Knetzgau
Unfall

Massenkarambolage auf A70 - Unfallzeuge: "Man hat nichts mehr gesehen"

Die Massenkarambolage vom Sonntag auf der A70 bei Knetzgau geht vermutlich auf Wettereinflüsse zurück. Glück hatten die Einsatzkräfte beim Unfallzeitpunkt.
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Die Unfallstelle auf der A 70. Ein Großaufgebot an Hilfskräften war im Einsatz.  Fotos: Klaus Schmitt
Die Unfallstelle auf der A 70. Ein Großaufgebot an Hilfskräften war im Einsatz. Fotos: Klaus Schmitt
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Peter Pfaff hat am Sonntag das Frühlingsfest der Feuerwehr in Königsberg besucht. Am späten Nachmittag macht er sich auf den Heimweg, und als der Kreisbrandinspektor an seiner Wohnung in Zeil ankommt, schrillt der Alarm. Die Alarm-Liste, die ihm die Integrierte Leitstelle Schweinfurt (ILS) überträgt, wird lang, sehr lang.

Da muss etwas Schlimmes passiert sein, schießt es dem leitenden Feuerwehrmann durch den Kopf. Als der Begriff Massenkarambolage auftaucht, "erschrickst du erst einmal". Für Gefühle bleibt in einem solchen Moment aber keine Zeit. Peter Pfaff setzt sich wieder in seinen weißen Ford Kuga, platziert das mobile Blaulicht auf dem Dach und jagt los auf die Maintalautobahn A70. Zwischen den beiden Anschlussstellen Haßfurt und Knetzgau waren auf der Richtungsfahrbahn Bamberg 17 Autos ineinander gekracht. Menschen wurden verletzt. Jetzt gibt es viel zu tun für Peter Pfaff, der als Einsatzleiter der Feuerwehr maßgeblich an den Bergungsarbeiten beteiligt ist. Hat er solch einen Unfall schon einmal erlebt? "In der Art noch nicht", gesteht der Zeiler.

Den genauen Unfallhergang hat die Polizei noch nicht komplett ermittelt, teilte das Präsidium für Unterfranken einen Tag nach dem Unfall, am Montag, mit. In einem Graupelschauer hatte ein Seat-Fahrer auf der Fahrbahn in Richtung Bamberg etwa zwei Kilometer vor der Abfahrt Knetzgau die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Der Seat kam rechts von der Fahrbahn ab und blieb an einer Böschung stehen. Ein Dacia hielt auf dem Seitenstreifen, die Dacia-Insassen eilten den Verunglückten im Seat zu Hilfe.

Der Ersthelfer und seine Frau brachten den Seat-Fahrer, dessen Beifahrerin und zwei Kleinkinder aus dem Unfallfahrzeug. Nur einen Augenblick später geriet ein Skoda ebenfalls rechts von der Fahrbahn ab, fuhr dabei die Böschung entlang und erfasste schließlich die Frau des Ersthelfers, den aus dem Seat befreiten Fahrer und dessen Kind. Nachdem sich hinter der Unfallstelle bereits ein Stau gebildet hatte, kam es noch zu drei weiteren Folgeunfällen.

Insgesamt wurden zehn Personen bei den Kollisionen verletzt, vier davon schwer. Bei zwei Beteiligten bestand am Sonntagabend Lebensgefahr. In einem lebensbedrohlichen Zustand befand sich am Montag keiner der Verletzten mehr; das berichtete die Polizei um die Mittagszeit.



Glück hatte ein Autofahrer aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt. Der Mann, der mit weiteren drei Personen in seinem Wagen in Richtung Bamberg unterwegs war, war das erste Fahrzeug, das hinter den verunglückten 17 Autos anhalten konnte - ohne Schaden am eigenen Pkw. "Ich bin den Trümmern ausgewichen und zum Stehen gekommen", schildert der Mittelfranke unserer Zeitung.

Nach dem ersten Schock des Unfalls unmittelbar vor der eigenen Motorhaube kommt der zweite Schock für den Mittelfranken und die drei weiteren Insassen. Rechts neben seinem Auto rauscht ein roter Volvo, von hinten kommend, auf dem Grünstreifen vorbei. Dessen Fahrer hatte nicht mehr stoppen können und war offenbar nach rechts ausgewichen. Dem Mittelfranken und zweien seiner Begleiterinnen steht noch Stunden nach dem Unfall der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sie lehnen, in weiße Decken zum Schutz gegen Kälte gehüllt, an ihrem Wagen.

