Kirchaich
Interview

Priesterweihe: "Glaube soll keine Pflicht sein"

Der Kirchaicher Diakon Christian Montag wird am Samstag als einziger Kandidat aus der Erzdiözese Bamberg zum Priester geweiht.
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Der Neupriester Christian Montag aus Kirchaich. Er wird am Samstag geweiht.  Foto: privat
Der Neupriester Christian Montag aus Kirchaich. Er wird am Samstag geweiht. Foto: privat
Die Zahl der Priesterkandidaten und der Neupriester hat einen so niedrigen Stand erreicht wie seit Jahrhunderten nicht. Die Zahl der jährlichen Priesterweihen in den deutschen Diözesen ist auf unter 100 gesunken. Um den Bestand an Priestern zu halten, wären etwa 500 Neupriester erforderlich. Diese Entwicklung, aber auch andere Themen, waren Anlass für uns, mit Diakon Christian Montag zu sprechen.

Frage: Herr Diakon Montag, Sie werden am Samstag im Dom zu Bamberg als einziger Kandidat aus der Erzdiözese Bamberg zum Priester geweiht. Das Bild des gehetzten, von Pfarrgemeinderatssitzung und Seelsorgegespräch zur Eucharistiefeier eilenden Pfarrers kann junge Männer anscheinend schwerlich für den Priesterberuf gewinnen. Sie haben sich dennoch dafür entschieden.
Was hat Sie dazu bewogen?

Christian Montag: Ich habe mich für den Priesterberuf entschieden, weil ich meine, von Gott berufen zu sein. Zwei Menschen halfen in besonderer Weise, diese Berufung zu entdecken: Meine Großmutter Frieda Montag und mein Heimatpfarrer Ewald Thoma. Beide haben mich sehr geprägt und wesentlich dazu beigetragen, dass ich Priester werde. Mit meiner Großmutter habe ich immer wieder die Gottesdienste besucht. Sie hat mir aus der Bibel vorgelesen und wir haben über Gott gesprochen. Diese Erfahrung hat in mir den Grundstock meiner religiösen Entwicklung gelegt. So konnte ich eine tragfähige Beziehung zu meinem Gott aufbauen. Sie ist in all den Jahren immer mehr gewachsen und schließlich zu (m)einer Herzensangelegenheit geworden.
Nach dem Tod meiner Großmutter nahm mich mein Heimatpfarrer und Landvolkseelsorger Ewald Thoma unter seine Fittiche. Er begleitete mich all die Jahre. Ich konnte so einen großen Einblick in die Aufgaben eines Priesters bekommen und war sehr angetan von seiner Arbeit. Ich habe meinem Heimatpfarrer sehr viel zu verdanken und bin stolz darauf, dass er all die Jahre für mich da war. Er ist bis heute ein großes Vorbild für mich.
Gab es für Sie etwas wie eine innere Berufung?
Ich kann jetzt nicht sagen, ein punktuelles Berufungserlebnis gehabt zu haben, so wie es die Apostelgeschichte beispielsweise von Paulus berichtet. Ich denke, Berufung ist ein Prozess. Es braucht Zeit, die eigene Berufung zu spüren, die Stimme Gottes wahrzunehmen und auf seinen Ruf zu antworten. In meiner Jugend war ich Ministrant und Oberministrant und durchlief somit die klassische Sakristeikarriere. Von Berufung beziehunsgweise dem Wunsch, Priester zu werden, kann man hier aber noch nicht sprechen. Eine erste Frage nach dem eignen Weg stellte sich für mich am Ende der Schulzeit, wo ich mir schon eine berufliche Zukunft in der Kirche vorstellen konnte. Nach Beratungen mit meinen Eltern erlernte ich aber den Beruf des Industriekaufmanns. Jedoch merkte ich bald, dass dieser Weg nicht der richtige für mich war. Nach der Ausbildung absolvierte ich den Zivildienst im Alten- und Pflegeheim Trabelsdorf. Die Begegnung mit den Menschen dort tat mir gut und war wegweisend - im wahrsten Sinn des Wortes. Denn in dieser Zeit reifte dann auch der Entschluss, Priester zu werden. Auf der Suche nach dem richtigen Weg habe ich mir immer Zeit gelassen und versucht, auf meine innere Stimme, auf die Stimme Gottes zu hören. Letztlich waren es die Begegnungen mit Gott und den Menschen aus allen Lebensbereichen, die mich dazu bewogen haben, einen neuen Weg, nämlich den der Priesterausbildung, einzuschlagen. Ich wollte ein Stück der Frohen Botschaft durch meine Person zu den Menschen bringen.

