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Haßfurt
Einweihung

Ritterkapelle und Beinhaus wieder komplett

Das Beinhaus an der Ritterkapelle wurde nach umfassender Renovierung zu einem Dokumentationszentrum für den Historismus.
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Im Erdgeschoss des Dokumentationszentrums Sankt Michaelskapelle lebt die Epoche des Historismus wieder auf. Gezeigt wird ein Querschnitt aus verschiedenen Kunstgattungen, von Skulpturen und Malerei über Glas- und Textilkunst bis zu sakralen Metallarbeiten.
Im Erdgeschoss des Dokumentationszentrums Sankt Michaelskapelle lebt die Epoche des Historismus wieder auf. Gezeigt wird ein Querschnitt aus verschiedenen Kunstgattungen, von Skulpturen und Malerei über Glas- und Textilkunst bis zu sakralen Metallarbeiten.
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Für die Stadt Haßfurt ist es eine architektonische Bereicherung und ein weiteres touristisches Ziel. Für die Pfarrei St. Kilian Haßfurt ist es ein besonderer Ort im "Netzwerk Spiritualität" und für die Diözese Würzburg ein weiterer Baustein in der Museumslandschaft: das neue Dokumentationszentrum "Sankt Michaelskapelle", das den Historismus am Beispiel Ritterkapelle beleuchtet. Am Freitag wurde es mit einer Segensfeier in der Ritterkapelle offiziell eröffnet.


Die Geschichte erklärt die eigene herkunft

Domkapitular Jürgen Lenssen, Kunstreferent der Diözese Würzburg, stellte die Einmaligkeit des Dokumentationszentrums heraus. "Im Leben geht es darum zu wissen: Woraus lebe ich, wer bin ich und worauf ziele ich hin?", sagte er. Um diese Fragen zu beantworten, müsse man um die Geschichte wissen.

"Mit dem Dokumentationszentrum nun wird die Geschichte der Ritterkapelle dokumentiert. Sie kann ich aber nur verstehen, wenn ich um den Geist des Historismus weiß, wenn ich weiß, was die Menschen im 19. Jahrhundert angetrieben und welches, wenn auch fragwürdige Ideal ihnen vor Augen stand." In Museen werde diese Hinwendung an das Mittelalter bisher nicht dokumentiert. "Dabei muss diese Epoche aufgearbeitet werden", erklärte Lenssen.

Die Ausstellung mit Blick auf das 19. Jahrhundert und den Historismus schließe "den Bogen der unterfränkischen Museen von der Gotik bis zur Moderne". Die Menschen bekämen eine Deutungshilfe für die Gegenwart, führte Lenssen aus.


Bereicherung für die Kreisstadt Haßfurt

Haßfurts Stadtpfarrer Stephan Eschenbacher dankte für die Pfarrei St. Kilian, die Pfarreiengemeinschaft und als Vorsitzender der Ritterkapellenstiftung, dem Eigentümer der Michaelskapelle, Jürgen Lenssen für Idee und Anstoß. Die Diözese zahlte die Innenausstattung und die Stadt Haßfurt die Sanierung des Gebäudes.

Der frühere Bürgermeister Rudi Eck habe das Projekt mit viel Engagement vorangetrieben, Bürgermeister Günther Werner habe die Sanierung weiter begleitet. "Mit dem Dokumentationszentrum entsteht in unserer Stadt nun ein weiterer Ort, an dem nicht nur Kunst präsentiert und Geschichte aufgezeigt, sondern auch der Spiritualität Raum gegeben wird. Darauf können wir stolz sein", sagte der Pfarrer.


Netzwerk für die Spiritualität

Das Netzwerk "Orte der Spiritualität" in Haßfurt werde in ökumenischer Verbundenheit gefördert und getragen. Mit dem neuen Jahresprogramm für die Ritterkapelle spreche man spirituell Suchende an. "Diesem Netzwerk Spiritualität, das meines Erachtens im kleinstädtischen Bereich Seinesgleichen sucht, fügen wir nun heute mit der Eröffnung des Dokumentationszentrums ein neues Highlight hinzu", sagte der Pfarrer stolz. "Ich hoffe und wünsche, dass es von vielen besucht und genutzt wird und dass dadurch so manchem eine Kunstepoche aber auch ein Gotteshaus vor Ort und seine Bedeutung neu erschlossen werden kann."

Die Michaelskapelle besitze als Kombination aus Beinhaus und Kapelle nicht nur Seltenheitswert, sondern sei durch die Nähe zur sanierten Ritterkapelle ein Denkmal von hohem Rang, konstatierte Bürgermeister Werner. "Als Stadt und Bauherr sind wir sehr stolz darauf, dass das über 500 Jahre alte Gebäude aus seinem Dornröschenschlaf geweckt, umfangreich saniert und in ein Dokumentationszentrum für die Ritterkapelle verwandelt wurde. Mit seinem modernen Anbau aus Glas und Stahl im Eingangsbereich stellt es eine enorme Bereicherung für unsere Stadt dar", sagte er.