Der Mittelfranken steigt aus, nachdem er seinen Wagen rechtzeitig zum Stehen gebracht hat, und hilft dabei, eine verunglückte Person aus einem Auto zu befreien, das wenige Meter weiter vorne mit einem anderen Auto kollidiert und in die Leitplanke geprallt war. Er ist Feuerwehrmann und weiß, was man in solchen Fällen zu tun hat.
Für den Mittelfranken ist das Wetter eine Ursache für die Massenkarambolage auf der A70 am Sonntag. "Man hat nichts mehr gesehen", erinnert er sich. Eine Wolke hüllte die Umgebung in Dunkelheit. Regen und Schnee kamen vom Himmel, Wasser und Matsch spritzten von der Fahrbahn auf. Matsch lag auf der Autobahn.

Auch der Feuerwehr-Einsatzleiter Peter Pfaff gibt dem Wetter eine Mitschuld an dem Unfall. "Die Witterung hat alle überrascht", erklärt der erfahrene Feuerwehrmann. Auch Helmut Habermann, der Leiter der Verkehrspolizei Schweinfurt-Werneck, die für den A70-Abschnitt zwischen Haßfurt und Knetzgau zuständig ist, weiß, dass das Wetter bei den Kollisionen der 17 Autos eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Aber der Graupelschauer ist sicher nicht alleine schuld. Manche Fahrer haben ihr Tempo nicht den äußeren Bedingungen angepasst, wie es schön im Polizei-Deutsch immer wieder heißt, wenn solche Unfälle passieren. Im Klartext: Sie sind zu schnell gefahren: Wie sonst ist es zu erklären, dass Autos an bereits stehenden Fahrzeugen vorbeischießen, im Fall des Unfalls sogar auf dem Grünstreifen rechts neben der Standspur.


Nach einem ähnlichen Muster

Ähnliche Unfälle sind nach einem ähnlichen Schema verlaufen. Plötzlich tauchen Nebelbänke auf, und Autos rasen hinein. Oder ein Sandsturm, wie er plötzlich auf einer Autobahn in Mecklenburg-Vorpommern hereinbrach. Auch dort sind Autos ineinander gerast. Mehrere Menschen sind damals im Nordosten der Republik gestorben.

Das ist bei dem Unfall am Sonntag nahe Knetzgau zum Glück nicht passiert. Aber zehn Menschen sind verletzt worden, vier von ihnen schwer.

Helmut Habermann bescheinigt allen Einsatzkräften von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk sowie Bayerischem Roten Kreuz und Polizei eine "tolle Zusammenarbeit". Alle Kräfte, die da sein mussten, waren da. Auch Notfallseelsorger kümmerten sich um Beteiligte.


Fast 300 Einsatzkräfte

Nach den Angaben von Polizei und Integrierter Leitstelle waren mehrere Streifenbesatzungen der Verkehrspolizeiinspektion Schweinfurt-Werneck im Einsatz, die von Beamten der Polizeiinspektionen Schweinfurt und Haßfurt unterstützt wurden. Die Feuerwehren aus Haßfurt, Knetzgau, Wonfurt, Sand am Main, Gädheim, Donnersdorf und Westheim waren mit insgesamt 125 Einsatzkräften vor Ort. Auch der Rettungsdienst war mit einem Großaufgebot von 126 Frauen und Männern, mehreren Notärzten, vier Rettungshubschraubern und zahlreichen Rettungswagen im Einsatz. Das Technische Hilfswerk Haßfurt unterstütze mit 14 Einsatzkräften. Auf der Gegenfahrbahn in Richtung Schweinfurt war ein Zelt errichtet worden, in dem Unfallbeteiligte und Einsatzkräfte versorgt und bedarfsweise betreut wurden

Auch wenn es etwas seltsam klingen mag: Der späte Sonntagnachmittag war ein günstiger Unfallzeitpunkt. Alle Einsatzkräfte waren verfügbar, weil sie nicht beruflich gebunden waren, erklärt Kreisbrandinspektor Peter Pfaff, und es herrschte nicht viel Verkehr. Das bedeutete auch, dass die Umleitungsstrecken rund um Haßfurt den abgeleiteten Verkehr verkraften konnten. Die Autobahn musste wegen der Bergungs- und Aufräumarbeiten für mehrere Stunden in beide Fahrtrichtungen gesperrt werden. Im Berufsverkehr wäre die Situation laut Pfaff wesentlich schwieriger gewesen.




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