Theologiestudium und Ausbildung zum Priesterberuf dauern sehr lange. Hat es auf diesem Weg auch Fragen und Zweifel gegeben?
Wenn ich all die Jahre zusammenzähle, die ich nun auf dem Weg zum Priesterberuf bin, dann kommen da über zwölf Jahre zusammen. Dieser Weg war nicht immer gerade und einfach, es gab immer wieder viele Fragen und auch Zweifel. Beispielsweise die Frage, auf Familie zu verzichten. Oder Zweifel, ob ich den Anforderungen des priesterlichen Dienstes gewachsen bin. Oder auch die Frage des Alleinseins. Diese Zeit im Priesterseminar war neben dem Studium an der Universität und der pastoralen Ausbildung immer eine Zeit des Suchens; eine Zeit, in der ich in mich gehen und fragen konnte, wie es mit mir weitergeht. Schließlich kam ich immer mehr zu der Überzeugung, dass der eingeschlagene Weg der richtige war. Und so konnte ich eine Entscheidung treffen, die über all die Jahre gereift war. Jedoch hätte ich dies alles nicht ohne meinen Glauben, ohne die Beziehung zu meiner Familie und meinen Freunden geschafft. Es war eine Entscheidung, die über all die Jahre gereift war, und ich bin stolz darauf, dass ich nicht aufgegeben habe und meinen Weg gegangen bin. Mit der Priesterweihe bin ich nun - nach einem langen und intensiven Weg mit Höhen und Tiefen - auf der Zielgeraden angekommen. Dabei ist die Weihe selbst wieder ein Startpunkt. Und jetzt will ich als Priester versuchen, eine gute Antwort auf alle Fragen und Zweifel zu geben.
Wie wurde Ihre Entscheidung von Ihrer Familie, Ihren Eltern oder Ihren Freunden aufgenommen und wie haben sie darauf reagiert?
Als ich meinen Eltern von meinem Entschluss erzählte, dass ich nach dem Zivildienst nicht wieder in meinem Beruf zurückkehren werde, sondern Priester werden möchte, da haben sie mich zunächst verdutzt angeschaut. Aber sie ließen mich - trotz ihrer Skepsis - frei entscheiden. Letztlich unterstützten sie mich und meine Bemühungen und trugen meine Entscheidung mit. Und sie tun es bis heute. Meine Eltern stehen voll und ganz hinter mir, wofür ich auch sehr dankbar bin. Und ich meine sogar, dass sie auch stolz sind auf mich, weil ich diesen Weg gegangen bin und entschieden weitergehe. Denn letztlich zählt für die Eltern doch primär, dass ihre Kinder glücklich und zufrieden sind. Und das bin ich wirklich von ganzem Herzen. Auch meine Freunde und alle, die mich begleiten, besonders meine "Kirchaicher" und alle aus der Pfarrei, freuen sich mit mir. Auch dafür bin ich dankbar. Und ich bin sehr froh, dass ich Menschen um mich habe, die mich begleiten und im Gebet unterstützen. Um dieses Gebet bitte ich auch für die Zukunft.

Wer Priester werden möchte, entscheidet sich damit auch gegen eine Partnerschaft und gegen eine Ehe. Der Zölibat ist derzeit eine viel diskutierte Frage. Wie stehen Sie zu dieser Gratwanderung zwischen dem Singledasein und dem ehrlichen Bemühen des Lebensentwurfes eines Priesters?
Oft wird man mit der Frage konfrontiert, ob sich die Ehelosigkeit lohnt. Oder ob man als zölibatär Lebender glücklich wird. Oder ob der Zölibat überhaupt noch zeitgemäß ist. Ich meine, auf diese Fragen muss jeder mit seinem Leben die entsprechende Antwort geben. Für mich als zukünftiger Priester ist es wichtig, dass ich nicht allein auf meinem Weg bin. Ehelos zu leben bedeutet nicht, Single zu sein. Ganz im Gegenteil erfordert ein zölibatäres Leben eine große Beziehungsfähigkeit. Diese Lebensform, die ich für mich gewählt habe, schafft Beziehungen zu vielen Menschen und eröffnet einen Raum für intensive Begegnungen. In Hallstadt war ich immer wieder beeindruckt davon, dass mich die Menschen dort, nach kürzester Zeit, an ihrem Leben haben teilhaben lassen.
Vielleicht ist wichtig zu erwähnen, dass ich mich mit der zölibatären Lebensform etwa nicht gegen etwas (Ehe und Partnerschaft) entschieden habe, sondern für etwas beziehungsweise für jemanden. Ich habe mich für ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi entschieden, für die Liebe zu ihm. Und er allein genügt! Diese Erkenntnis öffnet sich aber nur dem, der Christus begegnet ist und der begonnen hat, ihn kennenzulernen. Allerdings weiß ich auch, dass es kein "Spaziergang" wird, wenn Gott jemanden in seine Nachfolge ruft. Was die Sexualität angeht, sage ich, dass sie zum Leben dazugehört. Ich möchte sie nicht verdrängen oder gar ausblenden. Vielmehr möchte ich die Freiheit, welche ich durch die Ehelosigkeit gewinne, einsetzen für die Beziehungen zu den Menschen und die nun vor mir liegenden Aufgaben.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche morgen?
Auch ich nehme wahr, dass die Kirchenbesucherzahlen rückläufig sind, dass die Menschen aus der Kirche austreten oder die Seelsorgeeinheiten immer größer werden. Dennoch sehe ich meinem Dienst positiv entgegen. Einerseits muss es uns Priestern und den pastoralen Mitarbeitern gelingen, die Freude der Frohen Botschaft und unseres christlichen Glaubens freizulegen. Glaube soll keine Pflicht oder gar Last sein. Glaube ist für mich vielmehr etwas, was uns in unserem Alltag, in Freud und in Leid trägt und frei macht. Und wir müssen andererseits die Menschen vor Ort in den Städten und vor allem in den Dörfern befähigen, sich im Sinne des gemeinsamen Priestertums in ihren Gemeinden einzubringen. Denn Kirche, das sind wir alle.
Daher haben wir alle das Recht und auch die Aufgabe, am Reich Gottes mitzuarbeiten. Ich erlebe und höre immer wieder, dass sich Menschen nicht einbringen, weil es der Pfarrer oder andere Verantwortliche nicht möchten. Hier muss jedoch ein Umdenken stattfinden. Auf Seiten der Gläubigen und auch auf Seiten der Hauptamtlichen.