Dafür habe die Stadt abzüglich aller Zuschüsse 500 000 Euro investiert. Dass Schwierigkeiten, Auflagen und Hindernisse zwischen 2013 und 2014 zu überwinden waren, berichtete Dag Schröder. Dazu zählten etwa die Freistellung des Westgiebels, die Barrierefreiheit für alle Geschosse, die äußerst geringe Geschosshöhe, der Erhalt der originalen Bauteile, der Umgang mit der instabilen und miserablen Bausubstanz, eine möglichst große Lichtausbeute und das Freistellen der Ecklisenz mit dem ältesten Relief aus der Gotik.

Nach der Segensfeier, die Johannes Eirich an der Orgel mitgestaltete, segnete Jürgen Lenssen das Dokumentationszentrum. Im Ausstellungsraum gab er eine kurze Einführung in die Ausstellung, die dann jeder für sich erkunden konnte.


Die Öffnungszeiten

Das "Dokumentationszentrum Sankt Michaelskapelle" ist von 1. Mai bis 31. Oktober jeweils samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. In den Wintermonaten, von 1. November bis 30. April, ist es sonntags und feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Zusätzlich können über die Tourist-Information Haßfurt, Telefon 09521/688227, Führungen gebucht werden.


Zum Hintergrund

Die Michaelskapelle wurde um 1418 errichtet und um 1447/48 erweitert, wahrscheinlich wurde da erst das Gewölbe des Untergeschosses eingebaut. Aus diesen Jahren stammen die in die Südfassade (Südwestecke) eingelassenen Sandsteinreliefs, deren heute kaum noch erkennbaren Inschriften sich auf die Familie Dathan beziehen. Sie waren zwischen 1450 und 1520 Ratsherren und Bürgermeister von Haßfurt Der eigentliche Kapellenraum befand sich im Obergeschoß; wurde jedoch wohl schon ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Es erfolgten Umbauten, wie der neue Dachstuhl um 1692 und der Einzug neuer Stützen für den Dachboden um 1722. In den letzten Jahrzehnten war das Obergeschoß eine Abstellkammer (kirchliches Gerät, beschädigte Epitaphien). Das Untergeschoß war bis 1870 das Beinhaus, in dem die aus aufgelassenen Gräbern geborgenen Knochen aufbewahrt wurden.

Im Erdgeschoss des Dokumentationszentrums lebt die Epoche des Historismus auf. Gezeigt werden Skulpturen und Malerei, Glas- und Textilkunst, sakrale Metallarbeiten. Der Historismus griff auf Gotik, Romanik oder Renaissance zurück, benutzte diese historischen Vorbilder und fügte eigene - heute geziert anmutende - Elemente dazu. Die Epoche wurde später als reiner "Kopierstil", und auch als "frömmelnd" eingestuft. Ausstattungsgegenstände benannten die Franken oft als "Steckelesgotik" - weshalb diese aus vielen Kirchen wieder entfernt wurden. Im Zuge der Industrialisierung gab es auch bei der sakralen Kunst Massenproduktion. Das belegt etwa eine Madonnenfigur, die aus einem Katalog stammt.

An einem interaktiven Touchpanel können Besucher etwas über die Geschichte der Ritterkapelle, die Wappen am Fries, den Raum sowie den Konservator Heideloff erfahren und einen Film des Videoteams der Pfarrei St. Kilian ansehen. An dem Video war auch der Historische Verein Haßberge beteiligt. Erklärt werden nicht nur die Wappen, sondern auch die Namen der Adelsgeschlechter. Beim Antippen eines Wappens kann man sehen, welches Wappen an dessen Stelle vor der Restaurierung durch Heideloff zu sehen war.

Im Obergeschoss wird die Baugeschichte der Ritterkapelle über Entwurfszeichnungen und Objekten sichtbar. Der Schwerpunkt liegt auf den Restaurierungsarbeiten unter dem Konservator Karl Alexander Heideloff und dem Bauamtsassessor Anton Dorner. Heideloffs Entwurf für die Außengestaltung der Ritterkapelle zeigt eine Art Kathedrale mit einer prächtigen Doppelturmansicht.

Die mystische Wirkung der Deckenbemalung vor der Umgestaltung 1949 lässt eine Zeichnung erahnen: Vor tiefblauem Grund sind goldene Sterne, stilisierte Blumen und musizierende Engel zu sehen; außerdem Objekte aus der Ritterkapelle und der Pfarrkirche, darunter ein Tabernakel aus dem rechten Seitenaltar der Pfarrkirche, ein mannshoher Leuchter und die Figur des heiligen Michael.

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