Haßfurt
Würdigung

Ohne Ehrenamt wäre Bayern arm

Die SPD-Landtagsfraktion stellte bei einem Empfang in Haßfurt die Tätigkeit vieler Freiwilliger für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und das öffentliche Leben heraus. Zwei Helfer schilderten ihre Erfahrungen und Anliegen.
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Markus Rinderspacher im Gespräch mit dem Eberner Bürgermeister Jürgen Hennemann, der Landtagsabgeordneten Kathi Petersen und dem SPD-Kreisvorsitzenden Wolfgang Brühl (von links). Foto: Peter Schmieder
Markus Rinderspacher im Gespräch mit dem Eberner Bürgermeister Jürgen Hennemann, der Landtagsabgeordneten Kathi Petersen und dem SPD-Kreisvorsitzenden Wolfgang Brühl (von links). Foto: Peter Schmieder
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Um die Würdigung ehrenamtlicher Tätigkeit ging es bei einem Abend in der Haßfurter Stadthalle, den die SPD am Mittwoch organisierte. Als besonderer Gast hielt der Fraktionsvorsitzende der SPD im bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher, eine Rede, in der er die Bedeutung des Ehrenamtes herausstellte.

"Ich freue mich, dass so viele von Ihnen so kurz vor Weihnachten noch Zeit gefunden haben", freute sich die Schweinfurter Landtagsabgeordnete Kathi Petersen und dankte den Menschen für ihr vielfältiges Engagement. "Ohne Sie wäre unsere Gesellschaft ärmer und kälter."

Eingeladen waren zum "Ehrenamtsempfang der Bayern-SPD-Landtagsfraktion für den Landkreis Haßberge" Personen, die sich für andere Menschen einsetzen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Daneben waren mit Günther Werner aus Haßfurt, Jürgen Hennemann aus Ebern, Karl-Heinz Kandler aus Kirchlauter und Helmut Dietz aus Untermerzbach auch vier Bürgermeister aus dem Landkreis dabei.


"Geben kann eine Wohltat sein, wenn es auf fruchtbaren Boden fällt"

Wenn man Ehrenamtliche auf ihre Arbeit anspreche, komme oft eine Antwort wie: "Das ist doch nichts Besonderes" oder: "Das ist doch selbstverständlich", brachte der Haßfurter Bürgermeister Günther Werner (FW) zum Ausdruck, dass viele es nicht für nötig halten, über ihr Engagement zu reden.

Markus Rinderspacher ging zunächst auf das Thema "Ökonomisierungswahn" ein und sprach von der Frankfurter Buchmesse, auf der große Regale voll mit Büchern gestanden hätten, die sich um das Thema Selbstoptimierung drehten. "Weil Menschen immer mehr funktionieren müssen", beschrieb er einen Trend, den er als falsch empfindet. "Ihre Organisationen stehen nicht für die Effizienz des Individuums, sondern für Solidarität", schlug er die Brücke zum Ehrenamt. "Geben kann eine Wohltat sein, wenn es auf fruchtbaren Boden fällt", beschrieb er zudem die positive Wirkung, die ehrenamtlicher Einsatz auch für die Helfer haben kann. Weiter schilderte er die Rolle der Ehrenamtlichen als "sozialer Kitt" in einer immer weiter auseinander driftenden Gesellschaft. Denn Helfer arbeiteten einfach zusammen, ohne darauf zu schauen, ob der andere arm oder reich ist oder welchen Bildungsstand er hat.

In diesem Zusammenhang kritisierte er auch einen Trend in der Gesellschaft. Wo es früher noch ein gegenseitiges Verständnis füreinander gegeben habe, herrschten nun gegenseitige Vorurteile: auf der einen Seite die Geizhälse mit Konten in Lichtenstein, auf der anderen Seite faule Menschen, die nur vor dem Fernseher sitzen und nicht arbeiten wollen. Zwar gebe es auch diese Menschen, doch sie seien nicht die Mehrheit. "Im Ehrenamt gibt es kein oben und unten", sagte Rinderspacher.


Schockiert von der Gleichgültigkeit

Weiter hob er hervor, wie viele Aufgaben, die essenziell für das Leben der Menschen sind, ohne Bezahlung geleistet werde. "Der Staat würde sonst zusammenbrechen." Lange sprach er über den SPD-Politiker Wilhelm Högner, Ministerpräsident in der Nachkriegszeit und "Vater der bayerischen Verfassung". Dabei lobte er vor allem die sozialen Ansätze Högners.

Stellvertretend für die Menschen, deren Engagement an diesem Tag gewürdigt wurde, stellten zwei Ehrenamtliche ihre Tätigkeit etwas genauer vor. "Als ich die Treppe hochgegangen bin, habe ich noch nicht gewusst, dass ich jetzt hier stehen würde", sagte Professor Eike Uhlich, der über seinen Einsatz für Flüchtlinge sprach. Vor drei Jahren hatte der Hofheimer die katastrophalen Ereignisse auf der Insel Lampedusa in den Medien verfolgt und sei schockiert gewesen von der Gleichgültigkeit in seinem Umfeld. So sprach er den Hofheimer Bürgermeister darauf an, der ihn im Stadtrat über das Thema reden ließ. Nach seiner flammenden Rede wurde Uhlich gleich von der Stadt beauftragt, sich offiziell um das Thema zu kümmern. Nun suchte er Leute, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen wollen, und gründete einen Verein.

Ein weiterer Höhepunkt war eine Kanzelrede in der Hofheimer Kirche, in der er die Kirchengemeinde erreichte. Ein alter Gutshof, der lange leer stand und der Stadt Hofheim gehörte, wurde zur ersten Flüchtlingsunterkunft der Stadt. Heute hat der Verein 45 Mitglieder, die sich um 80 Flüchtlinge kümmern. Oft besuchen sie die Menschen in ihrer Unterkunft und unterhalten sich. Die Kommunikation funktioniere, so Uhlich, "auch wenn die einen nur arabisch sprechen und die anderen nur fränkisch."

Auch die Reaktion der Nachbarn beschrieb er als sehr positiv. Eine Frau habe gesagt: "Endlich hört man mal wieder Kindergeschrei."

Der andere, der seine Arbeit vorstellte, war Nikolaus Zimmermann als Vorsitzender der Zeiler Naturfreunde. Hier gehe es nicht nur um Naturverbundenheit, sondern auch um einen Einsatz für ältere Menschen und für Kinder. "Wir haben das Haus ,Warme Sonne', wo kein Auto mehr fährt", berichtete er. Immer wieder könnten dort "schöne Gespräche über alte Zeiten" geführt werden. Außerdem erinnerte er an die Geschichte der Naturfreunde, die nach dem Krieg versucht hatten, den Menschen eine Chance zu geben, aus den Städten herauszukommen. Ein weiteres Anliegen, für das er Aufmerksamkeit wecken wollte, war die Bedeutung des Wassers für die Menschen, gerade in Zeiten, in denen Konzerne Brunnen in Afrika kaufen, um das Wasser dann in Europa teuer zu verkaufen.

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