Haßfurt
Volksbegehren

Mehr Zeit für das Gymnasium und die Reife

Das Volksbegehren nicht als Abstimmung über ein fertiges Konzept, sondern als Auftrag an die Staatsregierung, das Gymnasium umzubauen. Der Gedanke kristallisierte sich beim Diskussionsabend zum Thema "G8/G9, die Zukunft des Gymnasiums" mit dem Landtagsabgeordneten Hans Jürgen Fahn (FW) in Haßfurt heraus. Wobei Fahn deutlich machte, dass dieses Volksbegehren aus seinem Blickwinkel nicht scheitern dürfe.
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Durch das Volksbegehren im Juli wollen sie eine Gymnasialreform anstoßen, die die Bildungsqualität und die Schüler in den Mittelpunkt stellt: Zur Diskussion hatte MdL Dr. Hans Jürgen Fahn (Mitte) Peter Stegmann vom Bayerischen Philologenverband (links) und Stephan Bauer vom Unterfränkischen Lehrerinnen- und Lehrerverband nach Haßfurt eingeladen.  Foto: Wählergemeinschaft
Durch das Volksbegehren im Juli wollen sie eine Gymnasialreform anstoßen, die die Bildungsqualität und die Schüler in den Mittelpunkt stellt: Zur Diskussion hatte MdL Dr. Hans Jürgen Fahn (Mitte) Peter Stegmann vom Bayerischen Philologenverband (links) und Stephan Bauer vom Unterfränkischen Lehrerinnen- und Lehrerverband nach Haßfurt eingeladen. Foto: Wählergemeinschaft
Als Referenten stellte die stellvertretende Kreisvorsitzende der Wählergemeinschaft Haßberge, Sabine Weinbeer, Peter Stegmann vom Bayerischen Philologenverband und Stephan Bauer vom Unterfränkischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) vor.

Fahn hat bis zu seiner Wahl den Landtag vor gut fünf Jahren selbst 28 Jahre an einem Gymnasium unterrichtet. Er stellte nach Mitteilung der Wählergemeinschaft fest, dass das G8 seit seiner überhasteten Einführung vor zehn Jahren nie zur Ruhe gekommen sei. Für 30 Prozent der Schüler sei das G8 zu schnell, viel mehr Gymnasiasten als früher klagten gar über gesundheitliche Beschwerden und über fehlende Zeit, um sich zu erholen.


Wahlfreiheit ist auch nichts

Mit der Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, wie sie in einigen Bundesländern gut funktioniere, seien die Freien Wähler vor einem Jahr an das Thema herangegangen, im Laufe der Diskussion habe sich die Zielrichtung gewandelt: "Das Ziel lautet G9, denn auch das Flexi-Jahr ist ein Flop", betonte Fahn. Ein Warnsignal ist für ihn der Rückgang ehrenamtlichen Engagements bei den Gymnasiasten, ebenso wie bei den Ganztagsschülern. Service-Learning sei daher ein Thema, weil es auch zur charakterlichen Reifung der Schüler beiträgt.

Dass die Parallelität von G8 und G9 organisatorische Probleme vor allem an kleineren Gymnasien mit sich bringen würde, da stimmte Fahn dem Haßfurter Bürgermeister Günther Werner (WG) zu. Dass das Gymnasium aber endlich eine zuverlässige Struktur brauche, sei unbestritten, erklärte Werner aus seiner Erfahrung als Elternbeiratsvorsitzender bis 2010.

Das denken die Gymnasiallehrer

Auf großes Interesse stieß Peter Stegmann, der die Überlegungen des Philologenverbandes vorstellte. Die konzentrieren sich auf die Entzerrung der derzeit überfrachteten Mittelstufe. Das Eckpunktepapier des Philologenverbandes dreht die Idee des Flexi-Jahres um: Der Teil der Schüler, die auch derzeit das G8 ohne Probleme schaffen "und die gibt es natürlich, auch mit hervorragenden Ergebnissen", könnten ab der neunten Klasse durch Zusatz-Unterricht am Nachmittag ein Jahr einsparen und damit früher in die Oberstufe einsteigen.

In den Ausführungen Stegmanns und der Diskussion wurde deutlich: Viele 17-jährige G8-Absolventen haben nicht die nötige Reife für ein Studium, wissen noch nicht so recht, wo es hingehen soll. "Auch das Orientierungsjahr Bundeswehr gerade für uns Männer ist ja entfallen", urteilte Stegmann. Überhaupt seien die Jungs die "G8-Verlierer", weil für sie die höchsten Anforderungen und die Pubertät besonders massiv zusammentreffen.

Und die Qualität der gymnasialen Ausbildung leide, "weil die Zeit fehlt, Inhalte zu festigen". Gleichzeitig stiegen die Anforderungen an die Schulen. "Das Volksbegehren steigert den öffentlichen Druck auf die Staatsregierung, und das ist gut so", erklärte Stegmann. Er erwartet sich durch die angestoßene Diskussion eine Qualitätsverbesserung, indem die guten Elemente des G8 wie die individuelle Förderung beibehalten, die Schwächen aber beseitigt werden. "Ich bin überzeugt, dass viele Gymnasiallehrer in die Rathäuser gehen und unterschreiben", so Stegmann.

Im Gegensatz zum Philologenverband hat sich der BLLV offiziell für die Unterstützung des Volksbegehrens ausgesprochen, erklärte Stephan Bauer. Auch für ihn ist die Qualität des Lernens zentral. Derzeit laste ein hoher Druck auf Kindern wie Lehrern. Das Ergebnis sei, dass "die Kinder pauken, nicht lernen". Das G8 in seiner jetzigen Form habe auch die soziale Selektion weiter verschärft.

Abitur ein Halbreifezeugnis?

"Das Abitur ist eigentlich nur noch ein Halbreifezeugnis", meinte in der Diskussion ein Vater, der Kinder sowohl im G9 als auch im G8 hatte. Er meinte die erst 17-jährigen Abiturienten. Das Ergebnis sei, was die anwesenden Lehrkräfte bestätigten, dass ein Großteil der G8-Absolventen sich erst Mal ein Jahr Orientierung nähmen.

Deutlich wurde der Wunsch, dass am Gymnasium auch Zeit und Personal vorhanden sein sollten für musische Bildung und Sport. "Wir haben seit Einführung des G8 wesentlich weniger Leistungsträger beispielsweise in der Leichtathletik", erklärte der BLSV-Kreisvorsitzende Andreas Schröck, "und das sind in der Regel auch die jungen Leute, die später als Übungsleiter zur Verfügung stehen". Es liege aber auch ein Stück weit am Engagement der Schule, erklärte dazu Klaus-Peter Schmitt. Er forderte grundlegendes Umdenken: "Bildung muss endlich systemrelevant sein. So wie Banken, bei deren Rettung Geld keine Rolle spielt."

Stephan Bauer merkte an: "Wir müssen das Volksbegehren unterstützen, denn ich fürchte, dass die Staatsregierung eine geringe Beteiligung als Zustimmung zur bestehenden Bildungspolitik interpretieren würde". Dieser Verdacht werde bestärkt, so Hans Jürgen Fahn abschließend, weil Kultusminister Spaenle im Sommer einen eigenen Reformvorschlag vorlegen wollte, "jetzt aber bis Herbst nichts mehr zu dem Thema sagen will".
Das Volksbegehren findet vom 3. bis 16. Juli statt. Den Vorstoß der Freien Wähler unterstützen mittlerweile offiziell 45 Organisationen.
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