Seit dem Jahr 2013 waren Sie zum Pastoralpraktikum und dann als Diakon in der Pfarrei in Hallstadt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht und wie würden Sie Ihre Hauptaufgaben in einer Gemeinde sehen?
"Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen." Dieser Satz stammt aus dem Markus-Evangelium (nach Mk 10,45) und ist mein Primizspruch. Ich möchte ganz bewusst den Aspekt des Dienens in den Mittelpunkt meines priesterlichen Wirkens stellen. Ich will nicht abheben, sondern weiterhin bodenständig bleiben. Als Priester werde ich nichts "Besseres" sein; vielmehr wird mir mit der Weihe ein besonderer Dienst im Volk Gottes übertragen. So möchte ich eine Art geistlicher Begleiter meiner Gemeinden sein und meinen Dienst so verstehen, wie es die Anfangsworte der Pastoralkonstitution gaudium et spes des Zweiten Vatikanums zum Ausdruck bringen: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi."
Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie Papst Franziskus sein Amt versteht. Durch seinen offenen Dialog mit den Menschen, ob reich oder arm, erreicht er die Herzen der Menschen. Die vielfältigen Begegnungen während meiner Praktikumszeit in Hallstadt haben mir gezeigt, dass man mit Offenheit die Herzen der Menschen erreichen kann.
Bleibt bei den großen Herausforderungen und Belastungen im Priesterberuf dann überhaupt noch Zeit für persönliche Interessen oder Hobby und welche gibt es?
Natürlich! Auch ein Priester braucht Freiraum für seine Hobbys und persönlichen Interessen. Die Herausforderungen, die tagtäglich an einen Priester gestellt werden, sind groß. Da ist ein Ausgleich unbedingt notwendig. Ich gehe gerne mit Freunden aus und rede über "normale" Dinge. Ich gehe ins Kino, besuche Konzerte oder fahre mit meinem Auto durchs Land. Und einem guten Essen bin ich auch nicht abgeneigt.



Weihe und Lebenslauf
Fest Der 32-jährige Diakon Christian Montag aus Kirchaich wird am Samstag, 27. Juni, durch Erzbischof Ludwig Schick zum Priester geweiht. Der Weihegottesdienst beginnt um 9 Uhr im Bamberger Dom, wie die Erzdiözese mitteilte. Montag hat bereits im September 2014 die Diakonenweihe empfangen. Nach der Priesterweihe ist es ihm erlaubt, die Eucharistie als wichtigste katholische Form eines Gottesdienstes mit den Gläubigen zu feiern.

Vita Christian Montag wurde 1983 in Bamberg geboren und ist in Kirchaich aufgewachsen. Er besuchte die Grundschule in Oberaurach, die Hauptschule Eltmann, die Wirtschaftsschule Bamberg und absolvierte eine Lehre zum Industriekaufmann. Während des Zivildienstes in einem Alten- und Pflegeheim reifte die Erkenntnis, nicht in den erlernten Beruf zurückzukehren. Er machte auf der Berufsoberschule das Fachabitur und studierte in Eichstätt Religionspädagogik und später in Würzburg und Innsbruck Theologie. 2007 trat er ins Priesterseminar ein. Sein Primizspruch lautet "Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen." Seinen Primizgottesdienst feiert er am Sonntag, 28. Juni, um 14 Uhr in seiner Heimatgemeinde Kirchaich.

Freude Das ganze Dorf ist stolz auf Christian Montag und hilft bei der Feier am Sonntag mit. Die Festpredigt beim Gottesdienst hält Weihbischof Herwig Gössl. Schon seit Monaten laufen die Vorbereitungen des Organisationsteams mit Pfarrer Ewald Thoma, Roswitha Burger, Christian Blenk und Karlheinz Kager an der Spitze. "Ich war total überrascht, wie positiv das in der ganzen Gemeinde aufgenommen wurde und jeder seine Bereitschaft erklärte, dabei mitzuhelfen", lobt Roswitha Burger vom Kirchenvorstand ihre Mitbürger. 80 bis 100 Leute sind am Wochenende im Einsatz.
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