar ein Umlenken?
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Die Tage, da Hausärzte im Wechsel in der eigenen Praxis auch außerhalb der normalen Dienstzeiten erreichbar waren, sind bald vorbei. Doch die Neuregelung mit einer einzigen Anlauf-/Anfahrstation im Landkreis in Haßfurt stößt auf heftige Kritik. Foto: Ralf Kestel
Die Tage, da Hausärzte im Wechsel in der eigenen Praxis auch außerhalb der normalen Dienstzeiten erreichbar waren, sind bald vorbei. Doch die Neuregelung mit einer einzigen Anlauf-/Anfahrstation im Landkreis in Haßfurt stößt auf heftige Kritik. Foto: Ralf Kestel
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Es hat lange gedauert, aber die Hartnäckigkeit einiger Nutzer unserer Internetseite www.infranken.de/ und der dort gestarteten Initiative "epino" (Eberner Patienten in Not) zieht nun doch politische Aktivitäten und Erfolge nach sich: Über 2300 potenziell Hilfesuchende haben sich bislang mit ihrer Unterschrift für die Einrichtung einer Bereitschaftspraxis in Ebern stark gemacht. So soll für die medizinische Versorgung zu Zeiten, an denen ein Hausarzt nicht erreichbar ist (am Abend oder Wochenende) gewährleistet bleiben und Fahrten nach Haßfurt verhindert werden. Denn dort wird nach dem aktuellen Stand der Planungen der kassenärztlichen Vereinigung (KVB), die den Notdienst bayernweit organisiert, ab April 2016 die einzige Bereitschaftspraxis angesiedelt. In der Kreisstadt würden dann auch Allgemeinmediziner aus dem Raum Ebern und Hofheim regelmäßig, allerdings weniger häufig, Dienst verrichten.


Abgeordnete helfen mit

"Wir haben mittlerweile über 2300 Unterschriften in verschiedenen Arztpraxen, Apotheken, Eberner Geschäfte sowie in den Gemeinden Untermerzbach, Rentweinsdorf, Pfarrweisach und am Infostand während des Bauernmarktes gesammelt", erklärt die Vorsitzende der Frauenunion (FU) Ebern, Simone Berger aus Salmsdorf. Auch hätten MdB Dorothee Bär und MdL Steffen Vogel (beide CSU) ihre Unterstützung zugesichert. Diese Unterschriftensammlung endet am Mittwoch. Eine Online-Petition laufe für alle Bürger aber noch, so dass bis Anfang Januar 2016 im Internet noch weiter Stimmen für eine optimale ärztliche Versorgung in Ebern und Umgebung abgegeben werden können. "Im Januar ist die Übergabe der Unterschriftslisten bei zuständigen Entscheidungsträgern durch die FU gemeinsam mit der örtlichen CSU geplant", sagt Stadträtin und CSU-Ortsvorsitzende Gabriele Rögner.


Gemeindegremien wurden aktiv

Der Stadtrat Ebern sowie mehrere Gemeindegremien der Region haben Resolutionen mit der selben Zielsetzung verabschiedet. Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) hat im Rahmen der Baunach-Allianz Vorstöße der Nachbargemeinden in den Landkreisen Bamberg und Coburg angeregt. Den Anstoß dazu hatte ein Hinweis unserer Eberner FT-Redaktion gegeben, wonach das mittlerweile vom Freistaat zum Mittelzentrum aufgestufte Ebern auch Versorgungsfunktionen für den Bereich Baunach und den Itzgrund abdeckt.

Die Sorge, dass im Krankheitsfall nur noch ein Arzt in Haßfurt (rund 30 Kilometer von Ebern aus), Scheßlitz (23 Kilometer ab Baunach), Burgebrach (15 Kilometer ab Kirchaich) oder Coburg (21 Kilometer ab Wasmuthhausen) oder im Bamberger Klinikum am Bruderwald angetroffen wird, bewegt die Gemüter.


Zwölf Minuten beim Notfall

Zum Vergleich: Bei einem lebensbedrohlichen (Un-)Fall schreibt das Bayerische Rettungsdienstgesetz vor, dass zwischen dem Ausrücken des Notdienstes und dem Eintreffen beim Verunglückten im Regelfall - das heißt bei 80 Prozent der Einsätze - nur zwölf Minuten vergehen dürfen.

Doch zwischen Notfall und Notdienst bestehen Unterschiede - siehe dazu auch die aktuellen, unten stehenden Informationen der KVB . Dennoch gibt es immer wieder Fälle, da Menschen in ihrer Notlage gar nicht wissen, welche Rettungskette sie nutzen sollen/können/dürfen.

Deshalb sehen die Kritiker der angedachten Neuregelung eine Chance im neuen Krankenhausstrukturgesetz der Bundesregierung, das ab 1. Januar 2016 die Schaffung so genannter Portalpraxen vorsieht. Dabei handelt es sich, vereinfacht ausgedrückt, um eine Zusammenlegung von Not- und Notfalldienst, von Unfall- und Bereitschaftspraxis, in einem Krankenhaus,was nach Ansicht der kassenärztlichen Vereinigung aber Abrechnungsprobleme aufwirft.

Bei den Vorbehalten gegenüber einem künftigen (Wochenend-)Notdienst in Haßfurt sind sich auch viele Doktoren nicht einig. Nicht in allen Arztpraxen im Raum Ebern lagen die FU-Protestlisten aus.

Einige Mediziner waren zumindest bei der Gründung eines Trägervereins für die neue Bereitschaftspraxis mit dabei. So auch Ingo Schmidt-Hammer aus Pfarrweisach, der Sprecher der Eberner Ärztegruppe, der zur Jahresmitte Nachteile erkannt hatte. "Für die Patienten wird's schlechter", gab er zu.
 


Kommentar von Ralf Kestel

Es geht nicht um das Ende des Abendlandes, kein Nummernschild und nicht um die Auflösung eines Landkreises, der seit über 40 Jahren besteht (und in vielen Bereichen zusammengefunden und sich auch bewährt hat). Nein, es geht schlicht und einfach um die medizinische Versorgung in den Abendstunden und an Wochenenden. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht um Alleinstehende, Senioren, Kleinkinder, die vom starken Fieber befallen ein Antibiotikum benötigen, das sie ohne Rezept in der Apotheke nicht bekommen. Es geht um den Migräne- oder Gichtanfall, der nicht im Krankenhaus behandelt werden soll/darf, aber eine 30-Kilometer-Auto(Taxi)fahrt in eine Arztpraxis zur Tortour werden lässt. Nicht nur bei schneebedeckten Fahrbahnen. Es geht darum, den ländlichen Raum nicht erneut abzustrafen. Deshalb, liebe Gesundheitsministerin Huml, liebe Melanie (die Anrede erlaube ich mir aus Tagen einstiger Nachbarschaft in Hallstadt), bedarf es einer wohl überlegten und ausgewogenen Lösung für ein Mittelzentrum, das mit Kreiskrankenhaus und Apotheken sowie einigen Hausärzten (noch?) gesegnet ist. Wie gesagt, liebe Nachbarin, es geht nicht um das Auseinanderbrechen eines Landkreises oder Parteiengezänk. Es geht um eine Entscheidung der Daseinsfürsorge, auch für die Menschen aus Baunach und Itzgrund. Das funktioniert nicht mit Zirkelstrichen und Pro-Kopf-Hochrechnungen von München aus.

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